{"id":709,"date":"2023-01-04T18:16:45","date_gmt":"2023-01-04T17:16:45","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kuhn-widmer.ch\/?p=709"},"modified":"2026-05-11T12:02:48","modified_gmt":"2026-05-11T10:02:48","slug":"diagnose-demenz-in-gottes-heilsamer-werkstatt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kuhn-widmer.ch\/index.php\/2023\/01\/04\/diagnose-demenz-in-gottes-heilsamer-werkstatt\/","title":{"rendered":"Diagnose Demenz &#8211; In Gottes heilsamer Werkstatt"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" width=\"728\" height=\"625\" src=\"https:\/\/blog.kuhn-widmer.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Blaetter_im_Wind_mit_Rand.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-710\" srcset=\"https:\/\/blog.kuhn-widmer.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Blaetter_im_Wind_mit_Rand.png 728w, https:\/\/blog.kuhn-widmer.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Blaetter_im_Wind_mit_Rand-300x258.png 300w\" sizes=\"(max-width: 728px) 100vw, 728px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Dezember 2022 hielt ich in der FMG-Unterseen-Interlaken einen Vortrag zu dem oben genannten Thema: &#8222;Diagnose Demenz &#8211; In Gottes heilsamer Werkstatt&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Als Angeh\u00f6riger von drei Personen, die in meinem n\u00e4chsten Umfeld an Demenz erkrankten, konnte ich viel praktische Erfahrungen sammeln, davon sollen andere Menschen profitieren k\u00f6nnen. In meinem Vortrag geht es nicht in erster Linie um die Vermittlung von Sachkenntnissen. Den Schwerpunkt lege ich bewusst auf die geistliche Dimension, denn:<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Sachliche Kenntnisse kann man sich auch anderweitig erwerben, in Vortr\u00e4gen, in B\u00fcchern, im Internet.<\/li><li>Die geistliche Dimension einer dementiellen Erkrankung wird hingegen kaum je thematisiert, so als w\u00e4re sie nicht existent.<\/li><li>Von Christen sollte die Frage &#8222;was beabsichtigt Gott mit dieser Erkrankung?&#8220; bewusst mit einbezogen werden &#8211; und zwar im Blick auf beide Seiten &#8211; f\u00fcr die betroffene Person, aber auch f\u00fcr die Betreuenden. So kann diese schwierige Zeit zu positiven Resultaten f\u00fchren.<\/li><li>Betreuende Personen brauchen Sicherheit im Blick auf alle Aspekte der dementiellen Erkrankung, eben auch Sicherheit im geistlichen Bereich, um der betroffenen Person hilfreiche Orientierung vermitteln zu k\u00f6nnen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Im folgenden Player k\u00f6nnen Sie den Vortrag im Original (in Z\u00fcrcher Dialekt) h\u00f6ren. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Sie jedoch unten auf &#8222;weiterlesen&#8220; klicken, kommen Sie zur schriftlichen Version in Deutsch.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/blog.kuhn-widmer.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Diagnose_Demenz-In_Gottes_heilsamer_Werkstatt-1.mp3\"><\/audio><figcaption>Diagnose Demenz &#8211; In Gottes heilsamer Werkstatt<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Hier kommen Sie zur schriftlichen Form dieses Vortrags:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h2><strong>Diagnose Demenz &#8211; In Gottes heilsamer Werkstatt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Heinrich Kuhn <\/p>\n\n\n\n<p><strong>1)  Vorwort<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was ich heute weitergebe, ist kein Fachvortrag \u00fcber Demenz, sondern eher ein Erlebnisbericht. Ich halte diesen Vortrag als Angeh\u00f6riger von betroffenen Personen. Zuerst erkrankte mein Schwiegervater. Seine Ehefrau hat ihn zu Hause betreut. Als sie am Rand eines Zusammenbruchs war, kam Vater ins Pflegeheim. In seinen letzten Jahren kannte er uns nicht mehr. Auch meine Schwiegermutter ist im sehr hohen Alter dement geworden und musste ihre letzten beiden Lebensjahre im Pflegeheim verbringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 2012 zeigten sich bei meiner Ehefrau die ersten deutlichen Anzeichen einer dementiellen Erkrankung. Ich konnte sie bis Ende 2016 zu Hause umsorgen, unterst\u00fctzt durch die Spitex und ProSenectute. Im Januar 2017 trat sie ins HAUS FUHRENMATTE in Boltigen ein. Dort hat sie im christlich gef\u00fchrten Heim ihre letzten drei Jahre erlebt.<\/p>\n\n\n\n<h4>2)  Einf\u00fchrung<\/h4>\n\n\n\n<p>Mein Thema ist positiv formuliert. Das soll jedoch nicht heissen, dass wir uns eine dementielle Erkrankung w\u00fcnschen sollten, auf keinen Fall. Egal, um welche Art einer Demenz es sich handelt, der Orientierungsverlust ist f\u00fcr die betroffene Person eine sehr tiefgreifende und belastende Erfahrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst gehe ich auf die Frage ein, ob eine demente Person ihre menschliche W\u00fcrde verliert? Das w\u00fcrde dem optischen Eindruck entsprechen. Aber diese Einsch\u00e4tzung ist falsch. Die menschliche W\u00fcrde ist nicht abh\u00e4ngig von der mentalen Leistungsf\u00e4higkeit. Wir sind Gottes Gesch\u00f6pfe. Er hat uns nach seinem Bild geschaffen. Darum sind wir wertvoll. Es ist wichtig, dass wir alle Menschen aus dieser Perspektive betrachten, auch wenn sie an Demenz erkrankt sind. Sie sind Gottes Gesch\u00f6pfe, und f\u00fcr Ihn sind sie kostbar bis zum letzten Atemzug.