Eine unvergessliche Lektion

Tagetes – sie wecken alte Erinnerungen

Es war in den ersten 1980-er Jahren. Meine liebe Ehefrau legte grossen Wert darauf, dass unser Zuhause einen gediegenen, schmucken Eindruck erweckt. Schliesslich sind wir Kinder des allergrössten Königs. Das soll man auch von aussen her wahrnehmen können. So legte sie vor dem Hauseingang eine Blumenrabatte an und bepflanzte sie mit Tagetes in froh leuchtenden Farben.

Als ich abends nach Hause kam, fiel mir als erstes das angefangene, aber nicht zu Ende geführte Kunstwerk auf. Alle Pflanzen liessen Blüten und Blätter nach unten hängen. Ziemlich verärgert trat ich ins Haus ein. Meine liebe Gattin musste sich einen Vortrag anhören über Tagetes als beliebtes Schneckenfutter, umso begehrter noch, wenn die Setzlinge trotz Hitze und Sonne nicht begossen wurden.

Wortlos zog sich meine Liebste zurück. Nach einer Weile erschien sie wieder und sagte völlig gefasst und mit Überzeugung: „Es geht keine Schnecke zu den Blumen.“

Wie bitte? Darauf kam die Erklärung: „Ich wurde von der Arbeit weg ans Telefon gerufen und hatte ein langes und herausforderndes Seelsorgegespräch. Anschliessend dachte ich nicht mehr an die Blumen. Jetzt sagte ich meinem Herrn: Ich habe mich für Dich eingesetzt und nun schaue Du zu, dass keine Schnecke zu den Blumen geht!“

Ist das nicht zu einfach? – dachte ich. In den folgenden Tagen und Wochen warf ich jeweils beim Heimkommen einen ersten Blick in die Blumenrabatte. Während des ganzen Sommers entdeckte ich kein einziges Schnecklein. Ging ich jedoch anschliessend in den Gemüsegarten, wimmelte es dort von diesen gefrässigen, kriechenden, schleimigen und ungeliebten Gästen. Ich hatte viel zu tun mit Schädlingsbekämpfung. Und langsam dämmerte es mir:

  • Wer den Herrn durch Vertrauen ehrt, wird mit Segen belohnt.
  • Wer es selbst im Griff haben will, hat Mühe und Arbeit und obendrein noch Verlust.

Es war die praktische Veranschaulichung dessen, was Gott seinem Volk durch den Propheten Maleachi sagen liess (Maleachi 3,10‑11 nach GNB): „Stellt mich auf die Probe, sagt der Herr, der Herrscher der Welt, macht den Versuch, ob Ich dann nicht die Fenster des Himmels öffne und euch mit Segen überschütte! Ich werde auch die Schädlinge von euren Feldern und Weinbergen fern halten, damit sie die Ernte nicht verderben. Das sage Ich, der Herrscher der Welt!“

Ist das nur eine alte Geschichte aus längst vergangenen Zeiten? Bitte: Hat sich Gott in der Zwischenzeit etwa geändert? Ist Er heute nur noch für geistliche Anliegen zuständig? Sind unsere praktischen Alltagsprobleme für Ihn weniger wichtig? Hat nicht Jesus selbst seinen Jüngern das Vertrauen in den einfachen praktischen Bedürfnissen – Essen und Kleidung – mit Nachdruck befohlen? Auch heute gilt das Jesuswort (Matthäus 8,13): „Dir geschehe, wie du geglaubt hast.“

Nun aber zurück zur oben erwähnten Geschichte, die uns der Prophet Maleachi überlieferte. Hier forderte Gott sein Volk auf, Ihn zu prüfen, d.h. die Echtheit seiner Zusage auf die Probe zu stellen. Warum dies? Was war voraus gegangen? –
Gott beklagt, dass sein Volk Ihn beraube. Die im Gesetz vorgeschriebenen Abgaben wurden nicht, resp. nur teilweise abgeliefert. In der Folge mangelte es den Priestern, welche im Tempel Dienst verrichteten, an gesichertem Einkommen.

Warum wurden denn die Priester nicht richtig versorgt? Die Israeliten litten selbst unter Mangel, denn die Ernten wurden wiederholt durch Schadinsekten verdorben. Logisch, dass man dann zuerst ans eigene Überleben denkt. Und so hatten die Priester das Nachsehen.

Aus unserer menschlichen Optik betrachtet, müsste Gott nun zuerst für gute Ernten besorgt sein. Dann könnten die Israeliten die Priester wieder vollumfänglich versorgen. Aber Gott wählt nicht diesen Weg, denn so hätte sein Volk nichts gelernt. Sein Weg aus der Sackgasse wird im ersten Teil von Vers 10 beschrieben:

  1. „Bringt den zehnten Teil eurer Erträge unverkürzt zu meinem Tempel, damit meine Priester nicht Hunger leiden.“
    Dieser Befehl gilt trotz der mangelnden Vorräte. Und wie steht es dann mit der Versorgung der eignen Familie?
  2. Erst im zweiten Teil des Verses steht die Zusage, dass Gott dann die Fenster des Himmels öffnen und Segen herabschütten wird. Die Zusage ist an die Bedingung des Gehorsams geknüpft. Die Reihenfolge dieser beiden Schritte lässt sich nicht umdrehen.

