Befreiung durch Vergebung – Teil 1: Meine eigene Erfahrung im Blick auf Vergebung

Der geschichtliche Hintergrund

Den Start im Dienst für unseren Herrn, Jesus Christus, erlebte ich in einem extrem schwierigen Umfeld. Das war für meinen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn und für die uns Schweizern angeborene Freiheitsliebe eine tägliche Herausforderung, ein Dauerleiden.

Die andere Seite

Meine weiteren Ausführungen könnten den Eindruck erwecken, als hätte ich in einem schlimmen Sektenzentrum gearbeitet. Darum scheint es mir wichtig, auch die andere Seite zu betonen. Gott hat das christliche Werk, in welchem ich Jahrzehnte lang gearbeitet habe, über alle Massen reich gesegnet. Vor allem wurde auch die damalige Leitung von Gott mächtig gebraucht, um im Nachkriegseuropa weithin klare geistliche Impulse zu vermitteln. Das alles ist unverdiente Gnade. Neben dem Segen, der für viele offensichtlich wurde, gab es leider auch eine andere Seite, denn Gott baut sein Reich auf dieser Erde nicht mit seinen Engeln, sondern mit Menschen. Das typische Merkmal für Gottes Bodenpersonal heisst: Menschen machen Fehler. Ja! Aber Gott ist so gross, dass Er aus unseren Fehlern wieder etwas Gutes wirken kann. In diesem Sinn hat Arbeit in Gottes Reich stets zwei Seiten: Eine menschliche und eine göttliche. Im Folgenden wende ich mich – mit Zurückhaltung – aber ehrlich und klar der menschlichen Seite zu:

Wenn Vorgesetzte im Reich Gottes zum Problem werden

Unter einer autoritären Leitung, welche keine Widerrede duldet, werden Mitarbeiter entweder unterwürfig und „gefügig“ gemacht, oder sie werden als „Rebellen“ aus der Dienstgemeinschaft ausgeschlossen. Bei mir traf – nach 5 Jahren Drill – das erste zu. Das geht nicht ohne tiefgreifende seelische Verletzungen ab. Das Resultat ist der Verlust des eigenen Wertgefühls. Und dies ist groteskerweise der Nährboden für eine Überheblichkeit im Mäntelchen der Demut.

Die Folgeschäden sind gravierend. Man wird tief verunsichert.

  • Führungspersönlichkeiten sollen geachtet und geehrt werden. Wenn jedoch eine solche Person grundlegende biblische Verhaltensregeln ignoriert – kann ich dann noch respektvoll zu dieser Person aufschauen? Oder wäre das geheuchelt?
  • Wenn diese Person Gottes Wort verkündigt, kann ich dann die Botschaft hören als „Gottes Reden zu mir“? Und wenn nicht, würde ich mich dann nicht gegen Gott verschliessen, der durch genau diese Person zu mir reden möchte?
  • Wenn diese Person Anweisungen erteilt, hinter denen ich nicht voll und ganz stehen kann, mir jedoch keine Möglichkeit gibt, meine Bedenken zu äussern – ist dann mein erzwungener Gehorsam Heuchelei?
  • Im säkularen Bereich sind wir eher bereit, Ungerechtigkeiten einzustecken und zu verkraften. Wenn aber Menschen in geistlicher Führungsposition sündigen, wird es schwierig. Soll ich reden und das Risiko eingehen, dass ich aus der Dienstgemeinschaft ausgeschlossen werde? Soll ich schweigen, weil ich ohnehin nicht gehört werde. Mache ich mich schuldig, wenn ich rede, weil ich meine Berufung aufs Spiel setze? Mache ich mich schuldig, wenn ich schweige, weil dann meine Verkündigung des Wortes Gottes auch angeschlagen ist? Das sind nur einige jener vielschichtigen Probleme, die ich durchlebt hatte.

Wichtig: Über allem steht Gott, der HERR.

Mit dem Leitungswechsel schlitterte das Werk in eine tiefe Krise. Und ich würde sagen, dass Gott dies so vorgesehen hat, um mit allem Alten abzuschliessen und Raum für Neues zu schaffen. Er wachte über der Zeit unter der alten Leitung, und Er wachte auch über allem, was damals nicht gut lief. Er selbst setzte den Schlusspunkt hinter jene Zeit. Und Er selbst führte weiter – in die Krise – durch die Krise – und aus der Krise heraus.

Dem Neubeginn geht ein Prozess voraus

Nun würde man annehmen, dass unter den Mitarbeitenden das grosse Aufatmen kam, als der Druck von Seiten der alten Leitung weg war. Das ist eine Fehleinschätzung. Die Entlastung von jenem Druck führte erstmals dazu, dass das seit langem totgetretene „seelische Schmerzempfinden“ wieder erwachte. Diese Rückkehr des Schmerzempfindens ist ein unumgänglicher Schritt auf dem Weg zur Genesung. In der Rückschau lässt sich das so leicht sagen. In der Wirklichkeit handelt es sich um einen sehr schmerzvollen Prozess, wenn man Stück um Stück erkennt, was die Jahre unter einer autoritären Leitung an seelischen Schäden verursacht und hinterlassen haben.