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich will heute nichts kleinreden. Aber ich m\u00f6chte eine andere Sichtweise vermitteln. F\u00fcr Menschen, die bewusst mit Christus unterwegs sind, gilt was Paulus in R\u00f6m 8,28 anspricht: <em>&#8222;<\/em><em>Was auch geschieht, das eine wissen wir: F\u00fcr die, die Gott lieben, muss alles zu ihrem Heil dienen. Es sind die Menschen, die <\/em><em>E<\/em><em>r nach seinem freien Entschluss berufen hat<\/em><em>.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Vers wird leider h\u00e4ufig missbr\u00e4uchlich und als billiger Trost zitiert. Davon will ich mich distanzieren. Ich zitiere diesen Vers, weil er eine Denkrichtung aufzeigt, die unabdingbar n\u00f6tig ist, wenn man mit jenem Schreckgespenst Demenz konfrontiert ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird n\u00e4mlich das Negative, die Krankheit, zu einer Plattform, auf der sich Gott offenbaren kann. Und dann muss auch die Krankheit dazu dienen, dass wir das werden, wozu wir von Gott bestimmt sind. Diese grundlegende Denkrichtung hilft uns, dass wir mit der herausfordernden Krankheit klar kommen k\u00f6nnen. Wir kommen zu der trostreichen Zuversicht: Auch wenn es zu einer dementiellen Erkrankung kommt, ist dies nicht einfach Schicksal, es ist \u00fcberhaupt nicht als Strafe zu bewerten, sondern es hat ganz direkt mit Gottes Liebe und mit seinen guten Absichten zu tun. Ich werde das sp\u00e4ter noch weiter ausf\u00fchren. Zuerst eine \u00dcbersicht:<\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Vortrag folge ich der \u00fcblichen Entwicklung einer dementiellen Erkrankung.<\/p>\n\n\n\n<ul><li>1. Phase: Leichter Ged\u00e4chtnisverlust. Die erkrankte Person realisiert die Ver\u00e4nderungen und k\u00e4mpft dagegen an. Es ist vor allem f\u00fcr die betroffene Person eine sehr schwere Zeit.<\/li><li>2. Phase: Mittlerer Ged\u00e4chtnisverlust. Einsetzender Orientierungsverlust, deutliche Defizite in der Bew\u00e4ltigung des Alltags. Mehr und mehr auf Hilfe angewiesen.<\/li><li>3. Phase: Schwere Demenz. Betreuung rund um die Uhr n\u00f6tig. In vielen F\u00e4llen ist dies nur in der Heimpflege m\u00f6glich. Diese Phase endet mit dem Tod.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<h4>3)  Grundlegende Gedanken<\/h4>\n\n\n\n<p>Am sch\u00f6nsten w\u00e4re es doch, wenn Gott uns gleich nachdem wir zum Glauben gekommen sind, zu sich in die Herrlichkeit genommen h\u00e4tte, wo es keine Tr\u00e4nen und keinen Schmerz und kein Leid mehr gibt. Warum hat Er es nicht so eingerichtet? Warum sind wir noch mit so viel Notvollem auf dieser Erde konfrontiert? Ja, wir haben hier noch einen Auftrag zu ef\u00fcllen. Aber das ist nicht alles. Gott will uns nicht nur als seine Handlanger gebrauchen. Viel wichtiger ist Ihm das, was Er an uns selber tut. Und davon lesen wir in R\u00f6m 12,2. Hier sagt Paulus: <em>&#8222;Passt euch nicht den Ma\u00dfst\u00e4ben dieser Welt an. Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird &#8230;&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist Gottes Ziel. Wir sollen umgewandelt werden. Es handelt sich um einen Prozess, den wir nicht selbst bewirken k\u00f6nnen. D.h. wir k\u00f6nnen von uns aus nichts Substantielles dazu beitragen. Trotzdem sind auch wir gefordert, denn die Formulierung ist ein Befehl. Es geht darum, dass wir Gottes Wirken f\u00fcr diese Umwandlung bewusst und dankbar zulassen. Wir sollen willentlich mitgehen mit dem, was Gott an uns tut.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig ist nun die Frage: Was muss denn ver\u00e4ndert werden? Unser Denken, sagt Paulus. Was ist denn falsch an unserem Denken?<\/p>\n\n\n\n<p>Gehen wir zur\u00fcck an den Anfang der Bibel. Die Schlange kam ins Paradies und stellte Eva eine Frage (1Mo 3,1): <em>&#8222;Hat Gott wirklich gesagt: Von allen B\u00e4umen des Gartens d\u00fcrft ihr nicht essen?&#8220;<\/em> Die Schlange verdrehte Gottes Anweisung ins Gegenteil. Gott hatte gesagt (2,17): <em>&#8222;Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; <\/em><em>&#8230;<\/em>&#8220; &#8211; dann erst folgte die einschr\u00e4nkende Fortsetzung: <em>&#8222;&#8230;<\/em><em>aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und B\u00f6sen, davon darfst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben!