
Im Dezember 2022 hielt ich in der FMG-Unterseen-Interlaken einen Vortrag zu dem oben genannten Thema: „Diagnose Demenz – In Gottes heilsamer Werkstatt“
Als Angehöriger von drei Personen, die in meinem nächsten Umfeld an Demenz erkrankten, konnte ich viel praktische Erfahrungen sammeln, davon sollen andere Menschen profitieren können. In meinem Vortrag geht es nicht in erster Linie um die Vermittlung von Sachkenntnissen. Den Schwerpunkt lege ich bewusst auf die geistliche Dimension, denn:
- Sachliche Kenntnisse kann man sich auch anderweitig erwerben, in Vorträgen, in Büchern, im Internet.
- Die geistliche Dimension einer dementiellen Erkrankung wird hingegen kaum je thematisiert, so als wäre sie nicht existent.
- Von Christen sollte die Frage „was beabsichtigt Gott mit dieser Erkrankung?“ bewusst mit einbezogen werden – und zwar im Blick auf beide Seiten – für die betroffene Person, aber auch für die Betreuenden. So kann diese schwierige Zeit zu positiven Resultaten führen.
- Betreuende Personen brauchen Sicherheit im Blick auf alle Aspekte der dementiellen Erkrankung, eben auch Sicherheit im geistlichen Bereich, um der betroffenen Person hilfreiche Orientierung vermitteln zu können.
Im folgenden Player können Sie den Vortrag im Original (in Zürcher Dialekt) hören.
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Hier kommen Sie zur schriftlichen Form dieses Vortrags:
Diagnose Demenz – In Gottes heilsamer Werkstatt
Heinrich Kuhn
1) Vorwort
Was ich heute weitergebe, ist kein Fachvortrag über Demenz, sondern eher ein Erlebnisbericht. Ich halte diesen Vortrag als Angehöriger von betroffenen Personen. Zuerst erkrankte mein Schwiegervater. Seine Ehefrau hat ihn zu Hause betreut. Als sie am Rand eines Zusammenbruchs war, kam Vater ins Pflegeheim. In seinen letzten Jahren kannte er uns nicht mehr. Auch meine Schwiegermutter ist im sehr hohen Alter dement geworden und musste ihre letzten beiden Lebensjahre im Pflegeheim verbringen.
Ab 2012 zeigten sich bei meiner Ehefrau die ersten deutlichen Anzeichen einer dementiellen Erkrankung. Ich konnte sie bis Ende 2016 zu Hause umsorgen, unterstützt durch die Spitex und ProSenectute. Im Januar 2017 trat sie ins HAUS FUHRENMATTE in Boltigen ein. Dort hat sie im christlich geführten Heim ihre letzten drei Jahre erlebt.
2) Einführung
Mein Thema ist positiv formuliert. Das soll jedoch nicht heissen, dass wir uns eine dementielle Erkrankung wünschen sollten, auf keinen Fall. Egal, um welche Art einer Demenz es sich handelt, der Orientierungsverlust ist für die betroffene Person eine sehr tiefgreifende und belastende Erfahrung.
Zuerst gehe ich auf die Frage ein, ob eine demente Person ihre menschliche Würde verliert? Das würde dem optischen Eindruck entsprechen. Aber diese Einschätzung ist falsch. Die menschliche Würde ist nicht abhängig von der mentalen Leistungsfähigkeit. Wir sind Gottes Geschöpfe. Er hat uns nach seinem Bild geschaffen. Darum sind wir wertvoll. Es ist wichtig, dass wir alle Menschen aus dieser Perspektive betrachten, auch wenn sie an Demenz erkrankt sind. Sie sind Gottes Geschöpfe, und für Ihn sind sie kostbar bis zum letzten Atemzug.
Ich will heute nichts kleinreden. Aber ich möchte eine andere Sichtweise vermitteln. Für Menschen, die bewusst mit Christus unterwegs sind, gilt was Paulus in Röm 8,28 anspricht: „Was auch geschieht, das eine wissen wir: Für die, die Gott lieben, muss alles zu ihrem Heil dienen. Es sind die Menschen, die Er nach seinem freien Entschluss berufen hat.„
Dieser Vers wird leider häufig missbräuchlich und als billiger Trost zitiert. Davon will ich mich distanzieren. Ich zitiere diesen Vers, weil er eine Denkrichtung aufzeigt, die unabdingbar nötig ist, wenn man mit jenem Schreckgespenst Demenz konfrontiert ist.
