Gibt es ein Thema, welches mit mehr Spannung behaftet ist als „Israel und sein Land“? – Und dies bereits während Jahrtausenden! Wem gehört jener Landstreifen zwischen Mittelmeer und Jordan? Je nach Blickwinkel, aus welchem argumentiert wird, kommt man zu sehr unterschiedlichen Meinungen. Alle gehen davon aus, das Recht auf ihrer Seite zu haben. Aber wer hat wirklich recht?
Bei allem Respekt vor persönlichen Standpunkten kann Eines nicht ausser Acht gelassen werden: Das Recht geht unzweifelhaft von Gott selbst aus, denn Er ist der legitimierte und unparteiische Richter, vor dem sich alle Menschen zu verantworten haben. Und wenn wir diesen Richter fragen, hat Er eine überraschende und unmissverständliche Antwort bereit (3.Mose 25,23 – im Wortlaut nach Gute-Nachricht-Bibel):
„Besitz an Grund und Boden darf nicht endgültig verkauft werden, weil das Land nicht euer, sondern mein Eigentum ist. Ihr lebt bei mir wie Fremde oder Gäste, denen das Land nur zur Nutzung überlassen ist.“
Vor diesem Richterspruch müssen sich alle Parteien beugen. Und wie steht es mit Israel?
In 1.Mose Kapitel 17 schloss Gott mit Abraham einen Bund. In Vers 8 – in einer bedeutsamen Passage dieses Vertrags – sagte Er zu Abraham:
„Dir und deinen Nachkommen nach dir gebe Ich das Land, in dem du als Fremder weilst, das ganze Land Kanaan zum ewigen Besitz und Ich werde für sie Gott sein.“
Wird folglich den Nachkommen Abrahams das Land doch zum ewigen Besitz gegeben? Jein!
Weil Gott sich selbst als Eigentümer des Landes vorstellt, hat Er das Recht, das Land nach seinem freien Willen zuzuteilen. Nun hat Er Israel dazu auserwählt, in diesem Land für ewige Zeiten zu wohnen. Das Besitzen des Landes muss jedoch entsprechend 3.Mose 25 nicht als Eigentumsrecht, sondern ein ewiges Nutzungsrecht verstanden werden.
Wer sich mit der Geschichte Israels, vor allem auch mit der alten Geschichte auseinandersetzt, kennt sehr wohl die wechselvollen Besitzverhältnisse in jenem Land, welches Gott seinem Volk zugesprochen hatte. Seit eh und je wurde die Geschichte Israels in der Landfrage von einer ungeheuren Spannung begleitet. Und diese Spannung scheint in unserer Zeit auf einen Höhepunkt zuzulaufen.
Heute Morgen (7.12.2018) sinnierte ich über einen Vers im 5. Buch Mose, in welchem die ganze Spannung in der wechselvollen Geschichte Israels in einem einzigen Vers komprimiert erscheint (5Mose 4,40 nach EU). Hier sagte Mose zu Gottes Volk:
„Daher sollst du seine Gesetze und seine Gebote, auf die ich dich heute verpflichte, bewahren, damit es dir und später deinen Nachkommen gut geht und du lange lebst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt für alle Zeit.“
Recht deutlich lassen sich in diesem Vers zwei verschiedene Gedanken unterscheiden. Zunächst geht es um das Befolgen der Gebote Gottes. Dies wird als Voraussetzung dargestellt, um in dem guten Land bleiben zu können. Hier findet die dauernde Spannung in der Geschichte Israels ihre Erklärung: Das Bleiben im Land ist an das Bleiben in Gottes Gesetz gebunden. Tatsächlich wird die Spannung im Blick auf die Landfrage, welche sich über so viele Jahrhunderte hinzog, in diesem einen Vers hoch komprimiert dargestellt. Nun hat der Vers jedoch einen zweiten Teil, zwar nur sehr kurz, aber bedeutsam.