<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage der Schlange f\u00fchrt Eva zu einem verdrehten Gottesbild von einem Gott, der seine Gesch\u00f6pfe nicht wirklich liebt, weil Er ihnen, wie die Schlange behauptet, nichts g\u00f6nnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie ist das nun bei uns gl\u00e4ubigen Christen? Wenn Gott uns bei einer Pr\u00fcfung durchfallen l\u00e4sst, oder wenn Er einen lieben Menschen wegnimmt, oder wenn Er durch eine dementielle Erkrankung alle unsere Pl\u00e4ne durchkreuzt &#8211; kommen dann nicht auch bei uns solche Gedanken: Warum straft mich Gott so? Womit habe ich das verdient? Hat Er mich \u00fcberhaupt lieb? So schnell beginnen auch wir, an der vollkommenen Liebe Gottes zu zweifeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Schauen wir weiter beim S\u00fcndenfall: Als n\u00e4chstes bringt die Schlange ihre krasse L\u00fcge ins Spiel (3,4\u20115): <em>&#8222;Ihr werdet keineswegs sterben, <\/em><em>sondern Gott wei<\/em><em>ss<\/em><em>: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und b\u00f6se ist.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Was heisst das im Klartext?<\/p>\n\n\n\n<ul><li>Gott hat euch angelogen, als Er ank\u00fcndigte, dass ihr sterben werdet, wenn ihr sein Gebot \u00fcbertretet.<\/li><li>Das Gegenteil ist der Fall: Ihr k\u00f6nntet klug werden und gleich sein wie Gott. Ihr braucht nicht l\u00e4nger abh\u00e4ngig zu sein, sondern k\u00f6nnt euer Leben selber bestimmen, aber nat\u00fcrlich &#8211; Gott g\u00f6nnt euch das nicht.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Die Schlange hat Erfolg. Eva schaut den Baum und die Frucht an, und sie will davon geniessen. Sie will es ausprobieren, gleich zu sein wie Gott. Sie nimmt die Frucht, isst und gibt ihrem Mann auch davon, und er isst. Und mit dem Essen der Frucht sind die Gedanken der Schlange in das Denken der Menschen eingedrungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was hier geschehen ist, k\u00f6nnen wir mit einer Konzeption, dem Akt einer Zeugung vergleichen. Ein Spermium dringt in eine Eizelle ein und \u00fcbergibt dieser Zelle den ganzen Inhalt der Information. Diese Information ist nun in der Eizelle drin und verbindet sich mit der Information, die dort vorhandenen ist. Und diese kombinierte Information bestimmt das werdende Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Eva und Adam von der Frucht assen, kam die Information Satans in ihr Denken hinein. Von diesem Moment an sitzt der Zweifel an Gottes Liebe tief verwurzelt im menschlichen Denken. Und von diesem Moment an ist der Hochmut ins Herz der Menschen eingedrungen und wurde zu unserem ureigensten Wesen. Von nun an wollen die Menschen gleich sein wie Gott. Von nun an wollen sie ihr Leben selber bestimmen und sich selbst verwirklichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wurden aber nicht f\u00fcr uneingeschr\u00e4nkte Selbstbestimmung geschaffen. Mit der Selbstverwirklichung \u00fcberfordern wir uns. Das mag uns erstaunen, aber es ist so. Damit wir das begreifen, m\u00fcssen wir mal von uns selbst weg auf Jesus schauen. Er hat in dieser Welt ein Leben vorgelebt, wie es urspr\u00fcnglich bei der Sch\u00f6pfung gedacht war. Er lebte in v\u00f6lliger \u00dcbereinstimmung mit seinem Himmlischen Vater. Und dieses von Gott abh\u00e4ngige und Ihm unterordnete Leben hat die reichste Frucht aller Zeiten hervorgebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Demgegen\u00fcber macht uns die Selbstverwirklichung zu Gefangenen der eigenen W\u00fcnsche und Vorstellungen &#8211; und auf diesem Boden w\u00e4chst keine Frucht f\u00fcr die Ewigkeit. So ist unsere nat\u00fcrliche Veranlagung auch zu unserer tiefsten Not geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg zur\u00fcck ist lang. Er f\u00fchrt \u00fcber den gekreuzigten Jesus zur\u00fcck in die Gemeinschaft mit Gott. Bei der Hinwendung zu Christus wird der Geist des Menschen wiedergeboren. Aber die Information der Schlange ist weiterhin noch da. Der wiedergeborene Mensch hat zwei Naturen, eine von Adam und eine von Gott. Unser Denken ist nicht schlagartig umgekrempelt. Bis die neue Stellung in Christus auch alle Facetten in unserem Denken durchdrungen hat, arbeitet Gott ein Leben lang an uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Die letzte Bastion unserer alten Natur ist meistens der Hochmut. Er kann sich sehr gut in ein frommes M\u00e4ntelchen tarnen und wird dann kaum erkannt. In den Jahren 1972-74 waren einige Armenier aus dem Libanon im Bibelseminar. Einer von ihnen wurde von seinen Kommilitonen auf das Thema Hochmut angesprochen. Er f\u00fchlte sich verletzt und entgegnete: &#8222;Ich bin gar nicht hochm\u00fctig, ich bin <strong>ganz hoch<\/strong> dem\u00fctig.