Vorbild in der Anbetung

Meine Eltern leiteten eine Gebetsgruppe, die sich zweiwöchentlich jeweils am Mittwoch bei uns versammelte. Für uns Kinder war diese Gruppe von einem geheimnisvollen Schleier umwoben.

An meinem 16. Geburtstag lud mich mein Vater in jenen Gebetskreis ein. Es war eine Geste, die enorme Wertschätzung ausdrückte. Dafür bin ich Vater heute noch dankbar. Ich durfte dazugehören. Ich wurde von diesen bewährten Christen ernst genommen und konnte von ihnen lernen.

Das Grösste: Im Gebet offenbart man sein Herz. So lernte ich meinen Vater von einer anderen, für mich neuen Seite her kennen. Hier galt nicht mehr die Beziehung von oben nach unten, sondern die Bruderschaft in Christus, die Begegnung auf Augenhöhe.

Die Art und Weise, wie eine schlichte, fast schmächtige Frau im fortgeschrittenen Alter jeweils Gott anbetete, hat mich nachhaltig beeindruckt. Hulda Ehrensperger (ich nenne ihren Namen, weil sie schon längst gestorben ist) – arbeitete zu einem sehr geringen Lohn im Haushalt ihres Bruders, dem Patron der Metallgiesserei Ehrensperger im Vogelsang bei Turgi. Sie war dort die einzige überzeugte Christin und hatte in der rauen und Gott entfremdeten Umgebung keinen leichten Stand.

Umso mehr lebte Hulda Ehrensperger innerlich auf, wenn sie am Mittwoch zum Gebet kam. Das Gebet, das Reden mit dem lebendigen, erhabenen Herrn – das war ihr Lebenselement. Wenn sie mit ihren eigenen Worten, oder auch den Worten der Psalmisten Gott anbetete, hatte man das Gefühl, als ob sich der Himmel öffne und sie direkt vor dem Thron Gottes knie.

1960 trennten sich unsere Wege. Ich ging zur Bibelschule und blieb anschliessend auf dem Beatenberg. So hatten wir während dieser ganzen Zeit keinen Kontakt mehr. Achtzehn Jahre später zog ich mit meiner Familie notgedrungen – und mit der finanziellen Hilfe lieber Freunde – in den Dorfteil Waldegg, ins Chalet Marianne. Unser Geld war aufgebraucht, wir lebten aus der Hand in den Mund. Doch vor dem Winter musste der fast leere Öltank gefüllt werden – und dies in einer Zeit der sehr hohen Ölpreise.

Als ich Ende Monat den Lohn nach Hause brachte, sagte meine Frau: Es reicht nicht, um die Ölrechnung zu bezahlen, schon gar nicht zusammen mit den anderen fälligen Rechnungen. Dann brachte der Briefträger ein dickes gelbes Couvert. Als wir es öffneten, fanden wir einen kleinen Zettel mit den Worten: „Der Herr hat mir aufs Herz gelegt, euch etwas zu senden – Hulda Ehrensperger.“ Im Couvert befanden sich drei noch ungeöffnete „Lohntüten“. Was für ein Opfer!

Da sah ich vor meinen inneren Augen wieder diese schlichte Frau, wie sie vor dem Thron Gottes kniete und den Allerhöchsten anbetete. Und nun war das Bild vollständig. Jene Worte der Anbetung haben sich gemeinsam mit dieser Opfergabe zu einer Ganzheit zusammengefügt. Und ich fing an zu verstehen, was Anbetung heisst.

Vor mir sah ich Abraham, den Stammvater Israels, wie er zusammen mit seinem Sohn Isaak nach Moria wanderte, um dort Gottes Auftrag zu erfüllen (1Mo 22,2): „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, den Isaak! Zieh ins Land Morija und opfere ihn als Brandopfer auf dem Berg, den Ich dir zeigen werde!“ Abraham gehorchte. In einiger Entfernung vom Ziel sagte er seinen Begleitern (5): „Ihr bleibt mit dem Esel hier! Ich werde mit dem Jungen dort hinaufgehen, um anzubeten. Dann kommen wir wieder zurück.“

Sie kamen dann tatsächlich beide zurück, weil Gott dem Abraham einen Schafbock im Gestrüpp zeigte, den er anstelle seines Sohnes opfern durfte. Die Prüfung hatte er bestanden.

