Exorzismus im Trend

Am 15.01.2018 veröffentlichte Ralf Kaminski im Migros Magazin eine Reportage zum Thema „Exorzismus in der Schweiz“ mit dem Untertitel: „Im Kampf gegen Dämonen“. Dabei wird bemerkenswert sachlich ein aktuelles Fallbeispiel beschrieben. Die junge Frau, deren Geschichte im Artikel vorgestellt wird, hat beim Heilsarmee-Offizier Beat Schulthess und seinem Team Hilfe gesucht. Jener verfügt über bereits 30 Jahre Erfahrung im Befreiungsdienst.

Dass jetzt dieses Thema immer öfter von der Presse aufgegriffen wird, hat wohl einerseits mit der Migration zu tun, andererseits jedoch mit der in unserer Gesellschaft stark zunehmenden Offenheit für alle möglichen esoterischen Angebote und okkulten Praktiken.

Schlittern wir mit der fortschreitenden Kirchenentfremdung in eine eigentliche Esoterik- und Okkultismus-Ära? – mit all den negativen Folgen, die sich dabei einstellen? Und ist die Gemeinde – die Kirche – gerüstet, um die kommende Flut von Hilfesuchenden zu begleiten? Sind die biblischen Prinzipien bekannt, die unsere gewaltige Freiheit begründen, welche uns gegenüber den Mächten der Finsternis geschenkt ist? Diese Gedanken bewogen mich, von einer für mich besonders lehrreichen Erfahrung aus der Anfangszeit meines Dienstes zu berichten.

Ein Praxisbeispiel

Es war in der zweiten Hälfte der Sechziger-Jahre. Als blutjunger Bibellehrer war ich während der Sommerferienzeit verantwortlich für das Jugendlager (Teenie-Freizeit). Schon bald beschwerten sich die Betreuer einer bestimmten Gruppe wegen einem Jungen, der wie sie beteuerten, okkult belastet sei und das ganze Lager auf den Kopf stellen würde. Es handelte sich um einen 14-jährigen Jungen, der zuvor von jungen Leuten das Evangelium gehört hatte und sich für ein Leben mit Jesus Christus entscheiden wollte. Aber, so sehr er dies auch wollte, er konnte es nicht. So kam er in unser Lager mit der Absicht, sich hier für Christus zu entscheiden. Sein Verhalten wurde jedoch für die Lagergemeinschaft zunehmend untragbar.

Nun liess ich den Jungen kommen und bat auch einen älteren Bibellehrer, das Gespräch zu begleiten. Was wir dann zu hören bekamen, hat uns tief erschüttert. Der Junge wurde in einem Kloster von einer Nonne unehelich geboren. Schon in den ersten Lebensjahren wurde er mehrmals von einem Kloster ins andere verschoben, um seine Herkunft zu verschleiern. Während seiner Kindheit wurde er dann wiederholt (von beiden Geschlechtern!) missbraucht. Schliesslich hat ein Mönch ihn ins 6. und 7. Buch Mose eingeführt. (Diese Bücher haben nichts mit dem Mose der Bibel zu tun, es handelt sich um Zauberbücher unter diesem Decknamen). Damit er die Macht erhalten würde, die gelernten Zaubereien auch auszuüben, sollte er sich mit seinem eigenen Blut dem Satan verschreiben. Unter Anleitung des Mönchs hat er dies getan.

Da stand er nun vor uns und sagte mit einer dämonischen Grimasse: „Es hat gar keinen Wert, dass ihr euch mit mir abgebt. Wenn ich verrecke fahre ich schnurgerade zum Satan in die Hölle.“