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Hochmut kann nicht in den Himmel gehen. Darum ist es existentiell notwendig, dass Gott uns davon befreit. Der 119. Psalm spricht dar\u00fcber in Vers 67 in einer recht ungeschminkten Art und Weise: <em>&#8222;Ehe ich gedem\u00fctigt wurde, irrte ich;<\/em>&#8220;  Der Psalmist l\u00e4sst uns kein Schlupfloch. Die blanke Wahrheit lautet: Ich irrte! Gott sei Dank, f\u00e4hrt er dann weiter: <em>&#8222;nun aber halte ich dein Wort.<\/em>&#8220;  Das ist die s\u00fcsse Frucht, wenn Gott uns dem\u00fctigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute geht es um Demenz. In diesem Zustand kann man einem Menschen keine Belehrung mehr vermitteln. Dieser Zug ist endg\u00fcltig abgefahren. Ist das so? Ist das wirklich so?<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr habt nat\u00fcrlich recht. Eine demente Person nimmt nichts mehr auf von einem klugen Vortrag. Trotzdem &#8211; f\u00fcr Gott ist der Zug noch lange nicht abgefahren.<\/p>\n\n\n\n<p>In Dan 4,27 wird uns ein \u00fcberheblicher Grossk\u00f6nig vorgestellt. Es handelt sich um Nebukadnezar. Er sagte: <em>&#8222;Das ist das <\/em><em><u>gro<\/u><\/em><em><u>ss<\/u><\/em><em><u>e<\/u><\/em><em> Babel, das <\/em><em><u>ich<\/u><\/em><em> erbaut habe zur K\u00f6nigsstadt durch <\/em><em><u>meine<\/u><\/em><em> gro<\/em><em>ss<\/em><em>e Macht zu Ehren <\/em><em><u>meiner<\/u><\/em><em> Herrlichkeit.<\/em>&#8220;  Ein deutlicher Ausdruck der Selbstverwirklichung und der \u00dcberheblichkeit. Nebukadnezar muss unbedingt heruntersteigen. F\u00fcr uns Menschen ist es unm\u00f6glich, einen so stolzen K\u00f6nig in die Schranken zu weisen und zu dem\u00fctigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was Menschen nicht fertigbringen, das hat Gott zustande gebracht in einer Zeit, als dieser Nebukadnezar f\u00fcr sieben Jahre den Verstand verloren hatte. In dieser Zeit lebte er bei den Feldtieren und ern\u00e4hrte sich von Gras. So wurde er gedem\u00fctigt. Und nach den sieben Jahren gab er Gott die Ehre (Dan 4,34): <em>&#8222;Darum lobe, ehre und preise ich, Nebukadnezar, den K\u00f6nig des Himmels; denn all sein Tun ist Wahrheit, und seine Wege sind recht, und wer stolz einherschreitet, den kann Er dem\u00fctigen.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Glaubt ihr mir jetzt, dass Gott sein Ziel mit einem Menschen erreichen kann, wenn dieser an einer fortgeschrittenen Demenz leidet? Gott hat einen direkten Zugang zum menschlichen Geist. Er ist nicht auf eine funktionierende Ratio angewiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte richtig verstanden werden: Was ich gerade ausgef\u00fchrt habe heisst nicht, dass vor allem die besonders stolzen Menschen an Demenz erkranken. Gott geht unterschiedliche Wege mit seinen Menschen, und Er braucht unterschiedliche Werkzeuge. Seine Wege und Werkzeuge sind jedoch immer optimal auf den betreffenden Menschen angepasst.<\/p>\n\n\n\n<p>Schauen wir nun also die drei erw\u00e4hnten Phasen im Verlauf einer Demenz an:<\/p>\n\n\n\n<h4>4)  Phase 1: Schwacher Ged\u00e4chtnisverlust.<\/h4>\n\n\n\n<p>F\u00fcr jemanden, der an einer dementiellen Erkrankung leidet, ist die erste Phase besonders herausfordernd: Die Person realisiert, dass die Vergesslichkeit nicht nur zunimmt, sondern neue Formen annimmt. Auch in gesunden Zeiten k\u00f6nnen wir Dinge verlegen. Besonders mit zunehmendem Alter ist es normal, dass wir immer \u00f6fter etwas suchen m\u00fcssen. Dann gehen wir in Gedanken zur\u00fcck und fragen uns, wo hatte ich das Verlorene noch &#8211; und wo hatte ich es nicht mehr. Und in der Regel finden wir die Sache wieder. Ein Mensch mit Demenz hat hingegen keine Chance, in Gedanken zur\u00fcck zu gehen, keine Chance, das Verlorene wieder zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die betroffene Person ist es besonders schmerzlich, wenn die eigenen Defizite in ihrem Umfeld sichtbar werden, oder wenn die Menschen mit dummen Bemerkungen reagieren. In dieser Zeit hat meine Ehefrau \u00f6fter den Satz gesagt: &#8222;Ich wott doch kes Tubeli werde.&#8220; Dieser Satz gibt einen tiefen Blick in die seelische Not des Betroffenen. Es ist das Operationsmesser des himmlischen Chirurgen, um den letzten Rest vom Stolz herauszuschneiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kontrollverlust f\u00fchrt folgerichtig zu einem wachsenden Misstrauen. Als meine Frau noch zu Hause war, musste ich manche E-Mail an die Beraterin von Pro Senectute schreiben. Dann ging oft die B\u00fcrot\u00fcr auf und meine Liebste fragte: &#8222;Was schriibsch wieder \u00fcber mich?&#8220; &#8211; Das ist sehr typisch und zeigt, wie fein das Gef\u00fchl einer Person funktioniert, wenn sie an Demenz erkrankt ist. Ich habe sie dann jedes Mal gebeten, sich neben mich zu setzen. So konnte sie alles nachvollziehen. Diese Offenheit st\u00e4rkte die Beziehung.