Dann wird nämlich das Negative, die Krankheit, zu einer Plattform, auf der sich Gott offenbaren kann. Und dann muss auch die Krankheit dazu dienen, dass wir das werden, wozu wir von Gott bestimmt sind. Diese grundlegende Denkrichtung hilft uns, dass wir mit der herausfordernden Krankheit klar kommen können. Wir kommen zu der trostreichen Zuversicht: Auch wenn es zu einer dementiellen Erkrankung kommt, ist dies nicht einfach Schicksal, es ist überhaupt nicht als Strafe zu bewerten, sondern es hat ganz direkt mit Gottes Liebe und mit seinen guten Absichten zu tun. Ich werde das später noch weiter ausführen. Zuerst eine Übersicht:
In meinem Vortrag folge ich der üblichen Entwicklung einer dementiellen Erkrankung.
- 1. Phase: Leichter Gedächtnisverlust. Die erkrankte Person realisiert die Veränderungen und kämpft dagegen an. Es ist vor allem für die betroffene Person eine sehr schwere Zeit.
- 2. Phase: Mittlerer Gedächtnisverlust. Einsetzender Orientierungsverlust, deutliche Defizite in der Bewältigung des Alltags. Mehr und mehr auf Hilfe angewiesen.
- 3. Phase: Schwere Demenz. Betreuung rund um die Uhr nötig. In vielen Fällen ist dies nur in der Heimpflege möglich. Diese Phase endet mit dem Tod.
3) Grundlegende Gedanken
Am schönsten wäre es doch, wenn Gott uns gleich nachdem wir zum Glauben gekommen sind, zu sich in die Herrlichkeit genommen hätte, wo es keine Tränen und keinen Schmerz und kein Leid mehr gibt. Warum hat Er es nicht so eingerichtet? Warum sind wir noch mit so viel Notvollem auf dieser Erde konfrontiert? Ja, wir haben hier noch einen Auftrag zu efüllen. Aber das ist nicht alles. Gott will uns nicht nur als seine Handlanger gebrauchen. Viel wichtiger ist Ihm das, was Er an uns selber tut. Und davon lesen wir in Röm 12,2. Hier sagt Paulus: „Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an. Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird …“
Das ist Gottes Ziel. Wir sollen umgewandelt werden. Es handelt sich um einen Prozess, den wir nicht selbst bewirken können. D.h. wir können von uns aus nichts Substantielles dazu beitragen. Trotzdem sind auch wir gefordert, denn die Formulierung ist ein Befehl. Es geht darum, dass wir Gottes Wirken für diese Umwandlung bewusst und dankbar zulassen. Wir sollen willentlich mitgehen mit dem, was Gott an uns tut.
Wichtig ist nun die Frage: Was muss denn verändert werden? Unser Denken, sagt Paulus. Was ist denn falsch an unserem Denken?
Gehen wir zurück an den Anfang der Bibel. Die Schlange kam ins Paradies und stellte Eva eine Frage (1Mo 3,1): „Hat Gott wirklich gesagt: Von allen Bäumen des Gartens dürft ihr nicht essen?“ Die Schlange verdrehte Gottes Anweisung ins Gegenteil. Gott hatte gesagt (2,17): „Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; …“ – dann erst folgte die einschränkende Fortsetzung: „…aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben!„
Die Frage der Schlange führt Eva zu einem verdrehten Gottesbild von einem Gott, der seine Geschöpfe nicht wirklich liebt, weil Er ihnen, wie die Schlange behauptet, nichts gönnt.
Wie ist das nun bei uns gläubigen Christen? Wenn Gott uns bei einer Prüfung durchfallen lässt, oder wenn Er einen lieben Menschen wegnimmt, oder wenn Er durch eine dementielle Erkrankung alle unsere Pläne durchkreuzt – kommen dann nicht auch bei uns solche Gedanken: Warum straft mich Gott so? Womit habe ich das verdient? Hat Er mich überhaupt lieb? So schnell beginnen auch wir, an der vollkommenen Liebe Gottes zu zweifeln.
Schauen wir weiter beim Sündenfall: Als nächstes bringt die Schlange ihre krasse Lüge ins Spiel (3,4‑5): „Ihr werdet keineswegs sterben, sondern Gott weiss: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.„
Was heisst das im Klartext?
- Gott hat euch angelogen, als Er ankündigte, dass ihr sterben werdet, wenn ihr sein Gebot übertretet.
- Das Gegenteil ist der Fall: Ihr könntet klug werden und gleich sein wie Gott. Ihr braucht nicht länger abhängig zu sein, sondern könnt euer Leben selber bestimmen, aber natürlich – Gott gönnt euch das nicht.