Ich fühlte mich völlig überfordert. Und das war gut so, denn so wusste ich mich ganz auf Gottes Hilfe angewiesen. In dieser herausfordernden Situation sandte ich einen Notruf nach oben, zu meinem Herrn – und erhielt sofort den hilfreichen Gedanken: Ich sagte dem Jungen: „Der Mönch, der dich angeleitet hat, dich mit deinem Blut dem Satan zu verschreiben, hat dir den Weg in die Freiheit gewiesen.“ Da schaute er mich völlig verdutzt und fragend an. Und ich erklärte: „Du hast doch eben erzählt, jener Mönch habe dir gesagt, wenn du den Vertrag jemals brechen solltest, würde dies deinen Tod bedeuten. Also hat er dir doch gesagt, dass du den Vertrag brechen kannst. Du kannst wirklich frei werden, aber es kostet dein Leben.“ Nachdem ich ihn einen Augenblick lang überlegen liess, ergänzte ich: „Du kannst frei werden, und es kostet dein Leben. Aber nun ist ein anderer an deinen Platz getreten, Jesus, der Sohn Gottes. Und Er ist bereits an deiner Stelle gestorben. Wenn du jetzt den Vertrag brichst, ist der Tod an Jesus Christus bereits ausgeführt worden und Er schenkt dir das Leben.“

Das hat der Junge begriffen. Es brauchte keine weiteren Erklärungen mehr, kein exorzistisches Vorgehen, kein Lossagegebet, einfach nichts. Wir knieten nieder, der Junge nahm kindlich einfach den Herrn Jesus Christus in sein Leben auf und dankte Ihm, seinem Retter. – Und war frei!

Die theologische Auswertung

Natürlich kann die oben beschriebene Erfahrung nicht einfach generell kopiert werden. Jeder Fall ist wieder ein Fall für sich, und in jedem einzelnen Fall sollte man sich in der Vorgehensweise von Gottes Geist leiten lassen. Grundsätzlich muss aber ein Befreiungsdienst immer auf der Grundlage des Evangeliums erfolgen. Und genau das ist es, was wir in der erwähnten Befreiung jenes Teenagers lernen können: Sie entspricht in jedem einzelnen Punkt dem Evangelium.

Mittelpunkt des Evangeliums ist der Gekreuzigte. Durch seinen Tod am Kreuz hat Er eine umfassende Erlösung bewirkt. Die wichtigsten Punkte sind:

  1. Unsere Schuld wurde bezahlt. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Gott uns Vergebung schenken kann. Römer 3,25 (nach NGÜ): „Ihn hat Gott vor den Augen aller Welt zum Sühneopfer für unsere Schuld gemacht. Durch sein Blut, das Er vergossen hat, ist die Sühne geschehen, und durch den Glauben kommt sie uns zugute.“
  2. Die Sünde (das Wesen der Sünde) wurde gerichtet. 2Korinther 5,21 (Nach NGÜ): „Den, der ohne jede Sünde war, hat Gott für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch die Verbindung mit Ihm die Gerechtigkeit bekommen, mit der wir vor Gott bestehen können.“
  3. Mit dem „Lösegeld“ seines Blutes hat Er uns losgekauft 1Petrus 1,18‑19 (LUT): „denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.
  4. Am Kreuz hat Jesus den Satan und alle gottfeindlichen Mächte besiegt Kolosser 2,14‑15 (HFA): „Gott hat den Schuldschein, der uns mit seinen Forderungen so schwer belastete, für ungültig erklärt. Ja, Er hat ihn zusammen mit Jesus ans Kreuz genagelt und somit auf ewig vernichtet. Auf diese Weise wurden die Mächte und Gewalten entwaffnet und in ihrer Ohnmacht blossgestellt, als Christus über sie am Kreuz triumphierte.“

Obwohl die Wirkungen des Todes Jesu am Kreuz so umfassend sind, werden nicht alle Menschen automatisch gerettet. Jesus ist zwar stellvertretend für alle Menschen gestorben (2Korinther 5,15a), aber der einzelne Mensch muss Jesus persönlich aufnehmen, resp. den stellvertretenden Tod Jesu für sich in Anspruch nehmen. Dadurch wird die Stellvertretung erst rechtskräftig, genau so wie auch im säkularen Bereich stets beide Parteien einverstanden sein müssen, damit ein Kontrakt Gültigkeit hat.

Ein entscheidender Punkt

Paulus verweist in 2Korinther 5,14b auf unsere neue Lebensgrundlage (nach NGÜ): „Wenn einer für alle gestorben ist, dann sind alle gestorben.

