{"id":211,"date":"2018-06-10T17:47:35","date_gmt":"2018-06-10T15:47:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kuhn-widmer.ch\/?p=211"},"modified":"2018-06-10T18:29:35","modified_gmt":"2018-06-10T16:29:35","slug":"traumatischer-augenblick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kuhn-widmer.ch\/index.php\/2018\/06\/10\/traumatischer-augenblick\/","title":{"rendered":"Traumatischer Augenblick"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-210 alignright\" src=\"https:\/\/blog.kuhn-widmer.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Kletterkuenste-278x300.jpg\" alt=\"\" width=\"278\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.kuhn-widmer.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Kletterkuenste-278x300.jpg 278w, https:\/\/blog.kuhn-widmer.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Kletterkuenste-768x829.jpg 768w, https:\/\/blog.kuhn-widmer.ch\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Kletterkuenste.jpg 873w\" sizes=\"(max-width: 278px) 100vw, 278px\" \/>Verstand, Wille, Gef\u00fchl, welch kostbare Gaben Gottes! Eine Dreierseilschaft, die zu wunderbaren Kompositionen des Lebens begabt ist. Und wenn der richtige F\u00fchrer vorangeht, erreicht die Seilschaft auch durch anstrengende Wegstrecken das Ziel. Wille und Gef\u00fchl anvertrauen sich der F\u00fchrung des Verstandes. Zumindest in der Regel. Doch kennen wir auch die Augenblicke, in welchen diese gute Regel durchbrochen wird?<\/p>\n<p>Den Psalms\u00e4ngern, den S\u00f6hnen Korachs, waren solche Erfahrungen nicht unbekannt. In Ps\u00a042,7 schrieben sie: <em>&#8222;Mein Gott, aufgel\u00f6st ist meine Seele in mir.&#8220;<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Bisher besuchte ich meine schwerkranke Ehefrau zweimal pro Woche im Pflegeheim. Nat\u00fcrlich belastet mich nicht nur die Reise, sondern auch der Besuch an und f\u00fcr sich. Es schneidet jedes Mal in die Seele, wenn ich meine Geliebte in ihrer weit fortgeschrittenen Hilflosigkeit sehen muss.<\/p>\n<p>Ganz bewusst sagt dann mein Verstand: Schau auf das, was noch vorhanden ist, was noch funktioniert. Es gibt so viele kleine und kleinste Dinge, \u00fcber die du dich freuen kannst. Nimm es mit offenen Augen auf und danke Gott f\u00fcr alles, was einmal war und was noch da ist!<\/p>\n<p>So ist es immer wieder ein besonderer Augenblick, wenn ich eintrete und miterleben kann, wie sich das Gesicht meiner lieben Rosmarie aufhellt und ihre Augen zu leuchten beginnen, sobald sie mich wahrnimmt. Der Herzenskontakt ist noch vorhanden &#8211; und was will ich mehr?<\/p>\n<p>Bei meinem letzten Besuch (8.06.2018) war es anders. Ich trat ins Zimmer, wo Rosmarie wach im Bett lag. Keinerlei Reaktion. Ich zeigte mich nahe vor ihrem Gesicht. Sie schaute mich an und doch nicht, irgendwie schaute sie durch mich hindurch. Ein Kuss blieb ohne Widerhall, l\u00f6ste einfach nichts aus. Nun versuchte sie, sich aufzusetzen. Deshalb \u00f6ffnete ich den Reissverschluss, setzte sie auf und befreite ihre Arme aus dem Leintuch. Kaum war dies erledigt, schlief sie pl\u00f6tzlich mit ge\u00f6ffneten Augen ein. So legte ich sie hin und wartete, bis sie von selbst wieder erwachte.