Die Schlange hat Erfolg. Eva schaut den Baum und die Frucht an, und sie will davon geniessen. Sie will es ausprobieren, gleich zu sein wie Gott. Sie nimmt die Frucht, isst und gibt ihrem Mann auch davon, und er isst. Und mit dem Essen der Frucht sind die Gedanken der Schlange in das Denken der Menschen eingedrungen.
Was hier geschehen ist, können wir mit einer Konzeption, dem Akt einer Zeugung vergleichen. Ein Spermium dringt in eine Eizelle ein und übergibt dieser Zelle den ganzen Inhalt der Information. Diese Information ist nun in der Eizelle drin und verbindet sich mit der Information, die dort vorhandenen ist. Und diese kombinierte Information bestimmt das werdende Leben.
Als Eva und Adam von der Frucht assen, kam die Information Satans in ihr Denken hinein. Von diesem Moment an sitzt der Zweifel an Gottes Liebe tief verwurzelt im menschlichen Denken. Und von diesem Moment an ist der Hochmut ins Herz der Menschen eingedrungen und wurde zu unserem ureigensten Wesen. Von nun an wollen die Menschen gleich sein wie Gott. Von nun an wollen sie ihr Leben selber bestimmen und sich selbst verwirklichen.
Wir wurden aber nicht für uneingeschränkte Selbstbestimmung geschaffen. Mit der Selbstverwirklichung überfordern wir uns. Das mag uns erstaunen, aber es ist so. Damit wir das begreifen, müssen wir mal von uns selbst weg auf Jesus schauen. Er hat in dieser Welt ein Leben vorgelebt, wie es ursprünglich bei der Schöpfung gedacht war. Er lebte in völliger Übereinstimmung mit seinem Himmlischen Vater. Und dieses von Gott abhängige und Ihm unterordnete Leben hat die reichste Frucht aller Zeiten hervorgebracht.
Demgegenüber macht uns die Selbstverwirklichung zu Gefangenen der eigenen Wünsche und Vorstellungen – und auf diesem Boden wächst keine Frucht für die Ewigkeit. So ist unsere natürliche Veranlagung auch zu unserer tiefsten Not geworden.
Der Weg zurück ist lang. Er führt über den gekreuzigten Jesus zurück in die Gemeinschaft mit Gott. Bei der Hinwendung zu Christus wird der Geist des Menschen wiedergeboren. Aber die Information der Schlange ist weiterhin noch da. Der wiedergeborene Mensch hat zwei Naturen, eine von Adam und eine von Gott. Unser Denken ist nicht schlagartig umgekrempelt. Bis die neue Stellung in Christus auch alle Facetten in unserem Denken durchdrungen hat, arbeitet Gott ein Leben lang an uns.
Die letzte Bastion unserer alten Natur ist meistens der Hochmut. Er kann sich sehr gut in ein frommes Mäntelchen tarnen und wird dann kaum erkannt. In den Jahren 1972-74 waren einige Armenier aus dem Libanon im Bibelseminar. Einer von ihnen wurde von seinen Kommilitonen auf das Thema Hochmut angesprochen. Er fühlte sich verletzt und entgegnete: „Ich bin gar nicht hochmütig, ich bin ganz hoch demütig.“
Unser Hochmut kann nicht in den Himmel gehen. Darum ist es existentiell notwendig, dass Gott uns davon befreit. Der 119. Psalm spricht darüber in Vers 67 in einer recht ungeschminkten Art und Weise: „Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich;“ Der Psalmist lässt uns kein Schlupfloch. Die blanke Wahrheit lautet: Ich irrte! Gott sei Dank, fährt er dann weiter: „nun aber halte ich dein Wort.“ Das ist die süsse Frucht, wenn Gott uns demütigt.
Heute geht es um Demenz. In diesem Zustand kann man einem Menschen keine Belehrung mehr vermitteln. Dieser Zug ist endgültig abgefahren. Ist das so? Ist das wirklich so?
Ihr habt natürlich recht. Eine demente Person nimmt nichts mehr auf von einem klugen Vortrag. Trotzdem – für Gott ist der Zug noch lange nicht abgefahren.
In Dan 4,27 wird uns ein überheblicher Grosskönig vorgestellt. Es handelt sich um Nebukadnezar. Er sagte: „Das ist das grosse Babel, das ich erbaut habe zur Königsstadt durch meine grosse Macht zu Ehren meiner Herrlichkeit.“ Ein deutlicher Ausdruck der Selbstverwirklichung und der Überheblichkeit. Nebukadnezar muss unbedingt heruntersteigen. Für uns Menschen ist es unmöglich, einen so stolzen König in die Schranken zu weisen und zu demütigen.
