Am 25. Januar 2018 veröffentlichte Ideaschweiz.ch ein Interview mit Dr. Manuel Schmid unter dem provokativen Titel: „Gott hat keinen Plan für dein Leben!“ Einsehbar unter folgendem Link: http://www.ideaschweiz.ch/glaube/detail/gott-hat-keinen-plan-fuer-dein-leben-104002.html
Dr. Manuel Schmids Thesen und Argumente wurden in der Zwischenzeit ausreichend und in guter Weise widersprochen. Siehe:
http://www.ideaschweiz.ch/spektrum/detail/gott-hat-alles-unter-kontrolle-104224.html
http://hanniel.ch/2018/01/31/der-offene-theismus-schliesst-die-luecke-in-der-nach-evangelikalen-dogmatik-eine-stellungnahme/
Ich beabsichtige keineswegs diesen Stellungnahmen noch etwas zuzufügen. Mir geht es viel mehr um eine Antwort auf die Frage: Wie ist es überhaupt möglich, dass Menschen auf der Suche nach der Wahrheit in solchen Irrtümern landen? Wenn Sie mit mir dieser Frage nachgehen möchten, klicken Sie auf „weiterlesen“!
Hören wir doch mal genau hin, wenn ich hier einige Sätze zitiere! Ich beschränke mich auf nur drei Aussagen. Was lässt sich aus den Formulierungen heraushören?
- „Die Gewinne eines offen-theistischen Gottesverständnisses wiegen meines Erachtens aber die Nachteile auf.“ – Das Problem ist offensichtlich: Der menschliche Verstand wählt das ihm passende Gottesverständnis im Abwägen zwischen Vor- und Nachteilen.
- „Was soll das für ein Gott sein, dessen Wille hinter allen Gräueltaten und Katastrophen dieser Welt steht? Offene Theisten wollen Gott dagegen konsequent als Liebe denken.“
Auch hier zeigt sich die gleiche Grundhaltung: Der menschliche Verstand entscheidet, welches Gottesbild für ihn akzeptabel ist und welches nicht. - „Die Unvorhersehbarkeit rührt daher, dass Gott nicht im Voraus weiss, was der Mensch mit seinem freien Willen tun wird. Wenn er es wüsste, wäre der Wille nicht wirklich frei …“
Als Beweis, dass Gott in seinem Wissen begrenzt sei, wird hier ein für den menschlichen Verstand logisches Argument eingesetzt – „wenn / dann“. Was für ein Wahnwitz! Es ist so als ob der unendlich grosse und herrliche Gott sich in die kleinkarierte menschliche Logik seiner Geschöpfe einfügen müsste, um für diese akzeptabel zu sein.
In allen drei Zitaten wird der gleiche gedankliche Mechanismus sichtbar: Der begrenzte menschliche Verstand wird an die Stelle Gottes gesetzt. Er untersucht und beurteilt Gott, seinen Schöpfer. Einfach ausgedrückt: Das Verhältnis Gott und Mensch wird auf den Kopf gestellt. Was wir hier feststellen, entspricht genau dem, was die Schlange im Garten Eden Eva versprochen hatte: „…an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“
Dieses „Sein-wollen-wie-Gott“ ist der eigentliche Kern der Sünde. Und er wirkte sich im Laufe der Menschheits- und Kirchengeschichte bis heute – auch in der Theologie! – als zerstörerischen Fluch aus.
Darum ist es gut, wenn wir unser theologisches Forschen und Arbeiten mal grundsätzlich in Frage stellen lassen. Meine Fragen mögen zwar ketzerisch klingen. Trotzdem will ich sie hier bewusst in den Raum stellen, damit wir ehrlich darüber nachdenken können.
- Die Kompetenzfrage: Ist es uns Menschen erlaubt, eine Lehre über Gott anzufertigen? Darf das Geschöpf seinen Schöpfer in ein Denkschema verpacken? Und dürfen wir uns mit einer solchen Aufgabenstellung grundsätzlich und masslos überfordern?
- Die Inhaltsfrage: Wenn die Lehre über Gott unserem menschlichen Verstand durchwegs logisch erscheinen würde, wäre dann ein solcher Gott noch das, was Er in Wirklichkeit ist, nämlich der Ursprung alles Geschaffenen im sichtbaren und im unsichtbaren Bereich, die erhabenste, alles bestimmende und allein anbetungswürdige Autorität im ganzen Universum?
- Die juristische Frage: Darf der Mensch, der grundsätzlich vor Gott schuldig und daher gerichtswürdig ist, sich als Richter über Gott aufspielen – z.B. mit jenem oben bereits zitierten Satz: „Was soll das für ein Gott sein, dessen Wille hinter allen Gräueltaten und Katastrophen dieser Welt steht?„
Wir merken, das geht uns allen, die wir im Lehrdienst tätig sind (resp. waren) sehr nahe. Es geht um die grundsätzliche Befugnis, über Gott zu lehren. Dürfen wir das?