<\/p>\n<p>Nun stellte ich den Rollstuhl bereit und setzte Rosmarie an den Bettrand. An ein Aufstehen war nicht zu denken. Keine Kraft in den Beinen. Erst mit Hilfe zweier Pflegepersonen war der Transfer auf den Rollstuhl m\u00f6glich. Anschliessend ging ich mit meiner Gemahlin im Garten spazieren. Die frische Luft tat ihr gut, aber noch immer war keine Kontaktnahme m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Mittlerweile war es Zeit f\u00fcr den w\u00f6chentlichen Hausgottesdienst. Wir sassen bereits am grossen runden Tisch. Da fing meine Gattin an zu weinen und liess sich auf keine Weise mehr tr\u00f6sten. So verabschiedete ich mich und ging mit meiner Liebsten aufs Zimmer. Erneut versuchte ich, in Kontakt zu treten. Vergeblich. Nur dieser charakteristische &#8222;Nirgendwohinblick&#8220; in die Ferne. Da ich selbst sehr verunsichert war, stellte ich jetzt ganz konkret die Frage: &#8222;Rosmarie, weisst du, wer ich bin?&#8220; Sie schaute mich an und sagte: &#8222;Nein&#8220;.<\/p>\n<p>Ein Nein, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich wusste ja schon lange, dass dies kommen wird. Und ich habe ganz konkret mit dieser Entwicklung gerechnet. Trotzdem ist die praktische Erfahrung nochmals ein anderes Kaliber.<\/p>\n<p>Zu Hause angekommen brauchte ich zuerst einige Momente, um das Erlebte am richtigen Ort abzuladen und wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Wenn wir in fr\u00fcheren Zeiten schmerzliche Ereignisse verarbeiten mussten, konnten wir uns gegenseitig unterst\u00fctzen. Rosmarie verstand es immer wunderbar, die Funktion als Tr\u00f6sterin auszu\u00fcben. Jetzt, wo ich sie so dringend gebraucht h\u00e4tte, war ich allein.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal habe ich mich tief einsam gef\u00fchlt. Alle verstandesm\u00e4ssigen \u00dcberlegungen und alles mir selbst Zureden halfen nichts mehr. Das Gef\u00fchl rebellierte &#8211; jetzt brauchte ich ein P\u00e4ckchen Taschent\u00fccher. Ja, das war echt Psalm 42,7: <em>&#8222;&#8230;aufgel\u00f6st ist meine Seele in mir.&#8220;<\/em> Aufgel\u00f6st war, bildlich gesprochen, die Ordnung in der &#8222;Dreierseilschaft&#8220;.<\/p>\n<p>Das zitierte Psalmwort hat jedoch eine befreiende Fortsetzung: <i>&#8222;&#8230;darum denke ich an dich.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Das Einzige, was mir deshalb in dieser Not sinnvoll schien: Ich ging zu meinem Herrn im himmlischen Heiligtum und sagte Ihm mit wenig Worten, aber eins zu eins, wie es um mich steht. In diesen Augenblicken f\u00fchlte ich mich wirklich in seine Arme genommen und begriff: Er weiss, was Einsamkeit bedeutet. In seiner schwersten Stunde, in seinem Gebetskampf im Garten Gethsemane, schliefen seine J\u00fcnger. Und als Er dort verhaftet wurde, verliessen sie Ihn alle. Allein ging Er den Weg zum Verh\u00f6r, zur Folterung, zur Verurteilung, zum Kreuz. Und am Kreuz war Er auch von Gott verlassen.<\/p>\n<p>Er, der in seiner schwersten Stunde allein gelassen wurde, versteht mich. Und Er l\u00e4sst mich nicht allein! Er selbst hat es ja versprochen (Mt\u00a028,20): <i>&#8222;Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Weltzeit.&#8220;<\/i> Erfahren l\u00e4sst sich die Wirklichkeit und Zuverl\u00e4ssigkeit dieser Zusage allerdings nur auf dem Hintergrund der Einsamkeit, wenn diese hautnah an uns herankommt.<\/p>\n<p>In den gegenw\u00e4rtigen Herausforderungen wird mir mehr und mehr bewusst, welch grosser Segen darin liegt, wenn im erzwungenen Alleinsein die Gegenwart Gottes und der Trost des Heiligen Geistes den ihnen zustehenden Raum bekommen und das Fehlen der menschlichen Tr\u00f6sterin mehr als nur wettmachen.<\/p>\n<h2 class=\"western\"><\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verstand, Wille, Gef\u00fchl, welch kostbare Gaben Gottes! Eine Dreierseilschaft, die zu wunderbaren Kompositionen des Lebens begabt ist. Und wenn der richtige F\u00fchrer vorangeht, erreicht die Seilschaft auch durch anstrengende Wegstrecken das Ziel. 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