Aber was Menschen nicht fertigbringen, das hat Gott zustande gebracht in einer Zeit, als dieser Nebukadnezar für sieben Jahre den Verstand verloren hatte. In dieser Zeit lebte er bei den Feldtieren und ernährte sich von Gras. So wurde er gedemütigt. Und nach den sieben Jahren gab er Gott die Ehre (Dan 4,34): „Darum lobe, ehre und preise ich, Nebukadnezar, den König des Himmels; denn all sein Tun ist Wahrheit, und seine Wege sind recht, und wer stolz einherschreitet, den kann Er demütigen.„
Glaubt ihr mir jetzt, dass Gott sein Ziel mit einem Menschen erreichen kann, wenn dieser an einer fortgeschrittenen Demenz leidet? Gott hat einen direkten Zugang zum menschlichen Geist. Er ist nicht auf eine funktionierende Ratio angewiesen.
Ich möchte richtig verstanden werden: Was ich gerade ausgeführt habe heisst nicht, dass vor allem die besonders stolzen Menschen an Demenz erkranken. Gott geht unterschiedliche Wege mit seinen Menschen, und Er braucht unterschiedliche Werkzeuge. Seine Wege und Werkzeuge sind jedoch immer optimal auf den betreffenden Menschen angepasst.
Schauen wir nun also die drei erwähnten Phasen im Verlauf einer Demenz an:
4) Phase 1: Schwacher Gedächtnisverlust.
Für jemanden, der an einer dementiellen Erkrankung leidet, ist die erste Phase besonders herausfordernd: Die Person realisiert, dass die Vergesslichkeit nicht nur zunimmt, sondern neue Formen annimmt. Auch in gesunden Zeiten können wir Dinge verlegen. Besonders mit zunehmendem Alter ist es normal, dass wir immer öfter etwas suchen müssen. Dann gehen wir in Gedanken zurück und fragen uns, wo hatte ich das Verlorene noch – und wo hatte ich es nicht mehr. Und in der Regel finden wir die Sache wieder. Ein Mensch mit Demenz hat hingegen keine Chance, in Gedanken zurück zu gehen, keine Chance, das Verlorene wieder zu finden.
Für die betroffene Person ist es besonders schmerzlich, wenn die eigenen Defizite in ihrem Umfeld sichtbar werden, oder wenn die Menschen mit dummen Bemerkungen reagieren. In dieser Zeit hat meine Ehefrau öfter den Satz gesagt: „Ich wott doch kes Tubeli werde.“ Dieser Satz gibt einen tiefen Blick in die seelische Not des Betroffenen. Es ist das Operationsmesser des himmlischen Chirurgen, um den letzten Rest vom Stolz herauszuschneiden.
Der Kontrollverlust führt folgerichtig zu einem wachsenden Misstrauen. Als meine Frau noch zu Hause war, musste ich manche E-Mail an die Beraterin von Pro Senectute schreiben. Dann ging oft die Bürotür auf und meine Liebste fragte: „Was schriibsch wieder über mich?“ – Das ist sehr typisch und zeigt, wie fein das Gefühl einer Person funktioniert, wenn sie an Demenz erkrankt ist. Ich habe sie dann jedes Mal gebeten, sich neben mich zu setzen. So konnte sie alles nachvollziehen. Diese Offenheit stärkte die Beziehung.
Eigentlich könnten in dieser Zeit noch hilfreiche Gespräche geführt werden. Vieles könnte angesprochen werden im Blick auf künftige Entwicklungen. Aber da ist die Angst, dass die betroffene Person verletzt werden könnte. So wird ein konstruktives Gespräch meist verhindert .
Nach allen gesammelten Erfahrungen würde ich heute einiges anders machen. Ich würde in dieser ersten Phase nicht beschwichtigen, sondern in offenen, ehrlichen Gesprächen eine solide Grundlage bauen für die kommende Zeit der Verwirrung.
Ich stelle hier drei Beispiele vor, wie solche Gespräche geführt werden können. Dabei sollten die Gespräche nicht nur einmal stattfinden, sondern oft wiederholt werden, damit sich die Inhalte tief einprägen können:
1. Vorbereitung im Blick auf die Ehebeziehung: Das Gespräch könnte so lauten: „Vielleicht wird eine Zeit kommen, in welcher ich dich in ein Pflegeheim abgeben muss. Aber auch wenn wir örtlich getrennt sein werden, sollst du wissen, dass ich treu zu dir stehe und dass nichts und niemand zwischen dich und mich kommt.“
2. Vorbereitung im Blick auf die Gottesbeziehung: Konkret geht es darum, Ängste abzubauen, das Grundvertrauen zu stärken und eine bewusste Gedankendisziplin einüben.
