Schon verschiedentlich haben mir bekannte Personen angedeutet, es sei vorbildlich, wie ich meine schwierige Situation im Glauben angehe.
Was ist da vorbildlich? Ich tue ja nur das Einzige, was mir geblieben ist, was mir möglich und richtig erscheint. Ich klammere mich, wie seinerzeit der Prophet Habakuk, an meinen Gott an. Dazu braucht es wahrlich keinen starken Glauben, sondern einen starken Gott. Und weil dieser starke Gott uns in seiner göttlichen Kraft trägt, kann Er es sich leisten, seine Kinder immer wieder mal durch ein Übungsfeld zu führen.
Schon im letzten Sommer machte ich mir Gedanken, wie mein 80-er-Jubiläum gefeiert werden soll. Alle drei Generationen müssen anwesend sein. Und ein halbes Jahr im voraus sollten alle eingeladen werden, damit es nicht zu Terminkollisionen kommt. Schön, es wird klappen.
10 Tage vor dem Fest machen sich Anzeichen einer Erkältung bemerkbar. Sofort leite ich Feuerwehr-Massnahmen ein, um die Eindringlinge möglichst rasch wieder los zu werden. Nützt nichts. Der Körperthermostat schaltet auf Fieber um. Bald tropft die Nase im 2‑Sekunden-Takt. Es scheint, dass mich die Viren in ein Katz-und-Maus-Spiel verwickeln. All meine erprobten Tricks werden ausgetrickst.
5 Tage vor dem Fest. Jetzt müssen wir gemeinsam beten, denn es steht viel auf dem Spiel. E-Mail an meine Kinder und Schwiegerkinder: „Liebe Kinder, betet mit! Es scheint, dass der Widersacher Gottes keine Freude hat an unserer Feier. Er will sie verhindern.“ Viele Hilferufe kommen im Himmel an, aber das Fieberthermometer stellt auf stur, und die Nächte werden mehr und mehr zur Qual.
3 Tage vor dem Fest. Wie wichtig wäre jetzt eine Nacht mit erholsamem Schlaf. Das lässt sich jedoch nicht per Knopfdruck realisieren. Statt dessen drehe ich mich mit meinem fieberheissen Brummschädel hin und her, versuche die Gedanken abzuschalten, zu entspannen, in Jesus zu ruhen. Das ist doch dem Glaubenden zugesagt. Ja, ich will doch meinen Herrn durch Glauben ehren. Er hat alle Macht, hat alles im Griff, also kann ich relaxen.
Da sind sie schon wieder, die Gedanken, die wie hungrige Ratten an meinem Glauben knabbern. Morgen ist der letzte Tag, an welchem das Fest allenfalls noch abgesagt werden könnte. 33 Leute, die sich auf das Fest gefreut haben. Und jetzt absagen? Nein, ich will mir keine Sorgen machen, mein Herr ist doch allmächtig. – Aber wenn Er anders entschieden haben sollte? Wenn Er mir Bettruhe verordnet, statt Festfeier? Nein, so ist mein Herr nicht, Er will mich nicht strafen, nur prüfen, meinen Glauben prüfen. Jetzt möchte ich eeendlich schlafen. Herr, lass mich doch bitte endlich den Schlaf finden!
Ratten lassen sich nicht so leicht vertreiben. Gedanken auch nicht. Hast du überhaupt Glauben? Oder hast du dir nur eingebildet, dass das Familienfest so wichtig sei? Doch, es ist wichtig, dass ich meinen Enkeln einige geistliche Impulse mit auf den Lebensweg gebe. Schön, das möchte Gott auch, aber ist Er dazu auf dich angewiesen? Und ist Er verpflichtet, alles nach deinen Vorstellungen zu lenken?
Jetzt halte ich es nicht mehr aus in diesem Karussell. „Herr Jesus, morgen ist Stichtag. Ich werde mich beim Arzt melden. Lässt er mich springen, weiss ich, dass Du grünes Licht für das Fest gegeben hast. Hat der Arzt jedoch Bedenken, betrachte ich dies als Stoppzeichen und werde das Fest absagen.“
Ich schlage die Augen auf und fühle mich erstaunlich ausgeruht. Durch das Dachfenster leuchtet mir schon die Morgendämmerung entgegen. Also habe ich doch einige Stunden gut geschlafen. Decke weg! – und zum ersten Mal werden wieder einige morgendliche Turnübungen durchgeführt. Dann ist es Zeit für den Anruf. Ich erhalte umgehend einen Termin für die Sprechstunde, die Zeit reicht noch zum Duschen – und dann los!
„Kein Fieber mehr“, sagt der Arzt. Es gibt nichts, was gegen das Fest sprechen würde. Er schreibt die Verordnungen, händigt mir die Medikamente aus und entlässt mich mit ein paar mahnenden Worten. Danke Herr, die ganze Last ist weg! Und nun gehts gelassen ans Werk, um alle liegengebliebenen Vorbereitungen zu erledigen. Und das ist Einiges.
Bum, bum, bum, mahnt mich mein Herz. Ja, ich weiss, ich sollte mich schonen. Hat der Arzt gesagt. Sollte. Aber wie komme ich vom Konjunktiv zum Indikativ Präsens? Gehorsam ist ein wesentlicher Aspekt des Glaubens. Also!