Mit dem erwachenden Schmerzempfinden und dem Erkennen des erlittenen Unrechts wird die Frage nach Vergebung aktuell. „Ja, natürlich, ich bin Christ, ich soll vergeben, also gut.“ Aber das war mehr ein Verdrängen als ein Vergeben. Dies zeigte sich in Gesprächen mit solchen, die auch viel Unrecht erlitten hatten, zum Teil auch ausgeschlossen wurden. Diese Leute kamen nun zu Besuch. Man sass mit ihnen beim Essen zusammen. Und unweigerlich kam das Gespräch auf die alte Zeit, und, und … Bei jedem Gespräch war es so, wie wenn jemand mit einer grossen Kelle im Suppentopf umrühren würde. Der ganze Bodensatz kam wieder hoch. Ich litt darunter und fragte mich, ob es in diesem Bereich keine dauerhafte Lösung gäbe.

Neubeginn

Dann kamen meine liebe Gattin und ich in unserer fortlaufenden, täglichen Bibelbetrachtung zu Kol 3. Bei Vers 13 blieb ich stehen und musste nochmals lesen, und nochmals. Da steht: „ertragt einander und vergebt einander, wenn einer gegen den anderen zu klagen hat; gleichwie Christus euch vergeben hat, so auch ihr.“ Wann soll ich also vergeben? Nicht erst, wenn die andere Person kommt und sich entschuldigt, sondern wenn ich Grund zur Klage habe. Das heisst mit anderen Worten: Wenn mir bewusst wird, dass mir Unrecht geschehen ist. Dann bin ich aufgerufen, der anderen Person sogleich zu vergeben.

Jetzt bin ich echt gefordert. Müsste nämlich die andere Person zu mir kommen und mich um Verzeihung bitten, wäre dies für jene Person ein Akt der Demütigung. Und ich könnte von oben herab – so gleichsam als noble Geste – dieser Person verzeihen. So ist die biblische Aufforderung zur Vergebung nicht gemeint. Ich selber soll auf dem Weg der Demut aktiv werden. Ich habe zwar einen konkreten Rechtsanspruch, aber um Jesu willen werde ich auf das Einfordern meines Rechts verzichten und der anderen Person vergeben.

Wie im Weiteren jene Person mit ihrem begangenen Unrecht umgeht, ist dann nicht mehr meine Sache, sondern eine Angelegenheit zwischen dieser Person und ihrem Herrn im Himmel. Auf diese Weise sind beide Seiten entlastet. Ich, dem das Unrecht angetan wurde, aber auch die andere Person, welche ich jetzt frei gebe.

Das ist das Eine. Der Satz geht jedoch weiter und weist auf die geforderte Dimension der Vergebung hin: „…gleichwie Christus euch vergeben hat …“ Das ist der Massstab, an welchem unsere Vergebung gemessen wird. Nun überlegte ich. Wie hat Christus mir vergeben? Meine Antwort: Vollständig. Jede einzelne Sünde ist weg. Er hat keine meiner Sünden als „stille Reserve“ zurückbehalten, um mich später wieder zur Verantwortung ziehen zu können, falls ich mich mal nicht gut verhalten würde. Wenn Er vergibt, ist vergeben. Die Angelegenheit ist für immer erledigt. Und genau so soll ich jetzt vergeben? Ja! – Das bedeutet aber, dass ich alle meine „Waffen“ abzugeben habe und sie in späteren Auseinandersetzungen nicht mehr hervorholen kann. Genau so ist es. Bin ich dazu bereit? – „Ja, ich will genau so vergeben!“

Die Veränderung

In diesem Augenblick blieb alles ruhig. Es kam keine Stimme vom Himmel, keine Engelerscheinung, einfach nichts. Aber ich war eine riesige Last los geworden. Ich fühlte mich frei – und war frei. Diese Befreiung war der Ausgangspunkt und die Voraussetzung, dass die erlittenen seelischen Verwundungen langsam und natürlich heilen konnten.

Dass die Vergebung echt war, zeigte sich bald in den Begegnungen mit Menschen, die in gleicher Weise unter der früheren Leitung gelitten hatten. Unweigerlich landeten die Gespräche wieder beim Thema „alte Zeit“. Und nun erlebte ich, dass ich völlig ohne Groll, ohne Bitterkeit über jene Zeit mitreden konnte, ohne dass mich die Sache noch belastet hätte. So ist Vergebung. Wahre Vergebung befreit zu einem neuen und entlasteten Leben!

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