Erfahrungsbericht zum Thema „Wenn es nicht zur Versöhnung kommt“

Die Sonne darf über eurem Zorn nicht untergehen!

Mein eindrücklichstes Erlebnis zum Thema:
Uneinigkeit unter gläubigen Christen – oder
wenn Christen Handlanger des Feindes werden.

In der Anfangszeit meiner Tätigkeit als Bibellehrer hatte ich die Verantwortung für die Evangelisationswochen während des Winterpraktikums. Mitte der 1960-er Jahre war ich mit einer Gruppe von Studierenden in einer Stadt in der Nähe von Stuttgart im Einsatz.

Nach der Anreise verteilten wir uns in die zugeteilten Quartiere. Beim Abendessen fiel mir die gedrückte Stimmung meiner Gastgeber auf. Schliesslich wandte sich der Hausherr ganz direkt mit der Frage an mich: „Was erwarten Sie von dieser Woche?“

Ich brauchte nicht lange zu überlegen. Meine Antwort war: „Es sollen in dieser Woche Menschen zum Glauben an Jesus Christus kommen.“ Darauf erwiderte der Fragesteller: „Wir hatten in dieser Stadt viele Evangelisationen – jedes Jahr – und nie hat sich jemand für Jesus entschieden. In dieser Stadt gibt es keine zwei Gläubige, die eins wären.“

Ich nahm dies zur Kenntnis, aber liess mich nicht entmutigen, denn schliesslich hat das Wort Gottes Kraft und kommt nicht leer zurück.

Noch am selben Abend hatten wir die erste Veranstaltung. Sie begann mit einem Lied unseres Männerquartetts. Ich stimmte das Lied an, aber falsch und musste nochmals anstimmen. Obwohl wir gut vorbereitet waren, wollte der Gesang nicht richtig harmonieren, es klang völlig trocken und leblos. Dann kam der Lebensbericht eines Teambruders. Er stotterte während des Redens, was für ihn völlig ungewohnt war. In meiner Predigt hatte ich das Gefühl, dass ich gegen eine Mauer spreche. Ich hatte enorm Mühe, mich zu konzentrieren – und als ich die Anwesenden aufforderte, in die Nachfolge Jesu einzutreten, erfolgte nicht die geringste Reaktion. Ich war am Ende total verschwitzt, und das Schlusslied des Quartetts war wieder farblos wie das erste.

Diese Erfahrung liess uns umso mehr im Gebet zusammenstehen. Schliesslich ist Jesus der grosse Sieger von Golgatha – und das muss doch sichtbar werden. Die zweite Veranstaltung kam. Und sie verlief exakt so, wie die erste. So ging es während der ganzen Woche weiter. Nichts veränderte sich. Nach der letzten Veranstaltung am Freitag Abend waren wir völlig abgekämpft, erschöpft, desillusioniert, oder besser gesagt: Unser Glaubensmut war völlig am Boden. Die unheimliche Realität des Wortes „verstockt“ wurde uns in der ganzen tragischen Bedeutung bewusst.

Nun war am Samstag Nachmittag noch eine Jugendveranstaltung. Hier herrschte eine ganz andere Atmosphäre. Wir hatten aufmerksame Hörer vor uns. Und an diesem Nachmittag haben manche Jugendliche ihr Leben bewusst unter die Führung von Jesus Christus gestellt. Diese jungen Leute waren noch nicht involviert in die Zwistigkeiten der älteren Generation. Hier fand Gottes Geist den Zugang zu den Herzen.

Noch heute überfällt mich ein Schaudern, wenn ich an jene Erfahrung zurückdenke – wenn ich an die unausweichlichen Folgen denke:

Wer nicht vergibt, dem wird Gott keine Vergebung schenken! Matthäus 6,15:

„Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“

Wer nicht vergibt, von dem wird die ganze Schuld seines Lebens eingefordert:

Matthäus 18,23-35
Hier stellt Jesus das Gleichnis vom hartherzigen Schuldner vor. Der Gläubiger hatte diesem die unbezahlbar hohe Schuldsumme erlassen. Diese Amnestie versetzte den von Schuld Befreiten in die moralische Pflicht, dass auch er seinen Mitmenschen gegenüber alle Schuldansprüche erlassen sollte.

Unter Missachtung seiner moralischen Pflicht forderte er jedoch ein Guthaben bei einem Schuldner ein. Ein Guthaben, das im Vergleich zu dem ihm erlassenen recht klein war. Dadurch verlor er die Amnestie. Seine frühere Schuldsumme wurde ihm wieder voll angerechnet und er wurde hart bestraft.

Jesus fügte diesem Gleichnis einen erschreckend deutlichen Kommentar hinzu:

„So wird auch mein Vater im Himmel jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von Herzen vergibt.“

Vergeben heisst im Klartext: Ich verzichte auf meinen realen Rechtsanspruch. Ich bin dazu verpflichtet, weil der Vater im Himmel mir gegenüber auf seinen Rechtsanspruch verzichtet hat.

Unser Herr Jesus Christus lässt uns kein Schlupfloch offen. Wenn wir nicht zur Versöhnung bereit sind, setzen wir unser eigenes Heil aufs Spiel, und wir hindern Gottes Wirken in dieser Welt.

→ empfohlenes Lied von Manfred Siebald

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