
Was empfinden wir, wenn wir für einen Liebesdienst keinen Dank erhalten? – oder wenn der kleine Neffe das sorgfältig ausgewählte Weihnachtsgeschenk an sich nimmt, die Geberin oder den Geber jedoch keines Blickes würdigt und auch kein „Merci“ über die Lippen bringt?
Dürfen wir Dank erwarten? Dürfen wir dies unter Umständen sogar signalisieren? – oder strafen wir uns dabei selbst? Und müssen wir für eine empfangene Gabe in jedem Fall danke sagen? In all diesen Fragen schwingen tiefe und unterschiedlichste Gefühle mit. Vermutlich gibt es in unserer Kultur nur wenige andere Wörter, die ebenso stark mit Gefühlen besetzt sind. Warum ist das so?
Dass die Bibel für das Danken ganz andere Bedeutungsfacetten kennt, wird uns spätestens in Lukas 17,7‑10 bewusst. Dort erzählt Jesus ein Gleichnis, das im Blick auf unser Kulturverständnis eine echte Knacknuss darstellt. Andererseits hilft uns dieses Gleichnis, eine befriedigende Antwort auf unsere Fragestellung zu finden.
Schauen wir uns zuerst den Text selbst an (hier nach NGÜ):
»Angenommen, einer von euch hat einen Knecht, der ihm den Acker bestellt oder das Vieh hütet. Wenn dieser Knecht vom Feld heimkommt, wird dann sein Herr etwa als Erstes zu ihm sagen: ›Komm und setz dich zu Tisch!‹? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: ›Mach mir das Abendessen, binde dir einen Schurz um und bediene mich! Wenn ich mit Essen und Trinken fertig bin, kannst auch du essen und trinken.‹? Und bedankt er sich hinterher bei dem Knecht dafür, dass dieser getan hat, was ihm aufgetragen war? Wenn ihr also alles getan habt, was euch aufgetragen war, dann sollt auch ihr sagen: ›Wir sind Diener, weiter nichts; wir haben nur unsere Pflicht getan.‹«
Versuch einer Auslegung des Gleichnisses
Zu diesem Bibelabschnitt habe ich noch nie eine Predigt mit befriedigender Auslegung gehört. Zugegeben, es handelt sich um einen schwierigen Text, der in unserem Denken sofort Widerspruch provoziert. Deshalb ist es gut, wenn wir uns zuerst bewusst werden, welche Schwierigkeiten in diesem Text vorkommen.
1. Hier wird der Arbeiter offensichtlich ausgebeutet. Er verrichtet tagsüber harte Feldarbeit und wenn er müde vom Feld kommt, warten häusliche Aufgaben. Müde und mit knurrendem Magen muss er zuerst seinen Chef beim Abendessen bedienen. Erst danach darf er auch an seine eigenen Bedürfnisse denken.
2. Der Chef ist undankbar. Während sich der Arbeiter im Übermass für seinen Chef einsetzt, bekommt er dafür keinen Dank.
3. In Vers 10 wendet Jesus das Gleichnis auf unsere Dienstgesinnung an und fordert von seinen Jüngern nach Erfüllung aller ihrer Aufgaben zu sagen: „Wir sind Diener, weiter nichts; wir haben nur unsere Pflicht getan.“
Werden da nicht die Qualitäten der Diener in grober Weise geringgeschätzt?
Gleich vorweg gesagt:
Jesus will in diesem Gleichnis weder das Ausbeuten eines Angestellten rechtfertigen, noch zur Undankbarkeit ermuntern und schon gar nicht den Dienst seiner Nachfolger geringschätzen. Er will uns Grundlegendes über die Gesinnung des Dienens lehren.
Alle unsere Schwierigkeiten mit dem Gleichnis haben im Prinzip damit zu tun, dass uns mehr oder minder die biblische Bedeutung des Dankens, wie auch das biblische Verständnis von Autorität zu wenig bekannt sind.
Betrachten wir nun die Details:
A) Das ausbeuterische Arbeitsverhältnis
Hier ist es wichtig, dass wir nicht mit unseren Vorstellungen vom heutigen Arbeitsrecht an den Text herangehen. Staatlich festgeschriebenes Arbeitsrecht und Gesamtarbeitsverträge existieren erst seit relativ kurzer Zeit und mussten hart erkämpft werden.
