
Öfter als mir lieb ist, wird mir Mitleid bezeugt, weil meine schwerkranke Ehefrau weit von mir weg in einem Heim im Simmental wohnt. Aber selbst wenn die Anteilnahme ehrlich gemeint ist, mag ich dieses Stehenbleiben bei den Problemen nicht. Deshalb reagierte ich vor etlichen Tagen in ungewöhnlicher Weise und sagte: „Gott verfolgt eine gute Absicht und hat uns auseinander genommen.“ Natürlich provozierte dieser Satz und löste zunächst ungläubiges Kopfschütteln aus. Bis ich einige Erklärungen hinzufügte.
Doch bevor ich auf Details meiner Erklärungen eingehe, will ich auf einen unumstösslichen Grundsatz hinweisen: Wer ein klein wenig von Gottes unergründlicher Liebe verstanden hat, kann auch hinter schwierigen und steinigen Wegen keine schlechten Absichten Gottes vermuten. In diesem Sinne sagt Jakobus (Jak 1,2): „Seht es als einen ganz besonderen Grund zur Freude an, meine Geschwister, wenn ihr Prüfungen verschiedenster Art durchmachen müsst.“
Dabei stellt Jakobus keineswegs eine leere Behauptung auf, sondern weist in Vers 3 gleich auf die positive Frucht der Prüfungen hin: „Ihr wisst doch: Wenn euer Glaube erprobt wird und sich bewährt, bringt das Standhaftigkeit hervor.“ Gott behält das wichtige Ziel im Auge und will uns helfen, dass wir es erreichen. Selbst wenn uns seine Wege und Gedanken völlig unverständlich erscheinen, stammt doch die Triebkraft seines Handelns stets aus seiner erbarmenden Liebe. Auf dieser Erkenntnis beruht das Vertrauen, welches sich in den Schwierigkeiten bewährt.
Ein Segen an zwei verschiedenen Orten
Wenn andere Menschen durch uns gesegnet werden, ist dies keineswegs ein Verdienst, das wir uns zurechnen könnten.
- Es handelt sich stets um unsere von Gott empfangene Berufung. 1Petr 3,9: „Vergeltet Böses nicht mit Bösem oder Schmähung mit Schmähung! Im Gegenteil: Segnet, denn dazu seid ihr berufen worden, dass ihr Segen erbt.“ (vergleiche Lukas 6,28 und Römer 12,51!)
- Gottes Segen ist nicht ein autonom verfügbares Gut. Überall, wo wir Segen weitergeben dürfen, ist es der Heilige Geist, der andere Menschen durch uns segnet. Ein Beispiel (Matthäus 10,20): „Nicht ihr seid es, die dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.“
In diesem Sinn durften wir während vieler Jahre erleben, dass Gott speziell auch unsere Ehe benützte, um andere Menschen zu segnen. Das war ein besonderes Vorrecht. Und nun hat derselbe Gott, der Segen gewirkt hat, uns auseinander genommen. Handelt Er somit nicht kontraproduktiv? Nein, Gott tut nichts, das Er sich nicht zuvor gründlich überlegt hat. Ich wage wirklich zu behaupten, dass Er durch die Trennung die positiven Auswirkungen gesteigert hat. Wie ist dies zu verstehen?
Wie ich oben schon ausführte, ist es der Heilige Geist, der durch uns Segen wirkt. Weil jedoch meine Ehefrau und ich an unterschiedlichen Orten leben, wirkt der Heilige Geist auch an zwei verschiedenen Orten Segen. Für diesen Geist ist die Krankheit meiner Frau, die Hirnleistungsstörung, überhaupt kein Hindernis. Er wirkt, wo Er will und wie Er will. Wer immer meine Ehefrau besucht, ist davon beeindruckt, wie trotz allem offensichtlichen Zerfall die Gegenwart Gottes spürbar ist. Die Verbindung nach oben und somit auch die Ausstrahlung sind geblieben. Mehr als einmal hat mir die Heimleiterin bezeugt: „Ihre Frau ist ein Segen für unser Haus.“
Jesus bekommt den Platz, der Ihm zusteht
In den 48 Jahren unseres gemeinsamen Weges haben meine Frau und ich uns sehr gut aufeinander eingespielt. Unsere Begabungen ergänzten sich wunderbar, unsere Wertvorstellungen deckten sich, und in der geistlichen Ausrichtung hatten wir die gleiche Wellenlänge. Alles optimal. – Jein! – Gott sah das offenbar anders. Es war so einfach, Dinge mit meiner Frau zu besprechen. Wenn wir uns einig waren, war alles o.k. Aber ohne die Konsequenzen wirklich durchzudenken, gingen wir oft davon aus, dass Gott auch gleicher Meinung sei. So ist in gewissen Situationen meine Ehepartnerin, ohne dass ich es realisierte, für mich zu einem Ersatz für Gottes Willen geworden. Das darf nicht sein. Gott kann, weil Er Gott ist, niemanden neben sich dulden.