Den Ausgangspunkt für das Gespräch kann z.B. Phil 4,6-7 bieten: „Macht euch keinerlei Sorgen, sondern bringt alle eure Anliegen im Gebet mit Bitte und Danksagung vor Gott! Und der Frieden Gottes, der alle menschlichen Gedanken weit übersteigt, wird euer Herz und euer Denken in Christus bewahren.„
Wenn dieser Inhalt zum festen Glaubensfundament wird, ist das eine enorme Hilfe in den kommenden Herausforderungen. Die erkrankte Person soll lernen: Auch wenn es soweit kommt, dass ich meine Gedanken nicht mehr formulieren kann, wenn ich keine Gebete zustande bringe: Gott kennt mich und Er liebt mich. Er bleibt ganz nahe bei mir und Er beschützt mich bis zum letzten Atemzug.
3. Vorbereitung für eine neue Selbstwahrnehmung: Die betroffene Person braucht frühzeitig seelsorgliche Hilfe. Dabei geht es um folgende Schwerpunkte: Die demente Person braucht Hilfe, um die Krankheitssituation annehmen zu können. Sie benötigt Hilfe beim Loslassen von Fähigkeiten – Hilfe beim Aufgeben von Plänen und Zielen – Hilfe, wenn es darum geht, die Selbstbestimmung zu verlieren – Hilfe beim Zurücknehmen von Erwartungen an andere Menschen (wenn dies nicht geschieht, können demente Personen zu Haustyrannen werden) – sie braucht Hilfe, wenn sie das vertraute Umfeld verlassen muss – und sie braucht Hilfe, wenn sie mehr und mehr die Wertschätzung durch Mitmenschen verliert. Schon frühzeitig sollte das Grundwissen antrainiert werden, dass wir von Gott anders beurteilt werden, als von unseren Mitmenschen.
5) Phase 2: Mittlerer Gedächtnisverlust.
Merkmale: Der zunehmende Orientierungsverlust wird zum Problem und es gibt deutliche Defizite in der Bewältigung des Alltags. Die Person ist mehr und mehr auf Hilfe angewiesen.
- In dieser Phase wird das Umfeld mit einem akuten Problem konfrontiert: Die demente Person ist in der Regel noch voll handlungsfähig, leidet jedoch unter Kontrollverlust. Diese Kombination kann sehr schnell zur Selbstgefährdung führen. Dadurch steigen die Anforderungen für die Angehörigen, welche die erkrankte Person mehr und mehr überwachen müssen. Der Kontrollverlust hat aber auch eine positive Seite: Er bringt die eigene Hinfälligkeit ins Bewusstsein. Der Mensch muss erkennen: Ich kann meine eigenen Ziele nicht mehr erreichen. Meine Pläne sind verloren. So erlebt der demente Mensch sehr hautnah seine Begrenztheit. Dies entspricht Ps 146,4. Da sagt der Psalmsänger im Blick auf die Fürsten, also im Blick auf Menschen, die beim Volk hoch angesehen sind: „Sie müssen sterben und zu Staub zerfallen und mit ihnen vergehen auch ihre Pläne.“ Die nackte Wahrheit lautet: Von dem hohen Ansehen bleibt am Schluss nichts mehr – und alle Pläne sind vom Tisch! Wie ganz anders das, was der Psalm in Vers 6 im Blick auf Gott, den HERRN sagt: „Seine Treue hat kein Ende.„
- Häufig zeigt sich schon in dieser zweiten Phase das typische Phänomen des Weglaufens. Die betroffene Person sagt: „Ich will nach Hause gehen.“ Was bedeutet das? Wenn die Person in der angestammten Wohnung ist, läuft sie auch weg. Was heisst also „ich will heim gehen“?
- Die Leiterin des Pflegeheims in Boltigen erklärte dies so: „Ein Mensch, der an Demenz erkrankt ist, sucht nicht die Wohnung, in welcher er zuhause war, sondern ist unbewusst auf der Suche nach seiner verlorenen Identität!“ Dieses Suchen ist ein so starker Drang, dass mit Beharrlichkeit alles daran gesetzt wird, um das Ziel zu erreichen. Ein Beispiel: Im Pflegeheim in Boltigen lebte ein 91-jähriger Mann. Er war völlig verwirrt. Beim Spazieren in der Parkanlage findet er ein kleines Brettchen. Er schiebt es zwischen die beiden Stahlrohre von Gartentür und Türpfosten und wiegt so lange und mit solchem Kraftaufwand, bis er die Tür aufgesprengt hat – und verschwindet ins Dorf – auf der Suche nach dem Daheim. Auf der Suche nach der verlorenen Identität!