Jesus hingegen bezieht sich auf die Arbeitsverhältnisse, wie sie in seiner Zeit üblich waren. In den biblischen Berichten können wir im Allgemeinen zwei verschiedene Angestelltenverhältnisse feststellen. Da gab es die an manchen Stellen im Neuen Testament erwähnten Tagelöhner. Sie wurden in der Regel auf dem Markt angeworben, für einen Tag eingestellt und am Abend für die Tagesleistung ausbezahlt. Ein Beispiel: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg Matthäus 20,1‑16.
Daneben gab es auch Tagelöhner-ähnliche Anstellungen, die nicht auf einen Tag beschränkt waren. Beispiel: Johannes 10,12‑13. Hier spricht Jesus von angestellten Schafhirten. Sie waren nicht Herdenbesitzer, sondern Lohnarbeiter. Ihre Aufgabe, die Schafe zu hüten, setzt allerdings eine vertraute Beziehung zwischen Schafen und Hirten voraus, was nicht in einem einzigen Tag erreicht werden kann. Das spricht an dieser Stelle für ein längerfristiges Dienstverhältnis.
Das in der Bibel weitaus am häufigsten erwähnte Arbeitsverhältnis ist der Sklavendienst. Der Arbeiter war ein für Geld gekaufter Leibeigener. Dieses Verhältnis sagt jedoch noch nichts aus über die Umgangsweise zwischen Herrn und Sklaven. Es gab Sklaven, die sehr gut behandelt wurden und in hohe Stellungen aufrücken konnten (ein Beispiel ist Josef in 1Mose 39,1‑6).
Wenn der Chef im Gleichnis nach unserem Empfinden den Sklaven ausbeutet, so ist dies keinesfalls als Empfehlung gemeint und nicht zur Nachahmung empfohlen. Jesus nimmt einfach ein Beispiel aus dem damals üblichen Umfeld. Und wie dies auch heute etwa in der Bildsprache (beim Cartoon) gemacht wird, wäre es unter Umständen denkbar, dass auch Jesus das Bild bewusst überzeichnete, damit der wesentliche Gedanke umso besser sichtbar wird.
Für unser Verständnis ist es wichtig, dass wir die zentrale Rolle der Autoritätsfrage im Verhältnis zwischen dem Sklaven und seinem Herrn verstehen. Der Herr ist immer übergeordnet, der Sklave immer untergeordnet.
Die Autoritätsfrage darf jedoch nicht negativ besetzt werden, auch wenn sie in der Vergangenheit leider in sehr vielen Fällen dazu missbraucht wurde, die Sklaven auszubeuten und sie manchmal sogar wie Nutztiere zu behandeln. Die heute so sehr verpönte Autoritätsstruktur ist denn auch ein grundlegender Aspekt des Gleichnisses. Und nur wenn wir uns ohne Vorurteile damit auseinandersetzen, ist es uns möglich, den eigentlichen Sinn des Gleichnisses zu erfassen.
Zum besseren Verständnis: Die Autoritätsfrage wird in der Dreieinigkeit Gottes dargestellt und gelebt: Der Sohn unterordnet sich dem Vater und der Heilige Geist unterordnet sich dem Sohn und dem Vater, wobei die Unterordnung keine Zwangsjacke ist, sondern aus der Grundhaltung der gegenseitigen Liebe praktiziert wird.
B) Der undankbare Chef.
Was wir in der Umgangsweise des Chefs mit seinem Angestellten als Undankbarkeit empfinden, ist im Grunde nur konsequent kulturbezogenes Verhalten. Das lässt sich leicht feststellen, wenn wir die verschiedenen Bibelstellen untersuchen, die vom Danken sprechen. Wir werden schnell sehen, dass immer der Untergebene dem Übergeordneten dankt. Aber nie umgekehrt. Von oben nach unten wurden wohl Lob und Anerkennung ausgesprochen, aber nie Dank. Darum setzte es auch Jesus im Gleichnis als selbstverständlich voraus, dass der Chef seinem Angestellten nicht dankt.