Meine Antwort: Von ganzem Herzen „Ja“, aber nur auf dem Weg, den uns das Wort Gottes vorzeigt. Die biblische Wegweisung ist hier unmissverständlich klar. Es geht um ein „Nicht“ und ein „Sondern“.
Das „Nicht„:
- Spr 3,5: „Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand …“
Hier spricht der Verfasser die Leitstelle unseres Denkens und Handelns an. Das gilt in erster Linie auch in allem theologischen Forschen und Lehren. Der Verstand ist zwar ein grossartiges Gottesgeschenk. Im theologischen Arbeiten darf er jedoch nicht die Rolle als oberste Leitstelle übernehmen. - Joh 5,38‑40 (ELB): „…und sein Wort habt ihr nicht bleibend in euch; denn dem, den er gesandt hat, dem glaubt ihr nicht. Ihr erforscht die Schriften, denn ihr meint, in ihnen ewiges Leben zu haben, und sie sind es, die von mir zeugen; und ihr wollt nicht zu mir kommen, damit ihr Leben habt.“
Jesus spricht hier die führenden Juden an. Sie waren schriftkundig, aber sie forschten im Unglauben, obwohl sie gläubige Juden waren. Wahrer Glaube drückt sich eben im Gehorsam und in der Unterordnung unter Gott aus. Beides fehlte bei jener geistlichen Elite: Sie erforschten zwar die Schriften, welche von Jesus zeugen, aber sie wollten nicht zu Ihm kommen. Somit führte ihre Theologie quer an der Wirklichkeit Gottes vorbei – in eine abgrundtiefe Finsternis. - Kol 2,8 (NGÜ): „Nehmt euch vor denen in Acht, die euch mit einer leeren, trügerischen Philosophie einfangen wollen, mit Anschauungen rein menschlichen Ursprungs, bei denen sich alles um die Prinzipien dreht, die in dieser Welt herrschen, und nicht um Christus.„
Ursprung, Antrieb und Methoden des philosophischen Nachdenkens über Gott sind im Menschen begründet. Darum führt auch das Resultat nicht zur Wirklichkeit Gottes, sondern notwendigerweise zum Menschen zurück. Zu Recht spricht Paulus hier von der trügerischen Philosophie.
Das „Sondern“:
- Spr 9,10: „Der Weisheit Anfang ist die Furcht des HERRN, und den Heiligen erkennen, das ist Verstand.„
Was der Spruchdichter uns hier mitteilt, lässt sich einfacher und klarer nicht mehr ausdrücken. Ausgangspunkt und Voraussetzung für echtes theologisches Forschen ist die Ehrfurcht vor dem HERRN. Dann erst wird der Verstand angesprochen, und gleichzeitig wird auch seine Arbeitsweise festgelegt, nämlich „den Heiligen erkennen“. Der biblische Begriffsinhalt für „erkennen“ umfasst weit mehr als das gedankliche Erfassen einer Sache, eines Tatbestandes, eines Vorgangs etc.. Die biblische Art des Erkennens ist an die Offenbarung Gottes gebunden und darum nur innerhalb der Grenzen seiner Offenbarung möglich. Praktisch ausgedrückt heisst dies: Wenn ich Gott erkenne, werde ich nicht primär etwas über Gott erfahren und mein Wissen über Ihn vermehren, sondern ich werde zuerst seiner Person, seiner Wirklichkeit begegnen. - 2Kor 10,4‑5 (NGÜ): „Die Waffen, mit denen wir unseren Kampf führen, sind nicht die Waffen dieser Welt. Es sind Waffen von durchschlagender Kraft, die dazu dienen, im Einsatz für Gott feindliche Festungen zu zerstören. Mit diesen Waffen bringen wir eigenmächtige Gedankengebäude zum Einsturz und reissen allen menschlichen Hochmut nieder, der sich gegen die wahre Gotteserkenntnis auflehnt. Das ganze selbstherrliche Denken nehmen wir gefangen, damit es Christus gehorsam wird.„
Wer Theologie betreiben will, ist täglich herausgefordert, diesen von Paulus beschriebenen Kampf auf sich zu nehmen und in aller Entschlossenheit zu führen. Es ist ein Kampf an zwei Fronten. Einerseits ein Kampf gegen den Hochmut, der im eigenen Denken veranlagt ist, dann aber auch ein Kampf gegen den Hochmut, welcher uns andauernd in Lehrmeinungen und Zeitströmungen begegnet. - Die folgende Stelle, welche Jesus aus Jes 6,10 zitiert, handelt zwar vom Gericht über Gottes AT-Bundesvolk. Trotzdem wird uns darin deutlich aufgezeigt, worauf es beim „geistlichen Erkennen“ ankommt:
Mt 13,15: „Denn das Herz dieses Volkes ist verfettet, und mit ihren Ohren hören sie schwer, und ihre Augen haben sie geschlossen, auf dass sie nicht mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, dass ich sie heile.„
Beachten wir die vollständige Reihenfolge: Zuerst muss die Information, d.h. die Offenbarung Gottes aufgenommen werden (mit den Augen Gottes Wort lesen, resp. sein Handeln erkennen, mit den Ohren die Predigt hören). Im nächsten Schritt kommt es zum Verstehen. Aber wo? Nicht im Verstand, sondern im Herzen. Das ist entscheidend. Man kann sich natürlich streiten, was mit dem Herzen gemeint ist. Ich möchte mich nicht anatomisch festlegen, sondern meine, dass es sich schlicht und einfach um den Ort handelt, an welchem Gottes Geist sich uns mitteilt. Es ist der „Kontaktpunkt“ zu dem lebendigen Gott. Darf ich es in einem so modernen biotechnischen Bild der Befruchtung einer Zelle ausdrücken? Es ist der Ort, wo der lebendige Gott bei uns kleinen, hinfälligen Menschen andockt und sich selbst, sein göttliches Wesen und Leben, uns mitteilt. Beim dritten Schritt gibt der Mensch Antwort auf Gottes Appell und erlebt dann als vierten Schritt Gottes heilendes Wirken. Diese Art Theologiestudium ist doch sehr einfach.
Zurück zu Frage 1: Ist es uns Menschen erlaubt, eine Lehre über Gott anzufertigen? Meine Antwort ist bewusst überspitzt: Nein, das ist uns nicht erlaubt. Und warum nicht? Weil die Lehre über Gott bereits steht. Sie ist uns vorgegeben in der Heiligen Schrift. Sie ist die Summe aller Offenbarung Gottes. Alles, was die Bibel über Gott aussagt. Alles, was Gott in seinem Wort über sich selbst spricht. Alles, was die Geschichte über Gott offenbart. Den zentralsten Platz in der Offenbarung Gottes nimmt die Menschwerdung, das Leben, Lehren und Wirken, das Leiden, Sterben und Auferstehen des Gottessohnes ein. Und wie komme ich zu dieser von Gott vorgegebenen Theologie? Der weitaus beste und folgerichtige Weg lautet: Die Bibel selbst in ehrfürchtiger Haltung lesen. Und lesen. Und lesen. Und immer wieder lesen. Scheint uns dies zu wenig? Erweckt es bei uns den Eindruck von Kindergarten? Wer sich jedoch auf diesen schlichten Weg begibt, erfährt wie recht der Psalmist hat (Ps 119,99 nach NGÜ): „Ich bin verständiger als alle meine Lehrer, weil ich immer wieder nachsinne über das, was du bezeugst.“
Fazit
Ganz zu Anfang erklärte ich meine Absicht, dass ich eine Antwort suche auf die Frage: „Wie ist es überhaupt möglich, dass Menschen auf der Suche nach der Wahrheit in solchen Irrtümern landen?“ In meinem Exkurs habe ich versucht, einige Regeln aufzuzeigen, deren Beachtung mir im theologischen Arbeiten wichtig erscheint. Nun dürfte es nachvollziehbar sein, dass mit dem Verlassen dieser Leitlinien allen möglichen falschen Lehren Tür und Tor geöffnet werden. Trotzdem bleibt es für mich ein Stück weit rätselhaft, dass offensichtlich falsche Betonungen in der Lehre über Gott sich in einschlägigen evangelikalen Lehranstalten einschleichen können.
Doch! Da gibt es vermutlich einen Zusammenhang. Ich erinnere mich an eine Diskussionsrunde anlässlich einer KBA-Tagung (Konferenz Bibeltreuer Ausbildungsstätten). In jener Diskussion wurde unter anderem auch die Frage aufgeworfen: „Was müssen wir tun, dass unser Bibelkunde-Unterricht nicht zur Tretmühle wird?“ Spontan meldete ich mich zu Wort und sagte: „Solange wir die Bibelkunde am Text vorbereiten, kann der Unterricht nicht zur Tretmühle werden.“ Daraufhin kam wie aus der Pistole geschossen die Rückfrage: „Ja, wer von uns hat denn noch die Zeit, sich am Text vorzubereiten?“
Meine Einsicht in der Rückschau: Wie kann ein Baum den Sturmböen standhalten, wenn seine Wurzeln nicht tief im Erdreich verankert sind? Und was können wir falschen Lehrbetonungen entgegen setzen, wenn wir selbst und auch unser Dozieren nicht tief im Wort Gottes verwurzelt sind?