„…in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt für alle Zeit.“
Diese Formulierung „für alle Zeit“ (nach dem Hebr. Wortlaut: „für alle Tage“) knüpft an der Bundesverheissung an Abraham an (zum ewigen Besitztum) und bestätigt diese nun innerhalb des Gesetzesbundes. Nun setzen wir die beiden Teile des Verses in ihre vorgegebene Beziehung:
- Im zweiten Teil des Verses ist die Ewigkeitsdimension wichtig. Hier geht es um den Geber. Gott gab seinem Volk das Land zum ewigen Besitztum, was nach 3Mo 25 heisst: zur ewigen Nutzniessung. Weil der Geber sich durch einen Bund verpflichtet hat, wird die Gabe nie zurückgefordert. Zurückgefordert wird wohl die momentane Nutzniessung, aber nicht die Gabe.
- Ganz anders im ersten Teil des Verses. Hier steht nicht der Geber im Fokus, sondern die Empfangenden. Gott spricht hier von der Bedingung, die von den Empfangenden eingehalten werden muss, damit die ewige Nutzniessung auch praktisch erfahren werden kann. Und weil die Menschen so wankelmütig sind, d.h. ihre Seite des Bundes einmal einhielten und einmal nicht, ist die praktische Erfahrung entsprechenden Schwankungen unterworfen.
Beim Vergleich der verschiedenen Übersetzungen fällt auf, dass die GN den Sinn des zweiten Versteils auf den Kopf stellt. Hier wird die Ewigkeitsdimension vom souveränen Beschluss des Gebers abgetrennt und auf die Seite der in Pflicht stehenden Empfangenden geschoben. Zitat:
„Lebt nach seinen Geboten und Weisungen, die Ich euch heute verkünde! Dann wird es euch und euren Nachkommen gut gehen, und ihr werdet für immer in dem Land bleiben, das der Herr, euer Gott, euch geben wird.“
Das klingt sehr ähnlich, sodass der Unterschied kaum bemerkt wird. Und doch ist die Aussage eine ganz andere. Im veränderten Sinn ist die Zusage des Landes als einmalige Gabe ohne zeitliche Definition dargestellt („…das der Herr, euer Gott, euch geben wird.“). Und diese einmalige Gabe kann offensichtlich wieder verloren gehen, wenn Israel die vorher genannte Bedingung nicht einhält. Ein solches Verständnis führt dann nicht zu den in der Geschichte dokumentierten wechselvollen Besitzverhältnissen, sondern zu einem endgültigen Verlust der Gabe des Landes. Bei dieser Formulierung scheinen die Übersetzer doch recht deutlich von der Substitutionstheologie geleitet gewesen zu sein.
Wie dankbar sollten wir sein, dass wir eine Vielzahl von deutschen und anderen Übersetzungen miteinander vergleichen können, um solche kleinen, aber verhängnisvollen Unterschiede zu erkennen. Gegenüber früheren Generationen sind wir heute überaus bevorzugt.

Spontan kommt mir hier Hosea 11 in den Sinn:
„Hos. 11:8 Doch wie könnte ich dich aufgeben, Efraïm, wie dich im Stich lassen? Ich kann dich doch nicht vernichten, Israel, wie die Städte Adma und Zebojim*! Mein Entschluss hat sich mir umgedreht, mit aller Macht ist die Reue in mir entbrannt. 9 Ich kann meinem glühenden Zorn nicht freien Lauf lassen, ich kann Efraïm nicht noch einmal preisgeben!
Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch; ich, der heilige Gott, komme, um dir zu helfen, und nicht, um dich zu vernichten. 10 Die Verbannten werden hinter mir herziehen. Wenn ich brülle wie ein Löwe, kommen sie zitternd über das Meer im Westen. 11 Willig, mir zu gehorchen, kommen sie aus Ägypten und aus Assyrien*, so wie eine Taube herbeigeflogen kommt. Ich bringe sie wieder in ihre Heimat. Das sage ich, der Herr.«
Im Kreuz triumphiert die Gnade über das Gericht. Am Kreuz hat sich Gottes Zorn entladen. Das Geheimnis hinter diesem Paradox liegt wohl im „Rest“, der ihm treu geblieben sein wird und um dessentwillen er seine Landverheissung erfüllen wird. Die Ehre seines Namens ist ihm allerdings wichtiger als jedes andere Kriterium.