Bergidyll

Gestern war ich eingeladen, als Gast einem herausfordernden Vortrag zum Thema „Konfliktbewältigung“ beizuwohnen. Der Ort der Zusammenkunft war kein Schulraum, keine Kirche, kein Konferenzzentrum. In idyllischer, friedlicher Umgebung sassen wir in einer gemütlichen Tischrunde in der Alphütte. Auch das feine Essen fehlte nicht: Ein reichhaltiges Raclette mit echtem, auf jener Alp hergestellten Raclettekäse. Und wie könnte es anders sein – zum Dessert gehörte reichlich „gschwungeni Nidle“ (Schlagrahm), die so völlig anders schmeckte, als was im Supermarkt erhältlich ist. Der Kontrast zwischen Thematik und Ambiente hätte nicht besser gewählt werden können.
Nein, ich habe nicht die Absicht, hier den Vortrag zu wiederholen. Vielmehr hat es mit meinem Problem zu tun, wenn ich mich an den Compi setze und tippe. Was ich gehört habe, werde ich so schnell nicht wieder los. Da gibt ein Gedanke den anderen und zum Schluss scheint mir doch Einiges davon wert zu sein, es meinen Lesern mitzuteilen.
In der vergangenen Nacht des Nachdenkens wurde mir folgendes klar: Die treibende Kraft hinter den zur Eskalation tendierenden Konflikten ist doch in unserem Machtanspruch begründet. Das wird schon im ersten Trotzalter sichtbar. Wie verteidige ich meinen Anspruch gegenüber meinen Eltern? Wer hat den längeren Atem? Wenn in früheren Zeiten die kleinen Schreihälse um jeden Preis Verlierer sein mussten, so sind es heute oft die hilflosen Eltern samt deren Umfeld, die von ihrem Nachwuchs tyrannisiert werden.
Und am Schluss des Lebens schliesst sich der Kreis. Seit sich meine liebe Ehefrau in Heimpflege befindet, habe ich aufgrund meiner allwöchentlichen Besuche mehr Einsicht erhalten über Veränderungen im Alter. Ungeschminkt zeigen sich wieder Verhaltensweisen aus der Kindheit, besonders auf dem Hintergrund dementieller Erkrankungen. Was sich in einem solchen Umfeld plötzlich und ohne Vorwarnung abspielen kann, erfordert von den Pflegenden grosses Geschick im Umgang mit Konflikten, denn auch die total Schwachen besitzen noch die Fähigkeit, ihre Ansprüche unmissverständlich zu signalisieren und ihr Umfeld zu tyrannisieren.
Nun kann ich kein Lebensthema abhaken, ohne einen Blick in Gottes Wort zu werfen. In der Bibel wird uns vermittelt, was Jesus gelehrt und vorgelebt hat. Das war eine ganz neue Grundlage für das Zusammenleben. Total umwerfend! Den Nächsten lieben wie sich selbst. Wer unter euch der Grösste sein will, der sei aller Diener. Nicht zurückschlagen, sondern nachdem man geschlagen wurde, die andere Backe hinhalten. Freude in Situationen von Verleumdung und Verfolgung usw. Auf der ganzen Linie geht es um einen Machtverzicht.
Schlussfolgerung:
Mit seiner Lehre und mit seinem Leben hat Jesus seiner Gemeinde die Grundlage gegeben für ein konfliktfreies Zusammenleben.
Leider werden diese Anweisungen Jesu oft auch von Christen belächelt. So kann man doch nicht leben. Wenn man nicht gelernt hat, sich durchzusetzen, würde dies als Charakterschwäche ausgelegt, und man würde dauernd ausgenutzt. Hinzu kommt, dass Menschen in der Welt oft sehr genau wissen, wie Christen sich (nachgebend!) verhalten sollten.
