Heute, 9. November 2018, wurde der irdische Körper meiner lieben und unvergesslichen Schwägerin, Marianne Sluimer-Ernst auf dem Friedhof in Beatenberg beigesetzt. Für mich war es in dreifacher Weise ein Tag des Gedenkens. Marianne war die Frau meines jüngeren Bruders Werner, eines wunderbaren Bruders, mit dem ich mich sehr gut verstand. Er konnte singen wie eine Lerche – und wenn wir gemeinsam sangen, harmonierte es auf Anhieb, ohne dass wir vorher gross übten.
Nach drei Jahren Ausbildung im Bibel- und Missionsseminar Beatenberg engagierte sich mein Bruder überall, wo Not am Mann war. Für keinen Dienst war er sich zu schade. 1976 reiste er nach Brasilien in den Missionsdienst. Dort lernte er Marianne Ernst kennen, die mit der Allianzmission ebenfalls in Brasilien arbeitete. Bald folgte die Hochzeit – ein Fest auf einem anderen Erdteil – ohne Beteiligung der Verwandtschaft. Erst während des ersten Heimataufenthalts lernten wir Marianne, Werners rührige und liebenswürdige Frau, kennen.
Am 29. Oktober 1982 war plötzlich alles anders. Ich ging früh zur Arbeit. Um 7:00 Uhr klingelte mein Bürotelefon. Am andern Ende meldete sich Paul Schär, der damalige Missionsleiter der Allianzmission. Er sei in Eile, im Begriff, nach Afrika zu reisen. Doch bevor er ins Flugzeug steige, müsse er mir eine sehr traurige Nachricht übermitteln. Mein Bruder sei in dieser Nacht auf der Rückfahrt von einem Aussendienst tödlich verunfallt. Ob ich so freundlich wäre – weil er dies nun nicht selbst tun könnte – ob ich die Aufgabe übernehmen würde – ob ich dies der Familie mitteile. Er bekundete mir sein Beileid, verabschiedete sich – und klick – Hörer aufgehängt. Schock. Ich setzte mich aufs Fahrrad und fuhr wieder nach Hause zu meiner Frau. Gemeinsam versuchten wir, mit der erschütternden Tatsache klar zu kommen und überlegten, wie wir Eltern und Geschwister möglichst schonend orientieren könnten.
Mein Bruder hinterliess eine schmerzliche Lücke – auch bei mir.
Marianne harrte allein mit dem Adoptivsohn Danilo bis 11. Juli 1983 in Brasilien aus und kehrte dann in die Schweiz zurück. Der beste Freund und Studienkollege meines Bruders, Peter Sluimer, wurde nun ihr neuer Ehemann. Fortan standen die beiden für mich in einem gewissen Sinn an der Stelle des verlorenen Bruders. Beide wollten ihr Leben weiterhin in den Dienst für Gott investieren. Und sie erfüllten zusammen eine Mission mit Vision:
In der Algarve, Portugal, lassen sich viele ältere Personen nieder, um ihren Lebensabend im gemütlichen mediterranen Klima zu verbringen. Sie stammen aus England, Schottland, Holland, Frankreich usw., aber auch aus der Schweiz. Äusserlich mag alles stimmen. Doch allein vom Lebensgenuss hat der Mensch noch nicht gelebt. Geistlich waren diese Leute völlig vernachlässigt. Nebst den Pensionierten gibt es in der Algarve auch viele junge Menschen mit internationalem Hintergrund. Sie haben dort in der Hotellerie usw. Arbeit gefunden. Und natürlich gibt es in diesem Ferienparadies viele Touristen. Hier sahen Marianne und Peter ihre Aufgabe. Sie gründeten eine internationale evangelische Gemeinde. Gott schenkte Gedeihen. Die Gemeinde wuchs, und bald wurde es nötig, eine Kirche zu bauen.