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich k\u00f6nnten in dieser Zeit noch hilfreiche Gespr\u00e4che gef\u00fchrt werden. Vieles k\u00f6nnte angesprochen werden im Blick auf k\u00fcnftige Entwicklungen. Aber da ist die Angst, dass die betroffene Person verletzt werden k\u00f6nnte. So wird ein konstruktives Gespr\u00e4ch meist verhindert .<\/p>\n\n\n\n<p>Nach allen gesammelten Erfahrungen w\u00fcrde ich heute einiges anders machen. Ich w\u00fcrde in dieser ersten Phase nicht beschwichtigen, sondern in offenen, ehrlichen Gespr\u00e4chen eine solide Grundlage bauen f\u00fcr die kommende Zeit der Verwirrung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich stelle hier drei Beispiele vor, wie solche Gespr\u00e4che gef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Dabei sollten die Gespr\u00e4che nicht nur einmal stattfinden, sondern oft wiederholt werden, damit sich die Inhalte tief einpr\u00e4gen k\u00f6nnen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. <\/strong><strong>Vorbereitung i<\/strong><strong>m Blick auf<\/strong><strong> die Ehebeziehung:<\/strong> Das Gespr\u00e4ch k\u00f6nnte so lauten: &#8222;Vielleicht wird eine Zeit kommen, in welcher ich dich in ein Pflegeheim abgeben muss. Aber auch wenn wir \u00f6rtlich getrennt sein werden, sollst du wissen, dass ich treu zu dir stehe und dass nichts und niemand zwischen dich und mich kommt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. <\/strong><strong>Vorbereitung i<\/strong><strong>m Blick auf<\/strong><strong> die Gottesbeziehung:<\/strong> Konkret geht es darum, \u00c4ngste abzubauen, das Grundvertrauen zu st\u00e4rken und eine bewusste Gedankendisziplin ein\u00fcben.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Ausgangspunkt f\u00fcr das Gespr\u00e4ch kann z.B. Phil 4,6-7 bieten: &#8222;<em>Macht euch keinerlei Sorgen, sondern bringt alle eure Anliegen im Gebet mit Bitte und Danksagung vor Gott! <\/em><em>Und der Frieden Gottes, der alle menschlichen Gedanken weit \u00fcbersteigt, <\/em><em><strong>wird euer Herz und euer Denken in Christus bewahren<\/strong><\/em><em>.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn dieser Inhalt zum festen Glaubensfundament wird, ist das eine enorme Hilfe in den kommenden Herausforderungen. Die erkrankte Person soll lernen: Auch wenn es soweit kommt, dass ich meine Gedanken nicht mehr formulieren kann, wenn ich keine Gebete zustande bringe: Gott kennt mich und Er liebt mich. Er bleibt ganz nahe bei mir und Er besch\u00fctzt mich bis zum letzten Atemzug.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. <\/strong><strong>Vorbereitung<\/strong><strong> f\u00fcr eine neue Selbstwahrnehmung:<\/strong> Die betroffene Person braucht <strong>fr\u00fchzeitig<\/strong> seelsorgliche Hilfe. Dabei geht es um folgende Schwerpunkte: Die demente Person braucht Hilfe, um die Krankheitssituation annehmen zu k\u00f6nnen. Sie ben\u00f6tigt Hilfe beim Loslassen von F\u00e4higkeiten &#8211; Hilfe beim Aufgeben von Pl\u00e4nen und Zielen &#8211; Hilfe, wenn es darum geht, die Selbstbestimmung zu verlieren &#8211; Hilfe beim Zur\u00fccknehmen von Erwartungen an andere Menschen (wenn dies nicht geschieht, k\u00f6nnen demente Personen zu Haustyrannen werden) &#8211; sie braucht Hilfe, wenn sie das vertraute Umfeld verlassen muss &#8211; und sie braucht Hilfe, wenn sie mehr und mehr die Wertsch\u00e4tzung durch Mitmenschen verliert. Schon fr\u00fchzeitig sollte das Grundwissen antrainiert werden, dass wir von Gott anders beurteilt werden, als von unseren Mitmenschen.<\/p>\n\n\n\n<h4>5)  Phase 2: Mittlerer Ged\u00e4chtnisverlust.<\/h4>\n\n\n\n<p><strong>Merkmale:<\/strong> Der zunehmende Orientierungsverlust wird zum Problem und es gibt deutliche Defizite in der Bew\u00e4ltigung des Alltags. Die Person ist mehr und mehr auf Hilfe angewiesen.<\/p>\n\n\n\n<ul><li>In dieser Phase wird das <strong>Umfeld<\/strong> mit einem akuten Problem konfrontiert: Die demente Person ist in der Regel noch voll handlungsf\u00e4hig, leidet jedoch unter Kontrollverlust. Diese Kombination kann sehr schnell zur Selbstgef\u00e4hrdung f\u00fchren. Dadurch steigen die Anforderungen f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen, welche die erkrankte Person mehr und mehr \u00fcberwachen m\u00fcssen. Der Kontrollverlust hat aber auch eine positive Seite: Er bringt die eigene Hinf\u00e4lligkeit ins Bewusstsein. Der Mensch muss erkennen: Ich kann meine eigenen Ziele nicht mehr erreichen. Meine Pl\u00e4ne sind verloren. So erlebt der demente Mensch sehr hautnah seine Begrenztheit. Dies entspricht Ps 146,4. Da sagt der Psalms\u00e4nger im Blick auf die F\u00fcrsten, also im Blick auf Menschen, die beim Volk hoch angesehen sind: <em>&#8222;Sie m\u00fcssen sterben und zu Staub zerfallen und mit ihnen vergehen auch ihre Pl\u00e4ne.<\/em>&#8220; Die nackte Wahrheit lautet: Von dem hohen Ansehen bleibt am Schluss nichts mehr &#8211; und alle Pl\u00e4ne sind vom Tisch! Wie ganz anders das, was der Psalm in Vers 6 im Blick auf Gott, den HERRN sagt: <em>&#8222;<\/em><em>Seine Treue hat kein Ende.