Samstag, Tag des grossen Festes! Nach dem Frühstück rasch in die Dusche und dann in den festlichen Anzug. Rechtzeitig stehe ich im Stationsgebäude und warte, bis sich die automatische Tür öffnet und ich in die Standseilbahn einsteigen kann. Doch, die Tür will und will heute nicht aufgehen. Schon springt der Zeiger auf 09:44. Gleichzeitig erlöscht die angezeigte Abfahrtszeit im Display. Tür immer noch geschlossen. Und nun ertönt bereits das erste Hornsignal, welches die Abfahrt ankündigt. Da rase ich wie elektrisiert zum Billetschalter, poltere gegen die Scheibe und rufe ohne jeglichen freundlichen Unterton: „Tür öffnen“. Die Abfahrt kann gerade noch verhindert werden. Die Tür geht auf. Ich steige als einziger Fahrgast in das noble „Bähnli“, und los gehts.
Wow! Das war knapp. Die hätten mich ja prompt vor verschlossener Tür stehen lassen. Und das Vorbereitungsteam hätte vergeblich auf das Mischpult gewartet, welches ich im Rucksack mitbringe. Ein Probelauf der Anlage wäre vor dem Fest nicht mehr möglich gewesen. Und die Gäste hätten beim Apéro vergeblich auf das Anstossen mit dem Geburtstagskind gewartet. Aber nun sitze ich ja wirklich in der Seilbahn und gleite gemächlich zum Thunersee hinunter.
Im Bus und im Zug finde ich genügend Zeit, um mir die geplante Tischrede „Grossvater erzählt aus seinem Leben“ Punkt um Punkt nochmals durch den Kopf gehen zu lassen. Wie ich das geniesse. Und wie wichtig, das alles wie ein Vermächtnis der dritten Generation zu übermitteln.
Boltigen. Hotel Simmental. Ich werde von der Chefin selbst empfangen und in den „Amtssaal“ geführt. Hier fällt mir die gedrückte Stimmung gleich auf. Offenbar wurden mit dem Hotelier getroffene Vereinbarungen betriebsintern nicht weitergeleitet. Da stehen nun die beiden Enkelinnen, die für das Einschenken beim Apéro bestimmt waren, ziemlich tuuch (bedrückt) herum, während die Servierdame des Hotels den Apérotisch bedient und damit den Mädchen die Show stiehlt.
Die Gäste trudeln ein, es wird begrüsst, angestossen, geplaudert, einfach eine fröhliche Stimmung, aber so fröhlich, dass es schwierig ist, die Leute an die Tischplätze zu bringen. Das Essen beginnt mit Verspätung. Ich halte die kurze Begrüssungsrede und will das Mikrophon der Tagesleiterin übergeben. Doch diese erschrickt, hat keine Ahnung, dass sie die Festgemeinde durch das Programm führen soll – und hat auch meinen detaillierten Plan für den Ablauf und die entsprechenden Hinweise nicht gesehen. Panne total!
Das Fest nimmt „ungeleitet“ seinen Lauf mit vielen fröhlichen Unterhaltungen zwischen Sitznachbarn oder quer über den Tisch. Und wie es so ist, wo es viel zu erzählen gibt, dreht sich der Uhrzeiger schneller. So bleibt gerade noch Zeit für ein paar Darbietungen, aber meine für mich so wichtige Tischrede findet keinen Platz mehr. Ich fühle mich vernichtet. Mein Schlussbukett ist das Einzige, was zeitlich noch drin liegt. Eigentlich wollte ich das Lied vorsingen, in die Herzen hineinsingen. Aber mit all den Nachwirkungen meiner hartnäckigen Erkältung ist nicht daran zu denken. Wir singen das Lied gemeinsam.
In der erklärenden Einführung zu diesem Lied berichte ich von der Hochzeit meines jüngsten Bruders und der Schwägerin. Er hatte es gewagt, den einstigen Gemeindepastor aus unserer Jugendzeit anzufragen, ob er bereit wäre, die Trauung vorzunehmen. Aber dieser Mann Gottes war zu jener Zeit sehr, sehr alt. Und er war sterbenskrank. Trotzdem betrachtete er es als Auftrag Gottes, die Trauung zu halten. Da stand er nun, dieser vom Tod gezeichnete Mann, hinter dem Altar, hielt sich mit beiden Armen am Pult fest – und predigte plötzlich mit seiner gewohnt mächtigen Stimme, so dass der ganze Kirchenraum widerhallte. So übermittelte er uns eine unvergessliche Botschaft mit dem Kernsatz: „Gebt um Gottes willen dieser sterbenden Welt ein mutiges Bekenntnis für unseren Heiland, Jesus Christus!“
Doch während jener Gottesmann laut und klar diese Botschaft in unsere Herzen schrieb, hatte ich selbst grosse Mühe, davon zu berichten. Weil mich die Erinnerung beim Erzählen so sehr berührte, musste ich ein paar Male unterbrechen und den Satz nochmals beginnen. Ich kam mir vor, wie ein ganz grosser Versager.
Schlussgebet. Die Gäste beginnen sich zu verabschieden. Alle zeigen sich tief bewegt von diesem schönen Fest. Was gab es denn so Bewegendes? Der Glanz der Gegenwart Gottes über der ganzen Feier. Und ich hatte gedacht, dass es auf mich ankomme, dass ich das Entscheidende beitragen müsste. Wie töricht! Lässt sich denn der Gegenwart Gottes irgend etwas Ebenbürtiges gegenüberstellen?
Glaubensübung heisst eben auch: In seinen eigenen Vorstellungen korrigiert zu werden.