Abraham war bereit, Gott sein Bestes zu geben, seinen Sohn, durch welchen sich Gottes Verheissungen erfüllen sollten. Dieses Opfer ist eine Botschaft. Es bringt praktisch und sichtbar zum Ausdruck: Gott, Du bist mir mehr wert als alles, mehr als mein geliebter Sohn. Das ist der Kernpunkt der Anbetung. So hat später Jesus Christus sein vollkommenes Leben am Kreuz als Anbetung dem Vater hingegeben.

Ja, ich weiss, beim Kreuz gehen unsere Gedanken sofort zu unserer Erlösung. Aber diese Bedeutung kommt erst in zweiter Linie. Zuallererst ist für Jesus das Opfer am Kreuz der eigentliche Höhepunkt in der Anbetung des Vaters. Dies kommt deutlich in den Abschiedsreden zum Ausdruck, als Jesus beim Aufbruch zum Garten Gethsemane sagte (Joh 14,30-31): „…der Herrscher dieser Welt ist schon gegen mich unterwegs. Er wird zwar nichts an mir finden, aber die Welt soll erkennen, dass Ich den Vater liebe und das tue, was Er mir aufgetragen hat. – Steht auf, wir wollen gehen!“ Jesus selbst wies also darauf hin, dass sein Kreuzestod seine Liebe zum Vater ausdrückt.

Von daher wird auch verständlich, warum Gott sich beim alttestamentlichen Anbetungs-Gottesdienst über die fehlende Echtheit beklagte (Amos 5,23): „Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder!“ Wenn der Tatbeweis der Lebenshingabe fehlt, sind Anbetungsworte resp. -Lieder leere Worthülsen, Geplärr und Geklimper, das Gott nicht hören mag.

Doch nun zurück zu jenem Brief von Hulda Ehrensperger, zu jenem „Ganzopfer“. Unsere Rechnungen konnten alle termingerecht bezahlt werden. Und es blieb noch ein kleiner Rest, um täglich Milch und Butter zu kaufen – aber nicht mehr. Und wie ging es dann weiter? – denn allein mit Milch und Butter hat man noch nicht gelebt.

Wie Gott Menschen lenkt

Wenn das Geld weg ist und man eine Familie ernähren sollte, bleibt letztlich nur noch der eine Ausweg, aus Glauben zu leben. Das ist Gottes bevorzugte Methode, um uns in die Praxis des Vertrauens einzuführen. Das blanke Überleben hängt dann von der Zuverlässigkeit der Zusagen Gottes ab.

Die Hausglocke klingelte. Meine Ehefrau ging zur Tür. Draussen standen zwei Frauen, die sich als Köchinnen einer Jugendfreizeit im Jugendhaus Ramsern vorstellten. Sie hätten zu viele Lebensmittel mitgenommen und möchten diese nicht wieder mit nach Hause nehmen. Ob sie dies bei uns abladen dürften. Da war ein Fahrrad-Anhänger voll von Köstlichkeiten. Ein ganzer Jutesack voll Kartoffeln. Ein Sack Dörrbohnen, eine Menge Konservendosen, verschiedene Gemüse, und, und, und – sogar Cremepulver für Desserts. Wir konnten einen ganzen Monat lang ohne jeglichen Mangel leben.

Warum kamen jene Frauen gerade zu uns? Es gab andere Häuser dazwischen. Warum haben sie es nicht gleich im nächsten Haus abgegeben? Wir wussten keine Antwort – und wissen sie bis heute nicht. Gott hatte zu diesen Frauen gesprochen. Und sie haben gehört. Und sie gehorchten.

Was für ein herrlicher Gott, der denen die Treue hält, die sich auf Ihn verlassen. Wahrlich, dieser Gott ist anbetungswürdig. Nicht nur mit Worten. Er ist es wert, dass wir Ihm mit der Hingabe unseres Lebens unsere Liebe beweisen.

2 Antworten auf „Vorbild in der Anbetung“

  1. Danke, Heini, für diese kostbare Erinnerung an Hulda Ehrensperger. Welch einen Empfang wird sie erhalten haben, als sie im Himmel ankam! Und dazu die Worte: „Sehr gut, du bist eine tüchtige und treue Dienerin. Du bist mit dem Wenigen treu umgegangen, darum will ich dir viel anvertrauen. Komm herein zum Freudenfest deines Herrn!“

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