Vermutlich erscheint uns diese Dankeskultur noch recht fremd. Wir begreifen sie jedoch besser, wenn uns die damalige Wortbedeutung von Danken bewusst wird. Obwohl das Neue Testament in Griechisch verfasst wurde, war doch das Denken der frommen Juden noch stark vom Hebräischen geprägt. Und im Hebräischen liegt die Bedeutung von Danken nahe bei folgenden Begriffsinhalten: Huldigen, Preisen, Ehren, die eigene Abhängigkeit vom Gebenden bekunden. Sogar das Wort „Anbetung“ hat eine gewisse inhaltliche Verwandtschaft zum Danken.
Ein Beispiel: Im Abschnitt, welcher unserem Gleichnis folgt, wird das Danken praktiziert. Zehn aussätzige Menschen wurden geheilt und nur einer kehrte zurück und dankte Jesus, seinem Wohltäter. Für ihn war die empfangene Heilung nicht einfach ein Geschäft, sondern eine Beziehungsangelegenheit. Achten wir auf seine Körperhaltung: „Er fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füssen und dankte Ihm.“ Dazu drückte er mit drei Gesten seine Ehrerbietung aus: a) Er fällt nieder b) auf sein Angesicht c) zu den Füssen Jesu. Die Ehrerbietung gegenüber Jesus hat für ihn zwei Seiten: Indem er vor Jesus niederkniet, bezeugt er seine Abhängigkeit von Jesus (ohne Ihn wäre er nicht gesund geworden) und zugleich zollt er Jesus die Ehre, welche Ihm entsprechend seiner erhabenen Stellung zusteht.
Anschliessend stellte Jesus die Frage (Vers 18 NGÜ): „Ist es keinem ausser diesem Fremden in den Sinn gekommen, zurückzukehren und Gott die Ehre zu geben?“
Für die Bedeutung der ‚Abhängigkeit vom Gebenden‘ gibt es einen aufschlussreichen Kurzbericht in Apostelgeschichte 24,2‑3, wo der Advokat Tertullus seine Anklagerede gegen Paulus mit folgenden Worten beginnt: „…Dass wir in grossem Frieden leben unter dir und dass sich für dieses Volk vieles gebessert hat durch deine Fürsorge, das erkennen wir allezeit und allenthalben mit aller Dankbarkeit an, hochgeehrter Felix.“ – Hier kommt doch in der schmeichelnden Formulierung des Dankes sehr deutlich die Stellung der Abhängigkeit des jüdischen Volks von Felix, aber auch die zweckdienlich unterwürfige Haltung zum Ausdruck.
C) Der Appell an die Jünger.
Warum sollen die Jünger nach erfüllter Pflicht sagen: „Wir sind gewöhnliche Diener, wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren?“ Um den Sinn zu verstehen, müssen wir den Textzusammenhang beachten. Was ging voraus? In Vers 5 lesen wir: „Die Apostel baten den Herrn: Gib uns doch mehr Glauben!“
Während die Nachfolger Jesu im vorausgehenden, wie auch im nachfolgenden Text als Jünger bezeichnet werden, heissen sie an dieser Stelle „Apostel“. Mit dieser hier neuen Bezeichnung wird ihre hohe Stellung nach dem Tod und der Auferstehung Jesu angedeutet. Sie werden Führer der Gemeinde Jesu Christi sein. Und dass sie dazu mit mehr Glauben ausgerüstet sein müssen, versteht sich. Und doch gibt es einen Haken. Die Apostel sind Menschen mit ihren menschlichen Schwächen.
Bereits in Lukas 9,46 wurde eine solche Schwachstelle sichtbar: „Es kam aber unter ihnen der Gedanke auf, wer von ihnen der Grösste wäre.“ Und derselbe Gedanke erscheint nochmals (22,26), während Jesus zum letzten Mal mit ihnen beim Abendmahl zusammen war. Das ist doch aufschlussreich und zugleich ernüchternd realistisch.