Während 24 Jahren wirkten die beiden in der Algarve. Darauf folgten, nach der Einführung eines neuen Pastorenehepaars, einige Jahre in Frankreich. Im Sommer 2014 zogen sie nach Beatenberg, um ihren Lebensabend in dieser wunderschönen Gegend zu verbringen. Vor allem aber war ihnen wichtig, da zu sein, wo sie am meisten ihrer Freunde hatten.
Leider meldete sich schon bald nach dem Umzug Mariannes schwere Krankheit zurück. Sie liess sich kaum etwas anmerken und engagierte sich, wo immer sie gebraucht wurde. So wie mein Bruder damals dienend in Gottes Herrlichkeit ging, so wollte auch sie bis zum Schluss eine treue Dienerin sein.
Nun feierten wir heute in der Kirche Abschied. – Dieser Tag hat jedoch noch eine andere Bedeutung. Genau heute vor 50 Jahren haben Rosmarie Widmer und ich einander das Ja-Wort gegeben. Es wäre der Tag unserer goldenen Hochzeit. Ein Tag, den man gross feiern müsste. Aber so wie wir heute in der Kirche Abschied gefeiert haben, so befindet sich meine liebe Frau mitten auf der Wegstrecke eines langen Abschieds. Sie wird die Bedeutung dieses Tages nicht mehr erfassen können. Nichtsdestotrotz:
Morgen wird es im Haus Fuhrenmatte in Boltigen eine kleine Feier geben, so abgemessen, dass meine Liebste es in ihrem sehr schwachen Zustand verkraften kann. Nur zwei meiner Söhne und ich werden hinfahren. Äusserlich wird es sehr bescheiden zugehen. Im Himmel jedoch wird man nichts von Bescheidenheit feststellen. Da werden sich die Engel freuen über alles, was Gott in seiner überreichen Gnade in diese 50 Jahre hineingelegt hat. Und es wird Freude herrschen, weil auch meine liebe Ehefrau bis zum Schluss ihr Leben eingesetzt hat, um anderen Menschen zu dienen.
Warum treffen wir heute drei Mal auf dieses Prinzip des Dienens? Ganz einfach, weil Jesus so gelebt hat. Er sagte (Markus 10,45): „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass Er sich dienen lasse, sondern dass Er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“
Das ist der eigentliche Sinn unseres irdischen Lebens, dass wir Jesus ähnlich werden. Für Jesus war das Dienen mit viel Schmerzen verbunden. Sein aufopferungsvoller Dienst führte Ihn zum Tod am Kreuz. Darum ist es nichts Aussergewöhnliches, wenn diejenigen, die Jesus dienen, auch schmerzvolle Wege geführt werden. Es ist nichts Aussergewöhnliches, wenn heute das eine Auge weint und das andere sich freut, entsprechend Psalm 126,5-6:
„Wer unter Tränen die Saat ausstreut, wird voll Jubel die Ernte einbringen. Weinend geht der Sämann jetzt über den Acker, mit sich trägt er den Samen zur Aussaat. Voll Jubel kommt er dann heim von der Ernte, den Arm voller Garben.“

Hallo Heinrich,
Ich bin auf deinem Blog gelandet und habe einiges durchgelesen. Das war das Wochenende als wir in der Schweiz waren.
Schön, wenn man so ein Zeugnis zum Abschied bekommt.
Ich bewundere dich, wie du deine Frau siehst und die Dinge aus der Perspektive der Ewigkeit betrachtest.
Da muss ich noch viiiiiel lernen.
Liebe Grüße
Liebe Gina
„muss noch viiiiel lernen“ ? – das ist doch unser besonderes Vorrecht, solange wir hier auf Erden sind!
Gruss, Heinrich
Auch da gilt: „Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden“. Und Freude wurde Dir/Euch zu Teil über der reichen Frucht, die Gott in und durch Eure 50 Ehejahre geschafft hat.
Und das auch im und durchs Leben von Marianne.