
Mein Vater hatte vier Söhne, die alle den Kopf voll Ideen hatten und – wie könnte es anders sein – diese jeweils gleich umsetzen wollten. Manche Ideen waren aber nicht so gut, hie und da sogar gefährlich. So war mein Vater gefordert, dieses Potential in gute Bahnen zu lenken.
Mit etwa 12 Jahren lernte ich Velofahren. Als ich einigermassen sicher war, unternahmen mein älterer Bruder und ich an Sonntag-Nachmittagen kleinere Ausflüge – für mich ein Stück Welt erobern. Ein solcher Ausflug blieb unvergesslich. Es ging immer weiter und weiter, ohne dass mein Bruder mir etwas verraten hätte. Nach gut zwei Stunden Fahrt landeten wir schliesslich in der Klos (Aarburg) bei den Grosseltern. Distanz rund 40 km. Die Überraschung war perfekt, und natürlich erhielten wir auch ein gutes Zvieri.
Zu Hause war allerdings weniger Freude, als am späten Nachmittag die beiden Jungs noch nicht zurück waren. Zu jener Zeit verfügten weder die Eltern, noch die Grosseltern über ein Telefon. Nachrichtenlos setzte sich Vater aufs Velo und suchte uns in der ganzen Umgebung. Einige Zeit nachdem wir erschöpft nach Hause gekommen waren, traf auch der Vater von seiner vergeblichen Suche ein. Es folgte eine ernste Belehrung – und die war verdient. In weiser erzieherischer Weitsicht hat uns der Vater jedoch das Radfahren nicht verboten, sondern verfolgte einen anderen Plan, um die überschiessende Energie in gute Bahnen zu lenken.
In den Jahren 1949 bis 1953 war das NOK-Kraftwerk Wildegg-Brugg im Bau, das grösste Flusskraftwerk an der Aare. Als alle Arbeiten am Maschinenhaus, an den Wehranlagen, am Ober- und Unterwasserkanal abgeschlossen waren – und bevor im Dezember 1952 die erste Maschine ans Netz ging, machte mein Vater mit meinem älteren Bruder und mir einen Velo-Ausflug. An einem prachtvollen Sonntag-Nachmittag fuhr er mit uns nach Schinznach-Bad und von dort zum Kanal.
Oberhalb des Kraftwerks waren die Sohle und die beiden Flanken des Kanals auf einer langen Strecke betoniert. Auf dieser „Rennbahn“ durften wir bis zum Maschinenhaus fahren. Nein, nicht langweilig geradeaus! Vater machte uns vor, wie man erst beschleunigt und dann an der einen Rampe schräg hoch fährt. Bevor der Schwung ganz zu Ende ist, wird gedreht und bei der Abfahrt wieder Schwung aufgenommen, um auf der anderen Seite die Höhe zu meistern. Was für ein Hochgefühl!

Im Mittelland ist das Gefälle der Fliessgewässer nicht gross. Um trotzdem eine für Energiegewinnung optimale Fallhöhe zu erreichen, muss das Gewässer auf einer langen Strecke gestaut werden. In diesem Fall wurde bei Schinznach-Bad ein Hauptwehr gebaut, das die Aare bis hinauf nach Wildegg staut (Stausee Holderbank). Der gestaute Wasserspiegel kam somit an gewissen Stellen bis 4,5 Meter über das seitliche Gelände zu liegen. Das bedingte, dass beidseits des Stausees und des Oberwasserkanals Dämme aufgeschüttet werden mussten. Das hierfür benötigte Material stammte aus dem Unterwasserkanal. Dort wurde es ausgebaggert und mit einer eigens zu diesem Zweck installierten, 22 km langen Schmalspurbahn an Ort und Stelle transportiert.

Wie staunten wir aber erst, als wir beim Maschinenhaus eintrafen. Von aussen sah man nur die beiden riesigen Tore mit der Rechenvorrichtung zum Abfangen von Fremdkörpern. Der Innenanblick war hingegen überwältigend. Da kamen wir uns vor wie kleine Ameisen. In zwei riesigen, kunstvoll ausbetonierten Bogen sollte schon bald das Wasser in gegenläufiger Drehrichtung in die beiden Turbinen eingeleitet werden. Im Zentrum der spiralförmigen Einführungen protzten die beiden stählernen Monster, die Kaplan-Turbinen – glänzend, geschliffen, bereit, um je 200 m3 Wasser pro Sekunde! zu bewältigen. Oben darüber die mächtigen Generatoren.
Auf der Ostseite des Werkgebäudes imponierte die betriebsbereite Schaltanlage mit den Hochspannungstransformatoren. Alles grossformatig, beeindruckend, eine technische Augenweide, welche die Sinne fesselt.

Maschinenhaus des Kraftwerks Wildegg-Brugg
∅ Fallhöhe: 14 m
Antrieb: 2 Kaplan-Turbinen
Max. Leistung: 49,7 Megawatt
Energie pro Jahr: 289,5 Millionen kWh
Das Interesse für Energiegewinnung war geweckt. Und es liess mich zeitlebens nicht mehr los. Nein, ich träumte nicht davon, Kraftwerke zu bauen. Aber wo immer ich an Fliessgewässer kam, mutmasste ich die pro Sekunde durchfliessende Wassermenge und multiplizierte mit der möglicherweise nutzbaren Fallhöhe. Anschliessend folgte die Umrechnung in kW. In meinem Kopf funktionierte Energieproduktion im Konjunktiv.
Als dann die ersten Solarzellen auf den Markt kamen – damals noch mit sehr geringem Wirkungsgrad, aber sündhaft teuer – bewegten sich meine mathematischen Exkurse in neuem Gefilde. Ich rechnete aus, welche Fläche erforderlich wäre, um den globalen Energiebedarf zu decken. Und es nahm mich wunder, ob die weltweit vorhandenen Wüstengebiete ausreichen würden, um für den ganzen Weltbedarf sauberen Solarstrom herzustellen. Gewiss, ein kühnes Luftschloss – aber rein rechnerisch war die Welt gerettet. Über die Kostenfolge solcher Luftschloss-Projekte machte ich mir nie Gedanken. Wozu auch Finanz-Berechnungen, wenn man selbst als finanzielles Leichtgewicht lebt …
Heute überlasse ich die Energieprobleme und deren Lösungen meinen Kindern und Enkeln und übe mich in einer anderen Art Energiefrage:
Sprüche 16,32:
„Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte einnimmt.“

Also, Heini, ich möchte hier nur anfügen, dass – falls du und Paul diese Reise in die Klos nicht später noch einmal wiederholtet – ich auch von der Partie war, denn jene Reise vergesse ich nie mehr! Und damals fuhr ich noch mit einem Velo mit Rücktritt! Ihr ja vielleicht auch. Übrigens, dass ich dabei war, mag ja auch der eigentliche Grund gewesen sein, weshalb Vati uns suchen ging…