Wenn Jesus ihre Bitte so erhören würde, wie die Jünger es sich vorstellten, würde das grössere Mass an Glauben dazu missbraucht, sich selbst darzustellen und für sich eine höhere Position zu erwirken. Dazu wird aber der Glaube nicht gegeben. Im Gegenteil. Der Glaube ist die Verbindung mit dem lebendigen Gott und führt uns notwendigerweise in die Abhängigkeit von Ihm. Jesus hat in all seinen Wundertaten das Handeln im Glauben vorgelebt. Er sagte (Johannes 5,19): „Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, was Er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut in gleicher Weise auch der Sohn.“
Aus dieser Sicht muss die Antwort verstanden werden, die Jesus den Jüngern gab (Vers 6): „Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiss dich aus und verpflanze dich ins Meer!, und er würde euch gehorsam sein.“ Im Klartext: Die Jünger hätten gerne einen grossen Glauben gehabt, um in Eigenregie grosse Taten vollbringen zu können. Das sind falsche Erwartungen. Demgegenüber braucht es nur einen kleinen Glauben, um das auszuführen, was Gott von uns erwartet. Denn wenn Er erwartet, dass ich einem Maulbeerbaum sage, er soll sich ins Meer versetzen, dann wird es letztlich nicht mein grosser Glaube sein, der dies zustande bringt, sondern Gott als Auftraggeber wird es durch seine göttliche Kraft bewerkstelligen, insofern ich Ihm vertraue und gehorche.
Somit ist das Handeln aus Glauben stets die Erfüllung eines Auftrags und nicht meine Fähigkeit, etwas Besonderes zu vollbringen. Dieses Prinzip entspricht schlicht und einfach der Stellung, in die hinein wir erschaffen und auch erlöst wurden. Wir sind zwar zur Freiheit erlöst worden (Galater 5,1): „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Aber was heisst das? Bei der Befreiung geht es stets um die zwei Seiten: Ausgangslage und Ziel. Das Ziel ist nicht einfach offen, das kann sich der Befreite nicht selbst wählen. Gott hat uns nicht für die Selbstverwirklichung, sondern zum Dienen befreit. Paulus formuliert dies treffend in Titus 2,14:
Die Ausgangslage:
„Er hat sich selbst für uns hingegeben, um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen…
Das Ziel:
…und für sich selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen, das eifrig ist, gute Werke zu tun.“
Als freigekaufte Menschen (1Korinther 6,20) gehören wir unserem Herrn. Das ist logisch. Wer etwas kauft, ist Besitzer. Und der Besitzer bestimmt den Verwendungszweck seines Eigentums. Auf Grund der Erlösung lautet unser Lebensziel: Wir wurden erkauft, um Ihm zu dienen. Das ist in keiner Weise abwertend gemeint, hat auch nichts mit Unterdrückung zu tun, denn wir sind ja seine Geliebten. Aber diese notwendige Stellung des Dienens richtet sich gegen unsere Lebensautonomie. Jene würde nämlich automatisch dazu führen, dass unser irdisches Leben für die Ewigkeit wertlos bliebe.
Darum holt Jesus seine Apostel vom „Aufstiegsdenken“ zurück in die ihnen zustehende Ehrenstellung: Sie sollen sich als gewöhnliche Diener betrachten. Und was sie tun, das sind sie zu tun schuldig. Der oben verwendete Ausdruck „Ehrenstellung“ ist übrigens nicht ironisch gemeint, denn wir werden tatsächlich von Gott geehrt (Lukas 12,37), wenn wir an dem Platz, zu welchem Er uns berufen hat, seinen Auftrag treu ausführen.
Wieviel göttliche Weisheit offenbart sich in dieser unumgänglichen Korrektur des Denkens seiner Jünger! Und wie nötig haben wir diese Korrektur!
Schlussfolgerung
In den obigen Ausführungen haben wir folgendes gesehen:
1. Danken symbolisiert ursprünglich die Abhängigkeit des Empfangenden vom Gebenden.
Obwohl dieser geschichtliche Hintergrund den meisten Menschen unbekannt ist, stellt sich doch beim Danken so oft das Gefühl ein, als müssten wir hinuntersteigen, als müssten wir unsere Abhängigkeit zugeben. Und wir merken: Tief in uns verwurzelt lebt ein unbändiger Drang zur Unabhängigkeit und zur Selbstverwirklichung.
Verbirgt sich hier nicht unsere eigentliche Not? Wir wollen nicht abhängig sein von Gott, von seiner Fürsorge, Güte und Gnade, obwohl wir es in jeder Hinsicht sind. Wenn man die eigene Abhängigkeit von Ihm nicht zugestehen will und den uns zustehenden Platz nicht einnehmen will, unterlässt man eben den Dank. Aber ist das Problem durch die Verweigerung des Dankens gelöst? Ist es nicht eine Art Vogel-Strauss-Politik, eine fatale Selbsttäuschung?