<\/em>&#8222;<\/li><li>H\u00e4ufig zeigt sich schon in dieser zweiten Phase das typische Ph\u00e4nomen des Weglaufens. Die betroffene Person sagt: &#8222;Ich will nach Hause gehen.&#8220; Was bedeutet das? Wenn die Person in der angestammten Wohnung ist, l\u00e4uft sie auch weg. Was heisst also &#8222;ich will heim gehen&#8220;?<\/li><li>Die Leiterin des Pflegeheims in Boltigen erkl\u00e4rte dies so: &#8222;Ein Mensch, der an Demenz erkrankt ist, sucht nicht die Wohnung, in welcher er zuhause war, sondern ist unbewusst auf der Suche nach seiner verlorenen Identit\u00e4t!&#8220; Dieses Suchen ist ein so starker Drang, dass mit Beharrlichkeit alles daran gesetzt wird, um das Ziel zu erreichen. Ein Beispiel: Im Pflegeheim in Boltigen lebte ein 91-j\u00e4hriger Mann. Er war v\u00f6llig verwirrt. Beim Spazieren in der Parkanlage findet er ein kleines Brettchen. Er schiebt es zwischen die beiden Stahlrohre von Gartent\u00fcr und T\u00fcrpfosten und wiegt so lange und mit solchem Kraftaufwand, bis er die T\u00fcr aufgesprengt hat &#8211; und verschwindet ins Dorf &#8211; auf der Suche nach dem Daheim. Auf der Suche nach der verlorenen Identit\u00e4t!<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Was k\u00f6nnen wir als Christen daraus lernen? Die wahre Identit\u00e4t eines Christen ist die Identit\u00e4t in Christus: Ich in Christus, Christus in mir, Christus durch mich usw. So viele Christen haben nur eine ganz vage oder gar keine Vorstellung von dieser Identit\u00e4t. Wegen diesem Mangel kann sich das geistliche Leben auch nur mangelhaft entfalten. Hier sollten wir von Menschen mit Demenz lernen! Wenn wir mit der gleichen Beharrlichkeit unsere Identit\u00e4t in Christus suchen w\u00fcrden, s\u00e4he manches Christenleben anders aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Herausforderungen f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul><li>Angeh\u00f6rige eines Menschen mit Demenz erleben in vielen Situationen die <strong>eigene \u00dcberforderung<\/strong>. Wenn man mit einer dementen Person unterwegs ist, f\u00e4llt man in der \u00d6ffentlichkeit unweigerlich auf. Man f\u00fchlt sich vor aller Augen ausgestellt und erniedrigt, weil die andere Person sich so dumm anstellt. Zudem blamiert man sich, weil die eigene \u00dcberforderung sichtbar wird. Solche Situationen sind ein wertvolles geistliches \u00dcbungsfeld. Wir m\u00fcssen lernen, nicht abh\u00e4ngig zu sein von dem, was Menschen \u00fcber uns denken. Entscheidend ist doch, wie Gott \u00fcber uns denkt. Wir m\u00fcssen lernen, zu unserer eigenen Schwachheit zu stehen &#8211; und vor allem zur Schwachheit unseres kranken Mitmenschen zu stehen. Es ist hilfreich, wenn wir uns bewusst werden, dass in der \u00dcberforderung die anerzogene Maske wegf\u00e4llt. Es kommt genau das heraus, was tief verborgen ist: Unsch\u00f6ne Gedanken, lieblose Worte, Ungeduld usw. Wenn dies alles ans Licht kommt, sollten wir eigentlich danken, denn Gott gibt uns die Gelegenheit zum Aufarbeiten.<\/li><li>F\u00fcr Angeh\u00f6rige einer Person, die an Demenz leidet, ist es eine hohe H\u00fcrde, wenn man externe Hilfe beanspruchen muss. Es kostet \u00dcberwindung, wenn man bei den entsprechenden Stellen vorsprechen und Hilfe beantragen muss. Unweigerlich gibt man damit zu: Ich schaffe es nicht allein. Man erlebt es wie einen Gang nach Canossa. Es ist mit einem Hinuntersteigen, mit Dem\u00fctigung verbunden. Aber das alles ist so heilsam, es f\u00fchrt uns zu den wahren Lebensqualit\u00e4ten!<\/li><li>Beim Begleiten einer demenzkranken Person wird man mit grosser Wahrscheinlichkeit auch mit dem Problem der Inkontinenz konfrontiert. Meistens passiert dies, wenn man gemeinsam unterwegs ist, oft im d\u00fcmmsten Moment. F\u00fcr Christen ist dies ein perfektes \u00dcbungsfeld, um wahre, selbstlose Liebe zu \u00fcben, denn gerade jetzt darf man die kranke Person nicht sich selbst \u00fcberlassen. Es ist hilfreich, wenn man vorsorglich frische Unterh\u00f6schen, Handschuhe und Waschlappen mitnimmt. Aber wie macht man es, wenn man \u00fcberrascht wird und keine Handschuhe dabei hat? Dann hilft uns der Gedanke an Jesus. Er ist der allergr\u00f6sste HERR, und Er macht uns nicht nur von F\u00e4kalien sauber, sondern w\u00e4scht uns vom allerschmutzigsten Schmutz, von unserer S\u00fcnde rein. Das muss man sich mal verinnerlichen, das macht uns frei! Noch ein hilfreicher Tipp zu diesem Thema: Als Ehemann sollte man mit seiner kranken Ehefrau zur Damen-Toilette gehen, resp. als Ehefrau mit dem kranken Ehemann zur M\u00e4nner-Toilette, nicht umgekehrt. D.h. die gesunde Person passt sich zugunsten der kranken Person an. Wenn man so in die &#8222;falsche&#8220; Toilette gehen muss, hilft die Erkl\u00e4rung: &#8222;Entschuldigung, ich muss meine kranke Ehefrau (resp. Ehemann) begleiten.