Was können wir als Christen daraus lernen? Die wahre Identität eines Christen ist die Identität in Christus: Ich in Christus, Christus in mir, Christus durch mich usw. So viele Christen haben nur eine ganz vage oder gar keine Vorstellung von dieser Identität. Wegen diesem Mangel kann sich das geistliche Leben auch nur mangelhaft entfalten. Hier sollten wir von Menschen mit Demenz lernen! Wenn wir mit der gleichen Beharrlichkeit unsere Identität in Christus suchen würden, sähe manches Christenleben anders aus.
Die Herausforderungen für die Angehörigen:
- Angehörige eines Menschen mit Demenz erleben in vielen Situationen die eigene Überforderung. Wenn man mit einer dementen Person unterwegs ist, fällt man in der Öffentlichkeit unweigerlich auf. Man fühlt sich vor aller Augen ausgestellt und erniedrigt, weil die andere Person sich so dumm anstellt. Zudem blamiert man sich, weil die eigene Überforderung sichtbar wird. Solche Situationen sind ein wertvolles geistliches Übungsfeld. Wir müssen lernen, nicht abhängig zu sein von dem, was Menschen über uns denken. Entscheidend ist doch, wie Gott über uns denkt. Wir müssen lernen, zu unserer eigenen Schwachheit zu stehen – und vor allem zur Schwachheit unseres kranken Mitmenschen zu stehen. Es ist hilfreich, wenn wir uns bewusst werden, dass in der Überforderung die anerzogene Maske wegfällt. Es kommt genau das heraus, was tief verborgen ist: Unschöne Gedanken, lieblose Worte, Ungeduld usw. Wenn dies alles ans Licht kommt, sollten wir eigentlich danken, denn Gott gibt uns die Gelegenheit zum Aufarbeiten.
- Für Angehörige einer Person, die an Demenz leidet, ist es eine hohe Hürde, wenn man externe Hilfe beanspruchen muss. Es kostet Überwindung, wenn man bei den entsprechenden Stellen vorsprechen und Hilfe beantragen muss. Unweigerlich gibt man damit zu: Ich schaffe es nicht allein. Man erlebt es wie einen Gang nach Canossa. Es ist mit einem Hinuntersteigen, mit Demütigung verbunden. Aber das alles ist so heilsam, es führt uns zu den wahren Lebensqualitäten!
- Beim Begleiten einer demenzkranken Person wird man mit grosser Wahrscheinlichkeit auch mit dem Problem der Inkontinenz konfrontiert. Meistens passiert dies, wenn man gemeinsam unterwegs ist, oft im dümmsten Moment. Für Christen ist dies ein perfektes Übungsfeld, um wahre, selbstlose Liebe zu üben, denn gerade jetzt darf man die kranke Person nicht sich selbst überlassen. Es ist hilfreich, wenn man vorsorglich frische Unterhöschen, Handschuhe und Waschlappen mitnimmt. Aber wie macht man es, wenn man überrascht wird und keine Handschuhe dabei hat? Dann hilft uns der Gedanke an Jesus. Er ist der allergrösste HERR, und Er macht uns nicht nur von Fäkalien sauber, sondern wäscht uns vom allerschmutzigsten Schmutz, von unserer Sünde rein. Das muss man sich mal verinnerlichen, das macht uns frei! Noch ein hilfreicher Tipp zu diesem Thema: Als Ehemann sollte man mit seiner kranken Ehefrau zur Damen-Toilette gehen, resp. als Ehefrau mit dem kranken Ehemann zur Männer-Toilette, nicht umgekehrt. D.h. die gesunde Person passt sich zugunsten der kranken Person an. Wenn man so in die „falsche“ Toilette gehen muss, hilft die Erklärung: „Entschuldigung, ich muss meine kranke Ehefrau (resp. Ehemann) begleiten.“
- Als Angehöriger einer demenzkranken Person erlebt man es auch demütigend, wenn man als erwachsener Mensch im fortgeschrittenen Alter wieder neu lernen muss. Wenn man sich erklären lassen muss, was man im Umgang mit der dementen Person falsch macht, wenn man sich ganz simple Umgangsformen beibringen lassen muss. Hinter all diesen demütigenden Erfahrungen steht Gottes Liebe! Er will uns von den Wurzeln des Stolzes befreien.