Auch unsere Abhängigkeit auf der waagrechten Ebene lässt sich nicht wegleugnen, indem wir nicht Danke sagen. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, wir sind eingebunden in die eine Welt, in der wir leben dürfen. Eingebunden in einen Staat, von dem wir viel profitieren. Eingebunden in eine Gemeinschaft von Familienmitgliedern, Nachbarn, Arbeitskolleginnen und -kollegen usw. – und von allen sind wir ein Stück weit abhängig. Vor allem sind wir abhängig von Menschen, die über uns gestellt sind und für uns Verantwortung übernehmen.
Wenn wir das einsehen und damit beginnen, eine echte Dankeskultur zu leben, können wir ein grosses Stück innere Freiheit erleben und auf diesem Weg das werden, wozu Gott uns geschaffen und berufen hat.
2. Danken bringt die Ehrenstellung des Gebenden zum Ausdruck.
Diese Aussage ist zwar selbstverständlich, aber wenn es konkret wird, wenn wir Gott für alles, wirklich für alles danken sollen, um Ihn zu ehren, könnte es schwierig werden.
Gott handelt oft nicht so, wie wir Menschen es von Ihm erwarten würden. So manches Gebet wird scheinbar nicht erhört. So manches schreiende Unrecht lässt Gott in dieser Welt zu. Von daher ist es begreiflich, dass manche Menschen Mühe haben, Gottes vollkommene Herrschaft und seine über alles erhabene Stellung zu anerkennen. Warum ist das so? Könnte es daran liegen, dass wir Gottes Handeln aus unserer menschlichen Perspektive und nach unseren Wunschvorstellungen messen?
Wechseln wir auf die waagrechte Ebene: Wie läuft es in der Politik? Da setzen wir doch alles daran, Führungspersönlichkeiten zu wählen, die nach unseren eigenen Vorstellungen regieren. Wenn sie anders führen, werden sie abgewählt. Und ohne zu überlegen, übertragen wir diese Betrachtungsweise auf Gott. Solange Er tut, was wir von Ihm möchten, ist Er akzeptiert, andernfalls wird Ihm die Gefolgschaft gekündigt. In Johannes Kapitel 6 wird diese Haltung in drastischen Farben dargestellt, als die Juden Jesus gerne als „Brot-König“ eingesetzt hätten – und Er bei diesem Vorhaben nicht mitmachte.
Gott ist immer Gott. Er ist nicht unser Wunscherfüller. Er lässt sich nicht vor unseren Karren spannen. Und aus diesem Grund ist Er für viele Menschen nicht der richtige Führer. Deshalb verweigern sie Ihm die Ehrerbietung. Allerdings: Gott lässt sich nicht abwählen, weder von uns Menschen, noch von irgend welchen geistigen Mächten. Er ist und bleibt der HERR. Das hat Konsequenzen für uns. Wer jetzt Gott die Ehre verweigert, wird es beim kommenden Gericht lernen müssen (Philipper 2,9-11): „Darum hat Gott Ihn auch hoch erhoben und Ihm den Namen verliehen, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesus jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“
Bleiben wir jedoch nicht beim Negativen stehen. Schon im Alten Testament sagte Gott (1Samuel 2,30): „Wer mich ehrt, den will Ich auch ehren; wer aber mich verachtet, der soll wieder verachtet werden.“ Wer also Gott die Ihm zustehende Ehre gibt, bekommt unendlich viel mehr zurück. Und dies bereits in diesem Leben. Und was im zukünftigen Leben noch auf uns wartet, können wir uns schlicht nicht ausmalen, denn Jesus hat uns versprochen (Johannes 12,26) „…wer Mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.“
Die praktische Ausführung
Eingangs wurden die Fragen aufgeworfen: Dürfen wir Dank erwarten – und sollen wir für Empfangenes immer Danke sagen?
Entsprechend den oben dargestellten Ausführungen ist hier keine schnelle Ja/Nein-Antwort möglich.