Können wir die existentielle Spannung zwischen den beiden Teilen dieses Verses nachempfinden? Gott erwartet zuerst den Gehorsam. Sein Volk soll geben, was Ihm, dem HERRN zusteht. Und das Risiko? Es kann einzig aufgrund von Gottes Zusage umgangen werden. Die Spannung zwischen den beiden Schritten – Gott gehorchen und die eigene Versorgung von Ihm abhängig machen – kann nur durch den Glauben, d.h. durch das Vertrauen in die Zuverlässigkeit der Zusage Gottes überwunden werden.

Warum geht Gott diesen Weg? Unsere Verhaltensmuster im gelebten Alltag sind eine visuelle Predigt, die von unseren Mitmenschen gelesen wird. In dieser Predigt soll für alle sichtbar zum Ausdruck kommen, wer Gott wirklich ist. In der konkreten Situation zur Zeit Maleachis sollten die Israeliten sichtbar machen, dass Gott und seine Zusagen so unerschütterlich, so verlässlich sind, dass man die eigene Existenz davon abhängig machen kann.

Nun vermittelt die Geschichte im bereits zitierten Vers 11 einen weiteren Aspekt: „Ich werde auch die Schädlinge von euren Feldern und Weinbergen fern halten, damit sie die Ernte nicht verderben. Das sage Ich, der Herrscher der Welt!“ – Eine wunderbar bequeme Schädlingsbekämpfung, könnten wir denken. Aber Gott erzieht sein Volk nicht zur Bequemlichkeit. Er verfolgt eine andere Absicht.

Von der Schöpfung her sind wir dazu berufen, mit Gott zusammen zu arbeiten. Wo auch immer zusammen gearbeitet wird, braucht es Regeln. Es muss klar sein, wer macht was. So ist es auch zwischen Gott und uns. Er erledigt nicht für uns, was unsere Aufgabe ist. Und Er will nicht, dass wir uns mit Dingen abmühen, die in seine Kompetenz gehören. Was ist also die Aufgabe des Volks? Es soll Gott gehorchen und die Priester mit den ungeschmälerten Abgaben versorgen. Und es soll Gott vertrauen, dass Er für die gesegnete, überreiche Ernte sorgen wird.

Gott hingegen übernimmt die Schädlingsbekämpfung, welche das Volk aus Vertrauen Ihm überlassen soll. Somit wird Gott in dreifacher Weise geehrt: Er wird geehrt, wenn sein Volk Ihm Gehorsam leistet und Ihn somit als HERRN anerkennt. Er wird durch das Vertrauen seines Volkes geehrt. Und Er wird durch sein liebevolles und zuverlässiges Sorgen für sein Volk geehrt.

Diese Gedanken führen mich zurück zu den Tagetes. Für meine liebe Ehefrau war es ein vordringliches Anliegen, dass in allem Gott geehrt wird. Sie hat Gott geehrt, als sie die Arbeit liegen liess und sich voll dem Seelsorgegespräch widmete. Und sie hat Gott geehrt, als sie das Problem, das wegen diesem Dienst entstanden war, einfach in die Verantwortung und Fürsorge Gottes abgegeben hat. Und Gott wurde geehrt, indem Er sich treu zu seiner Dienerin gestellt und ihr Anliegen in seine Hände genommen hat.

In der konsequenten Unterscheidung, was ist meine Aufgabe und was ist Gottes Aufgabe, war mir meine liebe Ehefrau ein sehr grosses Vorbild:

„Ich habe mich für Dich eingesetzt und nun schaue Du zu, dass keine Schnecke zu den Blumen geht!“ Tatsächlich verging sich keine Schnecke an den Tagetes, denn Gott hatte es ihnen verboten.

Möge dieses Vorbild meiner verstorbenen Ehefrau bei all den Lesern meiner Website weiter Frucht hervorbringen!

4 Antworten auf „Eine unvergessliche Lektion“

  1. Vielen Dank lieber Heinrich für dieses ergreifende Zeugnis, was ich auch gerade meinen Eltern 86 + 88 vorlas und die es klasse fanden. Vielleicht können wir uns ja mal so am 5.8. treffen? Was denkst Du darüber? Im Gebet verbunden
    Alfred Mudersbach

  2. Das Eine gibts nicht ohne das Andere, doch das Andere beinhaltet das Eine. Eine sehr eindrückliche Lektion! Danke herzlich.

    A propos Schnecken: ich dachte, diese Viecher könnten besser über nassen als über trockenen Boden schleichen.
    Jeannette 🙂

  3. Danke Heini für dieses eindrückliche Zeugnis von Rosmaries treuem Glauben an Gottes Wort und Verheissungen, und von Gottes Treue zu allen seinen Kindern, die sein Wort ernst nehmen, ihm glauben, und es leben.

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