Der Durchblick

Durchblick

Wie oft ist der Himmel mit Wolken verhangen und sind unsere Wege verdunkelt. Bis die Sonne durch ein Wolkenloch durchdringt und die Konturen im geheimnisvollen Dunkel erkennen lässt.

Vor wenigen Tagen berichtete ich von meinem Jubiläumsfest mitten in herausfordernden Umständen. Und wie ich meine geplante Tischrede „Grossvater erzählt aus seinem Leben“ sang- und klanglos beerdigen musste.

Postwendend reagierte darauf eine meiner Schwiegertöchter: „Vielleicht kannst du deine Rede an die Enkel in einem Brief für sie verfassen?“

Dieser Satz wirkte wie eine Initialzündung. Sofort sah ich den Zusammenhang zum 1. Thessalonicherbrief. Es war eine spannungsgeladene Zeit im Dienst des bewährten Apostels Paulus. Grosse Fragezeichen, die sich theologisch nicht auflösen lassen, begleiten den Bibeltext. Erst der Gesamtzusammenhang führt zum Durchblick. Wie oft hatte ich im Bibelunterricht diesen Text herangezogen, um den Studierenden die Einsicht in Gottes übergeordnete Strategie zu vermitteln. Schauen wir uns doch den Zusammenhang näher an:

Die Geschichte beginnt in Troas, wo Paulus den Auftrag erkennt, mit seinem Team nach Europa (Mazedonien) hinüber zu gehen (Apostelgeschichte 16,9‑10): „Dort hatte Paulus in der Nacht eine Vision. Ein Mazedonier stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“

Die nun folgende „Aktion Mazedonien“ (Apostelgeschichte 16,11 bis 17,15) war zeitlich von kurzer Dauer und bei jeder Station von enormen Widerständen begleitet. In Philippi endete der Missionseinsatz mit der Gefangennahme der Missionare, Paulus und Silas. Sie wurden mit Ruten geschlagen und verbrachten eine Nacht im Gefängnis, eingespannt ins Folterinstrument „Block“. Zu Fuss erreichten sie dann Thessalonich und erlebten einen gewaltigen erwecklichen Durchbruch. Nachdem Paulus an drei Sabbaten in der Synagoge predigen konnte, kam es zu einem Aufruhr. Die Apostel mussten nach Beröa fliehen. Nach einem guten und gesunden Aufbruch innerhalb der Synagogengemeinde kamen Juden aus Thessalonich und zettelten auch hier einen Aufruhr an. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde Paulus zum Hafen gebracht und auf der Schifffahrt bis Athen begleitet.

Können wir uns die Sorgen des Apostels vorstellen. An drei Orten hinterliess er je eine gerade eben entstandene Gemeinde. Alle drei Gemeinden waren jetzt „vaterlos“ und mussten auf eigenen Füssen stehen. Und dies in schwierigsten äusseren Bedingungen, unter dem Druck der Verfolgung. Der um seine „geistlichen Kinder“ leidende Apostel braucht Nachrichten. Er gibt seinen Begleitern einen Auftrag an Silas und Timotheus. Die beiden sollen ihn so bald wie möglich in Athen besuchen (Apostelgeschichte 17,15). Von Athen aus sendet er dann Timotheus zurück nach Thessalonich (1Thessalonicher 3,1‑2).

Erst während des Aufenthalts des Paulus in Korinth stossen die beiden Mitarbeiter (Timotheus aus Thessalonich und Silas, dessen Einsatzort nicht näher genannt wird) wieder zu Paulus und bringen gute Nachrichten (Apostelgeschichte 18,5).

Inzwischen war Paulus dermassen in Sorge um die Mazedonischen Christen, dass er zweimal versucht hatte, selber hinzureisen (1Thessalonicher 2,18): „Darum wollten wir zu euch kommen, ich, Paulus, einmal und noch einmal, doch der Satan hat uns gehindert.“ Diese Formulierung wirft grundsätzliche Fragen auf:

  • Die Situation:
    Die mazedonischen Gemeinden müssen dringend gepflegt und im Glauben weiter geführt werden, damit die „eingebrachte Ernte“ nicht wieder verloren geht.
  • Gottes Macht:
    Es ist Gottes Anliegen, dass die Christen in Mazedonien weiter geführt werden, und Er hat alle Macht, um dies durchzusetzen. Christus hat am Kreuz den Satan besiegt, und es gibt keine Macht, die Gottes Werk aufhalten könnte.
  • Die praktische Erfahrung:
    „…doch der Satan hat uns gehindert.“

Wie bitte? Ist nun Gottes Sieg doch nicht vollkommen? Gibt es, wie es scheint, Bereiche, in welchen der Satan das Sagen hat? Nein, das ist unmöglich. Und doch steht da: Der Satan hat uns gehindert.

Ich will niemanden länger auf die Folter spannen. Fragen wir uns, was Paulus unternahm, weil ihm ein Besuch in Mazedonien verwehrt wurde: Er schrieb die beiden Thessalonicherbriefe. Wäre sein Plan mit einem Besuch in Thessalonich gelungen, wären zwar jene Christen damals im Glauben gestärkt worden. Aber wir wären leer ausgegangen. Und weil Gott auch an uns heute und unsere geistlichen Bedürfnisse dachte, hat Er es zugelassen , dass Satan den Plan des Apostels verhindern konnte, damit auch wir in den Besitz dieser beiden kostbaren Briefe kommen.

Jawohl, der Satan ist endgültig besiegt. Aber Gott setzt ihn noch ein. Der Widersacher Gottes muss mit seinen bösen Absichten letztlich nur dazu beitragen, dass Gottes Pläne zustande kommen.

Zurück zu meinen Enkelkindern. Ich wollte ihnen mit einer Tischrede ein Vermächtnis hinterlassen. Gott fand, dass dies zu kurz gegriffen sei, zu sehr auf den Moment ausgerichtet, und hat es verhindert. Damit etwas Besseres entstehen kann. Ein Brief, vielleicht sogar ein Büchlein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.