Je mehr sich bei meiner Gattin die Krankheit bemerkbar machte, je unsicherer sie sich selbst fühlte, desto mehr wurde sie in allen betroffenen Lebensbereichen abhängig von mir. Das Abhängig sein von praktischen Hilfestellungen ist eine normale Entwicklung im Krankheitsverlauf. Daneben bahnte sich jedoch ein gefährlicher Verlauf an. Ganz unbemerkt wurde ich für meine Gattin zu einer Art Ersatz für den grundlegenden Schutz und die umfassende Geborgenheit, welche nur Gott bieten kann. Sie fühlte ihren Mangel und erwartete, ohne dies bewusst durchdacht zu haben, dass ich ihn ausfülle. Und dies mehr und mehr in vollem Umfang. Es entwickelte sich etwas in eine ungute, geistlich ungesunde Richtung.
Nun sind bereits ein Jahr und vier Monate verstrichen, seit wir mit einem Schlag auseinander gerissen wurden.
Im Zimmer meiner Ehefrau hängt eine Pinnwand. Die Heimleiterin hat dort schon am Tag des Eintritts in grosser Schrift darauf geschrieben: „Der Herr ist mein Hirt …“ Seither erlebte ich bei meinen Besuchen schon oft, dass meine Gattin auf jenen Schriftzug schaut und laut liest: „Der Herr ist mein Hirt.“ Es war zwar eine schmerzliche Lösung vom „Ersatzhirten“, aber eine heilsame Korrektur.
Ich selbst wohne allein. Erledige alles allein. Kann meine Frau nicht mehr um Rat oder um ihre Meinung fragen. Sie fehlt mir auf Schritt und Tritt. Und ich fühle mich unsicher. Seit wir auseinander gerissen wurden, habe ich wiederholt über den gleichen Vers aus Psalm 23 nachgedacht und ihn durchbuchstabiert. Dabei wurde mir vor allem die zweite Satzhälfte wichtig: „…mir mangelt nichts.“ Doch, mir mangelt alles, schreit es da aus meinem Inneren! – Nein, weil der Herr mein Hirt ist – und das ist Er – darum mangelt mir nichts. Er füllt alle Bedürfnisse aus nach dem Reichtum seiner Gnade. Tag um Tag erlebe ich in kleinen Alltäglichkeiten, wie dieser gute Hirt real da ist. Und wie Er sorgt. Und wie Er auch die Bedürfnisse der Seele versteht. Reichtum seiner Gnade. Was für ein wunderbarer Herr!
Es war zwar eine schmerzliche Ablösung aus der Abhängigkeit von einem Menschen, aber eine heilsame Korrektur.
Die Liebe bekommt neue Qualitäten
- Liebe will gepflegt werden, braucht emotionale Nahrung und Nestwärme. Statt dessen gibt es nun die grosse Distanz, die Kommunikationsblockade, das kalte Grinsen der fortschreitenden Krankheit. Wie kann da die Liebe überleben?
- Ich bin verheiratet. Aber seit einem Jahr und vier Monaten lebe ich wie ein Witwer, allein in meiner Studiowohnung. Wie kann da die Liebe überleben?
- In dieser Welt gibt es einen Gegenspieler Gottes, den Satan. Es ist sein erklärtes Ziel, den Menschen, welche ihr Vertrauen auf Gott setzen, möglichst viel Schaden zuzufügen. Und er weiss, wo unsere Schwachstellen sind. Er weiss um die Fragilität eines Lebens im Verheirateten-stand und zugleich im Witwer-stand. In schlaflosen Nachtstunden spart er nicht mit scheinbar harmlosen Gedanken aus seiner Trickkiste. Wie kann da die Liebe überleben?