- Als Ehepartner eines Menschen mit Demenz wird die fortschreitende Krankheit zum Prüfstein in der Ehe. Dies gilt vor allem, wenn die Ehegemeinschaft aufgrund der Heimpflege geographisch auseinander gerissen wurde. Das ist für beide Seiten ein schwerer Eingriff. Für den Partner, resp. die Partnerin des erkrankten Menschen fordert diese Situation eine strikte Gedankendisziplin und ebenso eine kontinuierliche Wachsamkeit über die eigenen Gefühle. Man ist verheiratet – und ist doch allein. Da zeigt sich schnell, ob die Liebe auf Egoismus aufgebaut war, oder auf dem Fundament der Liebe, die sich selbst gibt, so wie Jesus sie uns vorgelebt hat.
6) Phase 3: Schwere Demenz.
In dieser Phase braucht es Betreuung rund um die Uhr. Dies kann in vielen Fällen nur durch Heimpflege geboten werden.
Die verbale Kommunikation stirbt immer mehr und muss durch Berührung, durch Mimik und durch den Klang der Stimme ersetzt werden. Eine besondere Möglichkeit zur Kommunikation ist Musik. Die Leiterin in Boltigen stellte ein E-Piano ins Zimmer, so konnte ich bei jedem Besuch spielen und dazu singen – und dabei war meine Ehefrau erstaunlich präsent. Bis fast zu ihrem Lebensende versuchte sie immer noch mitzusingen.
Typischerweise zeigt sich der Krankheitsverlauf nicht linear. In besonderen Situationen tauchen plötzlich wieder längst verlorene Fähigkeiten auf. Als ich in Boltigen meine Frau im Rollstuhl durch die Parkanlage schob, hat ein Grüppchen Schüler in einiger Entfernung Altpapier gesammelt. Dabei kippte der Wagen und ein Teil der Ladung war am Boden. Wie so oft in solchen Situationen wurde tüchtig geschimpft und geflucht. Meine Frau hörte es und rief erstaunlich laut und klar: „He da, redet nöd so wüescht!“ Da wurde mir klar, dass auch im Zustand einer fortgeschrittenen Demenz das Gefühl für Ethik noch funktioniert!
Wichtig zu wissen: Eine demente Person hat keine Möglichkeit, sich zu verstellen. Alle Filter sind weggefallen, alles kommt urecht heraus, d.h. das, was die Person sagt, das meint sie auch.
Darum ist es ein grosses Unrecht, wenn die Aussagen einer dementen Person abgewertet oder lächerlich gemacht werden, so mit dem Argument: Das muss man nicht ernst nehmen, diese Person ist dement. „Si chunnt nümme druus.“ Im Grunde ist diese Haltung eine Beleidigung für Gott, denn Gott nimmt die demente Person sehr ernst. D.h. nun nicht, dass das was die Person sagt, mit der Wirklichkeit übereinstimmen würde, aber für die Person selbst stimmt es. Was ein demenzkranker Mensch sagt, das ist echt.
In dieser dritten Phase steht vor allem auch das Eheverhältnis auf dem Prüfstand. In ihrem zweitletzten Lebensjahr flehte mich meine Ehefrau an: „Ei Bitt hani a dich: Dass du dich nöd mit anderne Fraue iilasch!“ – Das klingt verletzend. Es riecht nach Misstrauen. – Im Grunde zeugt es von einer guten Beziehung und ist ein Volltreffer im Blick auf das, was sich im Gefühl der betroffenen Person abspielt.
Schauen wir das Problem aus der Sichtweise der dementen Person an: Sie erlebt eine kontinuierliche Abnahme der eigenen Fähigkeiten. Für sie ist es sehr schmerzlich, dass sie ihren Ehepartner nicht mehr unterstützen kann wie in früheren Zeiten und dass sie ihm nicht mehr geben kann, was er nötig hat. Rein gefühlsmässig nimmt sie sich als minderwertig wahr. Hinzu kommt, dass der Ehemann nur kurze Zeit zu Besuch kommt und dann wieder verschwindet. Das Gefühl sagt: „Er braucht dich nicht mehr.“ Und die natürlich veranlagte Eifersucht sagt: „Er hat sicher eine andere, die ihm mehr geben kann.“
Die demente Person hat keine Möglichkeiten mehr, diese Gefühlswahrnehmungen einzuordnen, sie kann nichts dagegen stellen. Sie hat keine Möglichkeit, diese Gefühle zu entkräften. Das ist eine schmerzliche Not! Und diese Not ist umso tiefer, je besser die Beziehung in der Ehe war.
