Boltigen, 1. August 2019

Ansprache zum Nationalfeiertag
Liebe Gäste, liebe Angehörige, liebe Mitarbeitende des HAUSES FUHRENMATTE
Wir haben gemeinsam unsere Schweizerische Nationalhymne gesungen. Es ist ein Hymnus, der meisterhaft zum Ausdruck bringt, was der eigentliche Inhalt dieses Feiertags sein soll. Jede Strophe schildert etwas von der Schönheit und Einzigartigkeit unseres wunderschönen Landes. Und jede Strophe endet mit der Feststellung: Eure fromme Seele ahnt, Gott, den Herrn, im hehren Vaterland.
Mitten in der ersten Strophe werden wir direkt angesprochen und aufgefordert: „Betet, freie Schweizer, betet!“
Der Liederdichter bezeichnet uns als „freie Schweizer“. Ist uns bewusst, welch grosses Vorrecht es ist, dass wir freie Schweizer sind und in einem freien Land leben dürfen? Viele von unseren Vorfahren haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um uns diese Freiheit zu erkämpfen und auch zu erhalten.
In der Anrede als „freie Schweizer“ werden wir doppelt aufgerufen: „Betet, betet!“ Warum ruft die Nationalhymne so dringlich zum Gebet auf? Es war eine schwierige Zeit, als Leonhard Widmer im Jahr 1840 diesen Text geschrieben hat. Und er wusste, dass Freiheit nicht in Stein gemeisselt ist. Nur der allmächtige Gott kann letztlich unsere Freiheit erhalten. Darum ist das Gebet unverzichtbar.
Auch heute leben wir wieder in einer turbulenten Zeit – genau so wie damals. Wenn ich die Nachrichten höre, muss ich oft den Atem anhalten. Wo führt die Weltpolitik hin? Niemand von uns weiss, was auf uns zukommen wird. Darum gilt an diesem 1. August 2019 der Ruf dieses Liedes auch uns: Betet freie Schweizer, betet!
In der Zeit, bevor Leonhard Widmer diesen Text schrieb, hatte die Französische Revolution ganz Europa erschüttert. Daraufhin wechselten die Regierungsformen in rascher Folge: 1815 die Mediation, dann die Restauration, und ab 1830 folgte die Regeneration. Die Zeit war geprägt von verschiedenen polarisierenden Kräften. Sie wollten die Schweiz nach ganz unterschiedlichen Vorstellungen neu gestalten. Zur gleichen Zeit sammelten sich in der Schweiz viele Flüchtlinge, ganz ähnlich wie heute. Damals jedoch nicht aus Afrika, sondern aus Deutschland, Frankreich und Italien. Diese Flüchtlinge versuchten von der Schweiz aus in ihren eigenen Ländern politische Veränderungen herbei zu führen. Sie organisierten Freischarenzüge. In der Folge musste die Schweiz gewisse Flüchtlinge ausschaffen.
Innerschweizerisch versuchten die städtischen Kantone mehr Macht vom Land auf die Städte zu konzentrieren (Patrizierherrschaft). Wegen dieser Entwicklung schlossen sich die Landkantone in einem Sonderbund zusammen. 1847 kam es schliesslich zum Sonderbundskrieg. Vielleicht sagt Ihnen das nicht viel, für mich selbst ist es bedeutungsvoller, denn mein Urgrossvater kämpfte dort als Artillerist mit. Aus dieser Zeit ist ein Brief erhalten geblieben. Darin erwähnt mein Urgrossvater, damals 21-jährig, ein erstes Gefecht. Vermutlich handelt es sich um die Kampfhandlungen von Geltwil und Lunnern am 12. November 1847. Er schreibt:
„Lieber Vater und Geschwisterte, ich grüsse euch und alle Freunde vilmahl …
… Da kam ein Mann der sagte die Luzerner seien im Anzuge. Unsere Kanonen stellten wir auf einer Anhöhe auf. Die Schiffsbrücke wurde abgebrochen. Da kamen sie mit einem furchtbaren Geschrei entgegen. Da feuerten wir zwei Runden gegeneinander. Bei uns aber hatte niemand keine Verletzung bekommen, nur ein einziges Pferd ging verloren. Von der Infanterie gab es zwei Tote und sieben blessierte …
Ihr aber hoffet auf Gott. Er wird euch wohl erhalten, wie er uns in diesem Gefecht erhalten hat. Es mag kommen wie es will, so bin ich unverzagt.
Affoltern, 15. Wintermonat 1847 Jakob Kuhn“
Nach dem Sieg des eidgenössischen Heers wurde der Sonderbund aufgelöst, und dies machte den Weg frei für eine neue Bundesverfassung, die am 12. September 1848 angenommen wurde.
Der Krieg, welcher vorausgegangen war, prägte das Bewusstsein der Autoren beim Schreiben der neuen Verfassung. Sie waren überzeugt, dass der Frieden ein sehr zerbrechliches Gut ist. Darum schrieben sie in der Präambel:
Im Namen Gottes des Allmächtigen!
Sie wussten sehr wohl, dass der Zusammenhalt des Volks in schwierigen Zeiten nur mit Gottes Hilfe und nur unter seinem Schutz gelingen kann.
Und so steht es auch in der heute gültigen Form der Verfassung in der Revision 1999. Trotz viel Widerstand von liberaler Seite her ist der Satz so erhalten geblieben: Im Namen Gottes des Allmächtigen.
Nun habe ich nicht im Sinn, mit Ihnen einen Gang durch die Bundesverfassung zu machen. Aber auf einen Satz möchte ich doch kurz eingehen, weil er für uns alle, die wir hier zusammensitzen, eine grosse Bedeutung hat:
Artikel 41b:
„Bund und Kantone setzen sich (in Ergänzung zu persönlicher Verantwortung und privater Initiative) dafür ein, dass:
jede Person die für ihre Gesundheit notwendige Pflege erhält;“
Liebe Anwesende, mit diesem Artikel hat der Staat den Rahmen geschaffen, dass dieses Pflegeheim, das HAUS FUHRENMATTE, durch Privatinitiative und viel persönlichem Einsatz zustande gekommen ist. So konnte ein geschützter Ort entstehen, an welchem viele Mitarbeitende ihren Beitrag leisten und auch Opfer bringen, damit in diesem Haus 12 schwer hilfsbedürftige Menschen ein wirkliches Zuhause erleben und auf einem sehr hohen Niveau liebevoll gepflegt werden.
Das alles ist Grund zum Danken.
Ein erster grosser Dank geht an Gott, der über allem gewacht hat. Ihm verdanken wir es in erster Linie, dass wir in dieser schönen Schweiz in Freiheit leben dürfen. Und Ihm verdanken wir es letztlich, dass dieses HAUS FUHRENMATTE entstehen konnte. Er hat seinen Segen und das Gelingen geschenkt. Und Er wacht auch in der Zukunft über diesem Haus.
Ein weiterer grosser Dank geht an Ruth und Werner Lempen-Wyss als Initiatoren des HAUSES FUHRENMATTE. Ihr habt viel Herzblut, viel Fachwissen und viele Mittel investiert.
Und last but not least geht ein grosser Dank an alle Mitarbeitenden hier. Denn was hier angeboten und geleistet wird, das macht Ihr alle mit eurem grossen Einsatz erst möglich.
Aber auch die Gäste möchte ich nicht vergessen: Auch euch, liebe Gäste, ein herzliches Dankeschön, dass ihr eine so zufriedene Gruppe seid, so dass man euch gerne pflegt.
Vielen herzlichen Dank allen!

Schlacht bei Geltwil (Nachweis Quelle: Wikipedia)
