
Kennen Sie das auch? Die Hausglocke klingelt. Sie öffnen – und stehen zwei Zeugen Jehovas gegenüber, welche Sie mit der Bibel in der Hand von der (ihrer Auffassung nach) allein richtigen Auslegung der Bibel überzeugen wollen. Obwohl Ihnen der Besuch nicht gelegen kommt, geben Sie sich Mühe, um zuzuhören. Sie möchten ja nicht unhöflich sein.
Bald merken Sie jedoch, dass Sie der Argumentation nicht gewachsen sind, denn diese Leute sind bestens vorbereitet und geschult für solche Art des Missionierens. Mehr und mehr wird es unangenehm. Sie möchten die Leute loswerden, wissen aber nicht wie. Schliesslich sagen Sie: „Hab keine Zeit“ – und schliessen die Tür. Problem gelöst! Wirklich?
Es geht auch anders
Sind diese Leute wirklich nur lästige, ungebetene Besucher? Sind sie nicht auch genau wie wir, Gottes Geschöpfe? Ja, Gott möchte auch diese Leute retten, die in einem so unbarmherzigen System gefangen sind und nicht selbständig denken dürfen. Allerdings bringt es rein nichts, wenn wir uns mit ihnen auf eine Diskussion einlassen.
Wie lautet der Missionsbefehl? Jesus hat seinen Jüngern nicht befohlen, mit den Menschen zu diskutieren. Seine Weisung lautete: „Ihr sollt meine Zeugen sein!“ Auf ein Zeugnis hin können die Zuhörer nur auf zweierlei Art reagieren. Sie können es annehmen oder ablehnen. Diskutieren geht nicht.
Hier liegt unsere grosse Chance. Wir dürfen diesen verirrten Seelen bezeugen, welch wunderbares Heil wir bei Jesus gefunden haben. In diesem Sinn kann meine Antwort, die ich heute einem Zeugen Jehovas gab, ein ermutigendes Beispiel sein. Es war zwar keine mündliche Antwort, denn der liebe Zeuge kam nicht an meine Haustür (dies wäre wegen meiner Wohnsituation etwas schwierig gewesen), sondern er schrieb mir einen sehr freundlichen Brief. So hatte ich die Gelegenheit, ihm schriftlich zu antworten. Möge also meine Antwort für meine Blog-Leser eine Hilfe sein, um die nächsten Zeugen Jehovas nicht abzuweisen, sondern ihnen liebevoll den Weg zu einem erfüllenden, authentischen Leben mit Jesus zu bezeugen.
Meine Antwort:
Lieber Herr XXXX
Sie haben mir einen netten Brief geschrieben – wie Sie es selbst formulierten – „um den Glauben an Gott zu stärken“. Das ist sehr lobenswert, und ich freue mich über Ihre guten Motive. Vielen Dank also für Ihren Brief.
Natürlich stimme ich in diesem Punkt ganz mit Ihnen überein, dass die Bibel der Schlüssel ist zu einem starken Glauben. Zugleich frage ich mich jedoch: Brauchen wir wirklich einen starken Glauben an Gott? Das war einst der fromme Wunsch der zwölf Apostel Jesu Christi, als sie den Herrn baten: „Stärke uns den Glauben!“ Ihre Bitte wurde nicht in ihrem Sinn erhört. Jesus gab ihnen die ernüchternde Antwort (Lk 17,6): „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so würdet ihr zu diesem Maulbeerfeigenbaum sagen: Entwurzele dich und pflanze dich ins Meer! Und er würde euch gehorchen.“
Aus Gottes Sicht brauchen wir also nicht einen starken Glauben, sondern Glauben an einen starken Gott. Das ist ein Unterschied. Ich kann von mir nicht sagen, dass ich einen starken Glauben hätte, aber ich bin durch den Glauben mit dem lebendigen, hoch erhabenen und alleinigen Gott verbunden, mit Gott dem Vater, mit seinem Sohn, Jesus Christus und mit dem Heiligen Geist. Diese Verbindung hat mich seit meiner Jugend durch alle Stürme des Lebens getragen. In allen Herausforderungen habe ich erlebt, wie treu der lebendige Gott sich für mein Leben interessierte, mich den richtigen Weg führte und in sehr, sehr vielen Gefahren bewahrte, ja sogar Engel aufbot, um die ganze Familie vor dem sicheren Tod zu retten.
Während Jahrzehnten habe ich „in Tuchfühlung“ mit Gott gelebt – und so bin ich alt geworden. Im Alter nehmen die Kräfte und die Fähigkeiten rapide ab. Auf der anderen Seite erlebe ich in zunehmendem Mass, wie Gott täglich real gegenwärtig ist, wie Er meine enger werdenden Grenzen und meine Schwierigkeiten genau kennt und mir sehr praktisch beisteht.
Als alter Mensch habe ich das Vorrecht, schon sehr nahe am Ziel zu sein. So freue ich mich mit unbändiger Freude auf den Augenblick, wenn ich oben ankommen und meinen wunderbaren Erlöser von Angesicht sehen werde. Dann werde ich Ihm in viel besserer und angemessener Weise danken können für sein Opfer, das Er am Kreuz von Golgatha für mich gebracht hat. Dann werde ich aber auch meine geliebte Ehefrau wieder treffen, die mir im Glauben stets ein grosses Vorbild war und das Ziel bereits vor mir erreichen durfte. Und zusammen werden wir uns in alle Ewigkeit freuen und unseren Erlöser loben.
Sehen Sie, diese frohe und lebendige Hoffnung und Gewissheit kann Ihnen der Glaube nach der Lehre der Zeugen Jehovas nicht bieten. Deshalb ist es mein Wunsch für Sie, dass Sie von der vermeintlichen Rechtgläubigkeit weg zur tiefen persönlichen Beziehung zu Jesus Christus und durch Ihn zu Gott, dem Vater kommen.
Mit freundlichen Grüssen
Heinrich Kuhn