Zeugen die Verhaltensweisen Jesu von Charakterschwäche? Das Gegenteil ist wahr: Jesus hat diese Anweisungen in vollkommener Charakterstärke vorgelebt. Als Er im Garten Gethsemane verhaftet wurde, sagte Er zu dem Jünger, der mit dem Schwert dreinschlagen wollte (Matthäus 26,53‑54): „Oder meinst du, Ich könnte meinen Vater nicht bitten, und Er würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken? Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, dass es so geschehen muss?“
Jesus hatte jederzeit alle Macht, um jede Situation sofort zu verändern. Unter der Leitung seines Vaters setzte Er diese Autorität ein, um andere Menschen zu heilen, zu befreien, vom Tod aufzuwecken und die vielen Zuhörer zu unterweisen. Aber Er verzichtete bewusst auf die Möglichkeit, diese Macht für seine eigenen Interessen oder zu seinem Selbstschutz zu beanspruchen. Für Ihn war der Schutz seiner Person und das Sorgen für sein Wohlergehen die Angelegenheit seines himmlischen Vaters. Im Vertrauen auf seinen Vater lebte Jesus eine konsequente Aufgabentrennung.
Jesus lebte nicht für sich selbst, sondern zielorientiert für unsere Errettung (Markus 10,45): „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass Er sich dienen lasse, sondern dass Er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ Es ging unserem Herrn stets darum, in all seinem Reden und Handeln die Wesensmerkmale seines Vaters sichtbar zu machen. Damit schuf Er die Voraussetzung, dass wir von Ihm lernen können und dass auch unser Leben vom Wesen des Vaters geprägt wird.
Es ist klar, dass eine solche Lebensweise provoziert. Das war so bei Jesus. Er endete am Kreuz. Und Er sagte uns auch, dass jeder, der Ihm folgen will, sein Kreuz auf sich nehmen soll. Er wies uns darauf hin (Johannes 15,20): „Haben sie Mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen.“ Womöglich wären wir noch bereit, von Seiten der Welt Nachteile in Kauf zu nehmen. Wenn es sich aber um Konflikte in der Gemeinde, um Machtansprüche unter Gläubigen handelt, wird es schwieriger. Eigentlich müsste die „Gemeinschaft der Heiligen“ ein konfliktfreies Feld sein, weil wir in den Anweisungen Jesu die Grundlage dazu erhalten haben. Umso mehr ist es beschämend und betrüblich, wenn unter Glaubensgeschwistern Konflikte nicht nur brodeln, sondern allzu oft eskalieren und sich zerstörerisch auswirken.
Und Gott – der unbestechliche, durch und durch heilige Gott, der alle Macht hat – Er lässt das zu?!? – Dieser Gott, der so viel für unsere Rettung aufgewendet hat, muss eine unbeschreibliche Tragkraft haben, um diesen frommen (oft scheinfrommen) Haufen ertragen zu können. Nur ganz am Rande lässt Er eine Erklärung durchschimmern. Sie hilft uns zu verstehen, warum Er nicht mit dem eisernen Besen eingreift und in seiner Gemeinde Ordnung schafft (1Korinther 11,18‑19): „Wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt, sind Spaltungen unter euch; und zum Teil glaube ich’s. Denn es müssen ja Spaltungen unter euch sein, auf dass die unter euch offenbar werden, die bewährt sind.“
Unsere Bewährung ist für Gott so wichtig, dass Er erstaunlich viel Negatives zulässt. Denn wie könnten wir die linke Backe hinhalten, wenn uns nicht jemand auf die rechte geschlagen hat? Wie könnten wir Böses mit Gutem vergelten, wenn uns niemand etwas Böses antut?
Nun möchte ich richtig verstanden werden. Wenn unsere Bewährung negative Erfahrungen als Hintergrund voraussetzt, so ist dies keineswegs ein Alibi, um anderen Menschen Unrecht zuzufügen. Im Gegenteil. Wir werden vor Gott für all unser Handeln zur Rechenschaft gezogen. Aber es ist hilfreich zu wissen, dass die negativen Umstände und Erfahrungen uns zur Bewährung dienen müssen. Dieses Wissen hilft uns, auf das Durchsetzen unseres Machtanspruchs zu verzichten.