Wie ist das zu verstehen? Wie kann Paulus behaupten, dass wir gestorben sind, wenn ich doch noch munter lebe? Überlegen wir uns folgendes: Warum musste Christus für uns sterben? Antwort: Weil wir mit unserer Sünde unser Leben verwirkt hatten. Wir haben den ewigen Tod, die ewige Verdammnis verdient.

Nun hat Jesus an unserer Stelle das Todesurteil erhalten, und das Urteil wurde an Ihm ausgeführt. Für den göttlichen Richter ist somit die Forderung des Gesetzes erfüllt. Er sieht mich als jemanden, dessen verdiente Strafe ausgeführt ist. Ich bin gleichsam mit Jesus in seinem Tod vereinigt. Somit sieht mich Gott vom juristischen Standpunkt her als einen Hingerichteten. Und das muss auch die unsichtbare Welt der Finsternis respektieren. Ich bin für diese Mächte ein Gestorbener. Wie viele Rechtsansprüche kann man gegenüber einem Toten geltend machen? Natürlich keine. Darum ist unser Einssein mit Jesus in seinem Tod der Schlüssel zur Freiheit. Das hat jener Teenager kapiert – und erlebte sofort die Freiheit der Kinder Gottes.

Die Konsequenz für unser Leben

Bibelverse sind keine Zauberformel, die wir nach Belieben für unsere Zwecke einsetzen könnten. Hinter dem Wort Gottes steht derjenige, welcher selber „die Wahrheit“ ist. Und wenn wir mit diesem Einen in dessen Tod und Leben vereinigt sind, muss logischerweise auch unser Leben dieser Wahrheit entsprechen. Was bedeutet das? Überlegen wir uns mal: Würde es mit der Wahrheit übereinstimmen, wenn ich, nachdem ich Jesus in mein Leben aufgenommen habe, mein egozentrisches, selbstbestimmtes Leben weiter führen würde? Würde es mit der Wahrheit übereinstimmen, wenn mich Jesus um den Preis seines kostbaren Blutes erkauft hat und ich würde weiterhin so leben, wie wenn ich mir selbst gehören würde? Nein, so wäre mein ganzes Leben Heuchelei und Lüge. Das würden auch die Mächte der Finsternis so interpretieren und über alle Befreiungsanstrengungen nur lachen.

Wie ein Leben aussieht, welches der Wahrheit entspricht, zeigt uns Paulus in der Fortsetzung des obigen Textes 2Korinther 5,15: Und Er ist deshalb für alle gestorben, damit die, die leben, nicht länger für sich selbst leben, sondern für den, der für sie gestorben und zu neuem Leben erweckt worden ist.“ Ein Leben, welches der Wahrheit entspricht, ist demnach ein Leben in der Hingabe an Jesus Christus, ein Leben auf der Grundlage eines klaren „Nein“ gegen die Sünde und eines klaren „Ja“ zu Gottes Wegen.

Nachwort

Was ich hier geschrieben habe, soll in keiner Weise ein Lehrkurs für Okkultseelsorge sein, erhebt auch nicht im Geringsten den Anspruch auf Vollständigkeit. Es ging mir lediglich darum, einige Akzente zu setzen, die in der Seelsorge an okkult belasteten Menschen beachtet werden sollten. Wenn aufgrund dieser Ausführungen grundsätzliche Fehler vermieden werden, ist der Zweck erfüllt.

Eine Antwort auf „Exorzismus im Trend“

  1. Es ist so ermutigend und erfrischend, wenn das Evangelium so unkompliziert, klar und treffend formuliert ist.
    Habe mich in den vergangenen Wochen in dieses Thema vertieft und war tatsächlich etwas verunsichert. Alles klang viel komplizierter und schwieriger, als ich Gott eigentlich „kenne“. Diese Geschichte und Hilfestellungen sind wunderbar und helfen mir sehr!!! Vielen Dank.
    Der Blog ist superinteressant. Ich werde noch weiter darin auf Entdeckungsreise gehen.
    Sei gesegnet!

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