In der Hinsicht auf unseren Dank gegenüber Gott ist zwar alles klar. Er ist und bleibt unser Gott, unser Schöpfer, Erhalter und Erlöser, dem wir unendlich viel verdanken. Darum erwartet Er unseren Dank für alles und in jeder Situation – auch wenn Er Schweres in unser Leben sendet. Es ist richtig und nötig, weil wir durch unseren Dank, der aus einem vertrauenden Herzen kommt, unsere Abhängigkeit und Unterordnung ausdrücken und unserem erhabenen HERRN die Ehre geben, die Ihm zusteht.
Anders sieht es im zwischenmenschlichen Bereich aus. Die heute übliche Bedeutung des Dankens hat sich im Lauf der Kulturgeschichte weit von den damals üblichen Umgangsformen weg entwickelt. Kulturelle Entwicklungen können wir nicht zurückdrehen, sollen es auch nicht versuchen. Also ist es heute durchaus richtig, wenn in hierarchischen Strukturen Dank von unten nach oben, aber auch von oben nach unten ausgesprochen wird. Danken ist eine Geste der Wertschätzung – und diese sind wir allen Menschen schuldig. Im christlichen Kontext wird dieser Grundsatz von Paulus noch unterstrichen in Epheser 5,21: „Ordnet euch einander unter, wie es die Ehrfurcht vor Christus verlangt.“ oder Philipper 2,3: „Achtet andere höher als euch selbst!“
Das „Wie“ spielt allerdings eine wichtige Rolle. Mechanisch ausgesprochene Dankesfloskeln, die nur einer allgemeinen Gepflogenheit folgen, drücken keine Wertschätzung aus, im Gegenteil. Deshalb ist es entscheidend, dass der Dank aufrichtig und von Herzen kommt. Das hebt den Empfänger des Danks empor – oder anders ausgedrückt: Dank ist für den Empfänger lebensfördernd.
| Danken ist ein unverzichtbarer Aspekt der Beziehungspflege |
| • im Verhältnis zwischen Gott und uns |
| • und ebenso zwischen uns und unseren Mitmenschen. |

Lieber Heini, ich habe den Artikel „Dankbarkeit“ mit grossem Interesse gelesen und mehr von Deinem theologischen Denken gemerkt. Die Unterscheidung von der damaligen Situation im Vergleich zu unserer Zeit ist für mein Denken auch wichtig. Wenn man die alten Zustände für alle Ewigkeit fixiert, ist man nicht mehr bei den Menschen unserer Zeit. Christus ist für mich das Zentrum. Er hat uns eine neue Sicht gebracht. In der Bergpredigt sagt Jesus, wie Menschen leben sollten. Diese Botschaft ist zeitlos. Ganz herzlich grüsst Hans-Jürgen
Lieber Heini, mit grossem Interesse habe ich deine Botschaft gelesen. Mir stand dabei anhaltend die Ehefrau und Mutter vor Augen. Sie arbeitet auch ganz selbstverständlich bis alle in die Nacht hinein versorgt sind. Selbstverständlich, erhält sie Dank? Erwartet sie Dank?
Es gibt viele Kulturen und Weisen zu danken, oder Anerkennung auszudrücken. Bei Australier habe ich beobachtet, dass die Männer das Geschirr abwaschen übernehmen, obwohl sie schon den ganzen Morgen Schwerarbeit geleistet haben. In andern Kulturen sagen sie, es hat geschmeckt; oder: Danke Mumm.
In Afrika ist es oft so, wenn man jemandem etwas gibt, nimmt er es mit beiden Händen, und das bedeutet: Danke. Vielleicht liegt in dieser Haltung auch unbewusst die Abhängigkeit verborgen. Heute sagen auch die meisten Afrikaner, vor allem in Städten ; Danke. Ich denke, dass diese Umwandlung durch Schulbildung gekommen ist.
Abhängigkeit wollte ich nie vermitteln, darum gab ich meinen Angestellten gerne Wertschätzung weiter.
Als ich einem ca 10-12-Jährigen eine Bibel schenkte, nahm er sie mit beiden Händen und drückte sie an seine Brust. Noch heute sehe ich seine strahlenden Augen, die voll Freude das Angesicht seiner Mutter suchten, und sie strahlte zurück.
Das ist für mich bis heute wie Balsam. Habe 2020 erfahren, dass er ein Diener Jesus geworden ist.
Schwester Sonja Dürrenmatt