&#8220;<\/li><li>Als Angeh\u00f6riger einer demenzkranken Person erlebt man es auch dem\u00fctigend, wenn man als erwachsener Mensch im fortgeschrittenen Alter wieder neu lernen muss. Wenn man sich erkl\u00e4ren lassen muss, was man im Umgang mit der dementen Person falsch macht, wenn man sich ganz simple Umgangsformen beibringen lassen muss. Hinter all diesen dem\u00fctigenden Erfahrungen steht Gottes Liebe! Er will uns von den Wurzeln des Stolzes befreien.<\/li><li>Als Ehepartner eines Menschen mit Demenz wird die fortschreitende Krankheit zum Pr\u00fcfstein in der Ehe. Dies gilt vor allem, wenn die Ehegemeinschaft aufgrund der Heimpflege geographisch auseinander gerissen wurde. Das ist f\u00fcr beide Seiten ein schwerer Eingriff. F\u00fcr den Partner, resp. die Partnerin des erkrankten Menschen fordert diese Situation eine strikte Gedankendisziplin und ebenso eine kontinuierliche Wachsamkeit \u00fcber die eigenen Gef\u00fchle. Man ist verheiratet &#8211; und ist doch allein. Da zeigt sich schnell, ob die Liebe auf Egoismus aufgebaut war, oder auf dem Fundament der Liebe, die sich selbst gibt, so wie Jesus sie uns vorgelebt hat.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<h4>6)  Phase 3: Schwere Demenz.<\/h4>\n\n\n\n<p>In dieser Phase braucht es Betreuung rund um die Uhr. Dies kann in vielen F\u00e4llen nur durch Heimpflege geboten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die verbale Kommunikation stirbt immer mehr und muss durch Ber\u00fchrung, durch Mimik und durch den Klang der Stimme ersetzt werden. Eine besondere M\u00f6glichkeit zur Kommunikation ist Musik. Die Leiterin in Boltigen stellte ein E-Piano ins Zimmer, so konnte ich bei jedem Besuch spielen und dazu singen &#8211; und dabei war meine Ehefrau erstaunlich pr\u00e4sent. Bis fast zu ihrem Lebensende versuchte sie immer noch mitzusingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Typischerweise zeigt sich der Krankheitsverlauf nicht linear. In besonderen Situationen tauchen pl\u00f6tzlich wieder l\u00e4ngst verlorene F\u00e4higkeiten auf. Als ich in Boltigen meine Frau im Rollstuhl durch die Parkanlage schob, hat ein Gr\u00fcppchen Sch\u00fcler in einiger Entfernung Altpapier gesammelt. Dabei kippte der Wagen und ein Teil der Ladung war am Boden. Wie so oft in solchen Situationen wurde t\u00fcchtig geschimpft und geflucht. Meine Frau h\u00f6rte es und rief erstaunlich laut und klar: &#8222;He da, redet n\u00f6d so w\u00fcescht!&#8220; Da wurde mir klar, dass auch im Zustand einer fortgeschrittenen Demenz das Gef\u00fchl f\u00fcr Ethik noch funktioniert!<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig zu wissen: Eine demente Person hat keine M\u00f6glichkeit, sich zu verstellen. Alle Filter sind weggefallen, alles kommt urecht heraus, d.h. das, was die Person sagt, das meint sie auch.<\/p>\n\n\n\n<p>Darum ist es ein grosses Unrecht, wenn die Aussagen einer dementen Person abgewertet oder l\u00e4cherlich gemacht werden, so mit dem Argument: Das muss man nicht ernst nehmen, diese Person ist dement. &#8222;Si chunnt n\u00fcmme druus.&#8220; Im Grunde ist diese Haltung eine Beleidigung f\u00fcr Gott, denn Gott nimmt die demente Person sehr ernst. D.h. nun nicht, dass das was die Person sagt, mit der Wirklichkeit \u00fcbereinstimmen w\u00fcrde, aber f\u00fcr die Person selbst stimmt es. Was ein demenzkranker Mensch sagt, das ist echt.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser dritten Phase steht vor allem auch das Eheverh\u00e4ltnis auf dem Pr\u00fcfstand. In ihrem zweitletzten Lebensjahr flehte mich meine Ehefrau an: &#8222;Ei Bitt hani a dich: Dass du dich n\u00f6d mit anderne Fraue iilasch!&#8220; &#8211; Das klingt verletzend. Es riecht nach Misstrauen. &#8211; Im Grunde zeugt es von einer guten Beziehung und ist ein Volltreffer im Blick auf das, was sich im Gef\u00fchl der betroffenen Person abspielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Schauen wir das Problem aus der Sichtweise der dementen Person an: Sie erlebt eine kontinuierliche Abnahme der eigenen F\u00e4higkeiten. F\u00fcr sie ist es sehr schmerzlich, dass sie ihren Ehepartner nicht mehr unterst\u00fctzen kann wie in fr\u00fcheren Zeiten und dass sie ihm nicht mehr geben kann, was er n\u00f6tig hat. Rein gef\u00fchlsm\u00e4ssig nimmt sie sich als minderwertig wahr. Hinzu kommt, dass der Ehemann nur kurze Zeit zu Besuch kommt und dann wieder verschwindet. Das Gef\u00fchl sagt: &#8222;Er braucht dich nicht mehr.&#8220; Und die nat\u00fcrlich veranlagte Eifersucht sagt: &#8222;Er hat sicher eine andere, die ihm mehr geben kann.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die demente Person hat keine M\u00f6glichkeiten mehr, diese Gef\u00fchlswahrnehmungen einzuordnen, sie kann nichts dagegen stellen. Sie hat keine M\u00f6glichkeit, diese Gef\u00fchle zu entkr\u00e4ften. Das ist eine schmerzliche Not! Und diese Not ist umso tiefer, je besser die Beziehung in der Ehe war.