Es ist das wesentlichste Kennzeichen echter Liebe, dass sie Belastungsproben durchsteht. Und dass sie in den Belastungsproben nicht ärmer, sondern reicher wird. Um dies zu verstehen, müssen wir verschiedene Faktoren beachten, die zusammen wirken:
- Auf sich selber gestellt, wäre es schwierig, die Liebe in dieser anspruchsvollen Zeit aufrecht zu erhalten. Aber ich bin nicht allein. Ich bin mit Jesus unterwegs. Tag für Tag lebe ich aus seiner Liebe und erfahre bis in die kleinsten Alltäglichkeiten seine Aufmerksamkeit, seine Liebesbeweise. Das ist Nahrung auch für die Liebe auf der waagrechten Ebene. Und aus dem gefüllten Gefäss kann ich Liebe weitergeben.
- Während eines langen Lebens haben wir beide unsere Beziehung zu Jesus Christus gepflegt und vertieft und uns in der Praxis des ‚Lebens als Christen‘ eingeübt. Nun kommt es mir vor – verzeiht mir das profane Bild! – wie ein angespartes Alterskapital, von dem wir beide zehren dürfen.
- Während vielen Jahren haben wir unsere gegenseitige Liebe gepflegt und bewahrt. An Versuchungen und Anfechtungen fehlte es nicht, aber diese Situationen dienten letztlich dazu, dass wir lernten, richtig damit umzugehen, richtig zu reagieren. Heute klingeln sofort die Alarmglocken, wenn sich die Gedanken selbständig machen und sich mit der „Zeit danach“ beschäftigen wollen. Natürlich muss ich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit damit rechnen, dass ich meine geliebte Gattin überlebe. Aber noch bin ich verheiratet, und so ist die gedankliche Beschäftigung mit der Zeit nach ihrem Hinschied verbotenes Terrain. Eine gesunde Gedankendisziplin ist die Voraussetzung für ein siegreiches Christenleben. Und wenn ich meine Liebste besuche, zeigt sich jedes Mal, wie sehr sich dies lohnt. Auf den ersten Blick ist der innere Kontakt da, weil die Gedanken aufgeräumt sind.
- In den Jahren der ersten Verliebtheit ist es ein wunderschönes Erlebnis, wenn die Blume der Liebe aufblüht und sich entfaltet. Aber bei den Blumen dienen weder die hübschen Farben noch die anmutigen Formen einem Selbstzweck. Alles ist dem Ziel unterordnet, dass Früchte heranreifen. Die süssesten Früchte ernten wir im Herbst, wenn die kühlen Nebel ins Land ziehen. So ist es auch mit der Liebe in der Ehe. Die zunehmenden Belastungen sind kein Grund zum Jammern, sondern Grund zur Freude, weil sie die Liebe reif werden lassen. Was ist denn reife Liebe? Reife Liebe liebt nicht, um etwas zu erhalten, sondern um sich dem geliebten Menschen zu verschenken. Sie beweist sich in der Treue. Was das heisst, wird erst richtig klar, wenn wir das Gegenstück dazu betrachten: Wenn (so wie heute leider in der Welt oft üblich) der Gegenstand der Liebe wegen irgend eines Vorteils ausgewechselt werden kann, ist die Triebkraft solcher Liebe im Egoismus begründet, denn diese Liebe ist nicht auf das Gegenüber, sondern auf den eigenen Vorteil ausgerichtet. Und warum ist es so wichtig, dass unsere Liebe reif wird? In unserem Leben soll die Wesensart unseres Herrn, Jesus Christus, sichtbar werden (2Korinther 3,18): „Wir alle aber stehen mit unverhülltem Gesicht vor Gott und spiegeln seine Herrlichkeit wider. Der Herr verändert uns durch seinen Geist, damit wir Ihm immer ähnlicher werden und immer mehr Anteil an seiner Herrlichkeit bekommen.“ Jesus hat uns geliebt und sein Leben für uns hingegeben, als wir nicht liebenswürdig, sondern seine Feinde waren. Und in seiner Liebe bleibt Er uns treu trotz all unseren Fehlern und Schwächen und unserer Untreue.
Damit komme ich wieder zum Anfangsgedanken zurück: Wenn also die belastenden Lebensumstände nur dazu dienen, dass die Liebe heranreifen kann und dass Gott jetzt an zwei verschiedenen Orten Segen wirkt, ist es gewiss nicht sinnvoll, Mitleid mit mir zu haben. Viel mehr sollten sich alle mit mir freuen über Gottes gute Entscheidung und Fügung in unserem Leben, denn wenn Gott etwas tut, führt Er es zu einem guten Ziel hin.