– Schauen wir die andere Seite an: Die Aussage meiner Ehefrau zeugt von enormer Wertschätzung. Sie ist für das Wohl ihres Ehemannes besorgt, sie erkennt gefühlsmässig eine reale Gefahr und will dem Partner helfen, dass er auf dem schwierigen Weg die Ehe aufrecht erhält. Sie will ihn unterstützen.
– Die Leiterin des HAUSES FUHRENMATTE hat diese Situation sehr ernst genommen und sofort reagiert. Rosmarie wurde in ein Einerzimmer verlegt. Das Zimmer wurde mit einem zusätzlichen breiten Ruhebett ausgerüstet. Mich hat die Leiterin instruiert: Bei jedem Besuch soll ich mit Rosmarie zusammen eine Ruhezeit einschalten. Sie soll in meinen Armen liegen und wenn sie so die Geborgenheit gefunden hat, soll ich ihr sagen: „Rosmarie, dieser Platz ist allein für dich. Du bist die Einzige, die an meinem Herzen liegen darf. Ich habe dich von ganzem Herzen lieb.“ Zuerst muss das Gefühl stimmen, und erst wenn das Gefühl stimmt, können solche Worte aufgenommen werden. Der Effekt war eindeutig. Die Massnahme hat sich bewährt.
Demenz ist keine Todesursache, trotzdem endet die Krankheitsentwicklung mit dem Tod. Bei meiner Ehegattin waren die Laborwerte bis zu ihrem Ableben in Ordnung und ebenso die Organgesundheit. Von daher hätte sie noch lange leben können. Dies macht deutlich: Der Tod ist ein Programm, das ausgelöst wird, wenn Gott ruft. D.h. wenn Gott mit seiner Arbeit am betreffenden Menschen fertig ist, wenn das gesteckte Ziel erreicht ist, dann ist der irdische Körper nicht mehr nötig und die Seele darf zu ihrem Erlöser gehen.
Ich hatte das Vorrecht, dass ich die letzten fünf Tage bei meiner lieben Frau zubringen durfte. Was in dieser Zeit in einem sterbenden Menschen vor sich geht, ist geheimnisvoll und bleibt uns verborgen. Aber ich bin überzeugt, dass Gott in diesen letzten Stunden und Augenblicken des Lebens noch Entscheidendes wirkt.
Schlussgedanken
Ich betrachte es als Segen, wenn man in der Begleitung einer Person mit einer dementiellen Erkrankung lernen darf, sich von Gott trösten zu lassen. So wird man beschenkt und kann dann auch Trost weitergeben. Es ist ein gewaltiges Vorrecht, wenn wir in eigener Not diesen vollkommenen Tröster tiefer kennen lernen dürfen. Er sagt: „Ich will euch trösten, wie eine Mutter tröstet.„
Wenn ich den Tröster kennen lernen soll, setzt dies voraus, dass ich mich in der Stellung eines Kindes sehe: bedürftig, hilflos, trostlos, in keiner Weise der Situation gewachsen. Wenn einem Kind etwas zugestossen ist, gibt es wohl kaum eine Mutter, die das Kind wortlos, ohne Blickkontakt und rein mechanisch verarztet. Das Kind muss auf der Gefühlsebene abgeholt werden. Eine Mutter findet ganz natürlich den Weg zur Wahrnehmungsebene des Kindes. Sie gibt Zuwendung, drückt das Kind ans Herz, spricht mit ihm, pflegt nicht nur die körperlichen Wunden, sondern auch den seelischen Schmerz. Genau so macht es unser Himmlischer Vater.
Es kostet Überwindung, in dieser Weise trostbedürftig, total hilflos vor Gott zu kommen. Ich gebe zu, dass es auch bei mir manche Träne gab. Aber es ist mit nichts anderem zu vergleichen, wenn wir an Gottes Herzen den wahren Trost finden.
So dürfen wir uns selbst zuerst von Gott aufrichten lassen und dann mutig zu der uns anvertrauten dementen Person gehen, ihren Schmerz nachempfinden und ihr auf ihrer Ebene begegnen. Wer selbst getröstet wurde, kann Gefühle ernst nehmen, kann Gefühle vermitteln, kann Sicherheit und Orientierung vermitteln. Und auf diesem Weg werden wir gesegnet, während wir Segen weiter geben dürfen.