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Schauen wir die andere Seite an: Die Aussage meiner Ehefrau zeugt von enormer Wertsch\u00e4tzung. Sie ist f\u00fcr das Wohl ihres Ehemannes besorgt, sie erkennt gef\u00fchlsm\u00e4ssig eine reale Gefahr und will dem Partner helfen, dass er auf dem schwierigen Weg die Ehe aufrecht erh\u00e4lt. Sie will ihn unterst\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8211; Die Leiterin des HAUSES FUHRENMATTE hat diese Situation sehr ernst genommen und sofort reagiert. Rosmarie wurde in ein Einerzimmer verlegt. Das Zimmer wurde mit einem zus\u00e4tzlichen breiten Ruhebett ausger\u00fcstet. Mich hat die Leiterin instruiert: Bei jedem Besuch soll ich mit Rosmarie zusammen eine Ruhezeit einschalten. Sie soll in meinen Armen liegen und wenn sie so die Geborgenheit gefunden hat, soll ich ihr sagen: &#8222;Rosmarie, dieser Platz ist allein f\u00fcr dich. Du bist die Einzige, die an meinem Herzen liegen darf. Ich habe dich von ganzem Herzen lieb.&#8220; Zuerst muss das Gef\u00fchl stimmen, und erst wenn das Gef\u00fchl stimmt, k\u00f6nnen solche Worte aufgenommen werden. Der Effekt war eindeutig. Die Massnahme hat sich bew\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Demenz ist keine Todesursache, trotzdem endet die Krankheitsentwicklung mit dem Tod. Bei meiner Ehegattin waren die Laborwerte bis zu ihrem Ableben in Ordnung und ebenso die Organgesundheit. Von daher h\u00e4tte sie noch lange leben k\u00f6nnen. Dies macht deutlich: Der Tod ist ein Programm, das ausgel\u00f6st wird, wenn Gott ruft. D.h. wenn Gott mit seiner Arbeit am betreffenden Menschen fertig ist, wenn das gesteckte Ziel erreicht ist, dann ist der irdische K\u00f6rper nicht mehr n\u00f6tig und die Seele darf zu ihrem Erl\u00f6ser gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte das Vorrecht, dass ich die letzten f\u00fcnf Tage bei meiner lieben Frau zubringen durfte. Was in dieser Zeit in einem sterbenden Menschen vor sich geht, ist geheimnisvoll und bleibt uns verborgen. Aber ich bin \u00fcberzeugt, dass Gott in diesen letzten Stunden und Augenblicken des Lebens noch Entscheidendes wirkt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schlussgedanken<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich betrachte es als Segen, wenn man in der Begleitung einer Person mit einer dementiellen Erkrankung <strong>le<\/strong><strong>rnen darf, <\/strong><strong>sich von<\/strong><strong> Gott <\/strong><strong>tr\u00f6sten zu lassen<\/strong><strong>.<\/strong> So wird man beschenkt und kann dann auch Trost weitergeben. Es ist ein gewaltiges Vorrecht, wenn wir in eigener Not diesen vollkommenen Tr\u00f6ster tiefer kennen lernen d\u00fcrfen. Er sagt: <em>&#8222;Ich w<\/em><em>ill<\/em><em> euch<\/em><em> tr\u00f6sten, wie <\/em><em>eine <\/em><em>Mutter<\/em><em> tr\u00f6stet<\/em><em>.<\/em>&#8222;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich den Tr\u00f6ster kennen lernen soll, setzt dies voraus, dass ich mich in der Stellung eines Kindes sehe: bed\u00fcrftig, hilflos, trostlos, in keiner Weise der Situation gewachsen. Wenn einem Kind etwas zugestossen ist, gibt es wohl kaum eine Mutter, die das Kind wortlos, ohne Blickkontakt und rein mechanisch verarztet. Das Kind muss auf der Gef\u00fchlsebene abgeholt werden. Eine Mutter findet ganz nat\u00fcrlich den Weg zur Wahrnehmungsebene des Kindes. Sie gibt Zuwendung, dr\u00fcckt das Kind ans Herz, spricht mit ihm, pflegt nicht nur die k\u00f6rperlichen Wunden, sondern auch den seelischen Schmerz. Genau so macht es unser Himmlischer Vater.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kostet \u00dcberwindung, in dieser Weise trostbed\u00fcrftig, total hilflos vor Gott zu kommen. Ich gebe zu, dass es auch bei mir manche Tr\u00e4ne gab. Aber es ist mit nichts anderem zu vergleichen, wenn wir an Gottes Herzen den wahren Trost finden.<\/p>\n\n\n\n<p>So d\u00fcrfen wir uns selbst zuerst von Gott aufrichten lassen und dann mutig zu der uns anvertrauten dementen Person gehen, ihren Schmerz nachempfinden und ihr auf ihrer Ebene begegnen. Wer selbst getr\u00f6stet wurde, kann Gef\u00fchle ernst nehmen, kann Gef\u00fchle vermitteln, kann Sicherheit und Orientierung vermitteln. Und auf diesem Weg werden wir gesegnet, w\u00e4hrend wir Segen weiter geben d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Dezember 2022 hielt ich in der FMG-Unterseen-Interlaken einen Vortrag zu dem oben genannten Thema: &#8222;Diagnose Demenz &#8211; In Gottes heilsamer Werkstatt&#8220; Als Angeh\u00f6riger von drei Personen, die in meinem n\u00e4chsten Umfeld an Demenz erkrankten, konnte ich viel praktische Erfahrungen sammeln, davon sollen andere Menschen profitieren k\u00f6nnen. 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