5+1 Sprachen der Liebe

Vor kurzem wurde mir ein neues, sehr empfehlenswertes Buch von Gary Chapman geschenkt: „Liebe vergisst man nicht“ – Untertitel: „Menschen mit Demenz über die 5 Sprachen der Liebe erreichen.“ Das Buch ist echt berührend geschrieben und enthält manche hilfreiche Tipps für den liebevollen Umgang mit Menschen, die an dementiellen Krankheiten leiden. Dabei wurde besonders auch an die Bedürfnisse der Begleitpersonen gedacht.

Als erstes beschäftigte ich mich intensiv mit den im Buch empfohlenen 5 Sprachen der Liebe:

  1. Lob und Anerkennung
  2. Zweisamkeit
  3. Geschenke
  4. Hilfsbereitschaft
  5. Zärtlichkeit

Jedem dieser fünf Punkte sind je 12 Aussagen zugeordnet. Alles recht plausibel. Nachdem ich die Ausführungen verinnerlicht hatte, wurde mir jedoch klar, dass die für mich wichtigste Sprache der Liebe völlig unbeachtet blieb. Es handelt sich um jene Sprache, welche meine Ehefrau mit Vorliebe benützte – und die ich mit der Zeit bei ihr gelernt habe. In dieser Sprache kommunizierten wir in ganz besonderen Augenblicken.

Ja, es waren stets besondere Augenblicke, wenn sich meine Liebste ganz nah an mein Herz kuschelte und flüsterte: „Ich möchte so gern wieder mal einen Blick in dein Herz tun dürfen.“ Dies hat sich im Verlauf unseres Ehelebens ganz natürlich entwickelt und vertieft. Vor allem in der ersten Phase ihrer Erkrankung, als meine Frau die sich abzeichnenden Veränderungen realisierte und darunter litt, hat sie diese Art der Kommunikation intensiviert. Und noch, als die Krankheit schon fortgeschritten war, bezeugte sie mir oft: „Das hat mir jetzt gut getan, dass ich wieder in dein Herz schauen durfte.“

Das wesentliche Merkmal dieser Sprache der Liebe ist ihre Ausrichtung von sich selbst weg auf die andere Person. Es ist ein grundsätzlicher Unterschied, ob ich glücklich bin, weil die andere Person sich für mich interessiert, mich beschenkt, mir zuhört, mich versteht, oder ob ich glücklich bin, wenn die andere Person ihr Herz öffnet und mir damit die Möglichkeit schenkt, diesen geheimen Garten zu betreten und am Innenleben des Partners Teil zu haben.

Wenn ich hier für Offenherzigkeit eine Lanze breche, möchte ich richtig verstanden werden. Was ich anspreche, hat nichts, aber auch gar nichts zu tun mit oberflächlicher und gedankenloser Redseligkeit, wie etwa das Sprichwort warnt: „Narren tragen ihr Herz auf der Zunge, und das kann im normalen Alltagsleben gleichermassen dumm wie gefährlich sein.“

Es setzt ein tiefes Vertrauensverhältnis voraus und verlangt von beiden Seiten her grossen Respekt für den Privatbereich des anderen, wenn dem geliebten Menschen ein Blick ins eigene Herz gewährt wird. Und es braucht eine bewusste Entscheidung, welche die Risiken einer so weitgehenden Offenheit akzeptiert. Offenheit kann sehr leicht missbraucht werden, denn mit Offenheit zeigt man sich selbst verletzbar. Wenn es jedoch gelingt, ein so tiefes Vertrauensverhältnis aufzubauen, dass gegenüber dem geliebten Menschen die letzten Schranken fallen dürfen, wird man mit kostbaren Früchten der Liebe belohnt.

Unsere offene Umgangsweise gründete in einer bewussten Entscheidung. Während der Verlobungszeit legten wir ein Bild mit zwei sich aneinander schmiegenden Bergkristallen in den gemeinsamen Ordner ab und versprachen uns gegenseitig, dass wir füreinander stets so transparent sein wollen wie die abgebildeten Kristalle. Es hat dann Zeit gebraucht, viel Zeit, viele Gespräche und viel Vergebung. Was aber herangereift ist, stellt alle aufgewendete Mühe weit in den Schatten.

Wenn ich hier so ungeschützt aus unserem Eheleben berichte, tue ich dies nicht gedankenlos. Das Augenmerk der Leser soll auf etwas noch viel Grösseres und Wichtigeres gelenkt werden, denn was wir in der Ehe erleben durften, ist nur ein kleines Abbild von dem unermesslichen Beziehungsreichtum, den unser Gott uns zueignen möchte. Er will uns im wahrsten Sinne des Wortes Anteil schenken an dem, was in seinem Herzen ist. Er will uns ein Fenster zu seiner Persönlichkeit öffnen.

Eine Persönlichkeit lässt sich nicht wissenschaftlich erforschen. Wer es doch versuchen würde, käme zu einem toten, statistischen Resultat und nicht zu der lebendigen Wirklichkeit. Wenn dies schon für irdische Persönlichkeiten gilt, wie viel mehr trifft es für Gott zu, der kein Mensch ist, sondern unendlich viel höher und grösser. Wie wollten wir den Wahrhaftigen, Lebendigen und Ewigen erforschen, den wir mit unseren 5 Sinnen nicht wahrnehmen und mit unserem begrenzten Verstand nicht ausdenken können?

Der einzige Weg, um eine Persönlichkeit wirklich kennen zu lernen, führt über die Selbstoffenbarung. Und genau das hat Gott getan. Schon in der Zeit des Alten Bundes offenbarte Er sich den vielen Menschen, die uns im Glauben vorangegangen sind. Sie alle waren mit Gott unterwegs und durften etwas von seinem Wesen, von seinen Gedanken, von seinen Empfindungen, von seiner Macht und Herrlichkeit erkennen. Und sie haben es uns in der Bibel mitgeteilt. Somit ist die Bibel ein Fenster, durch das wir Gott sehen und kennenlernen dürfen. Ist uns dieses gewaltige Vorrecht bewusst, wenn wir die Bibel aufschlagen? Benützen wir es auch gebührend und mit dankbarem Herzen? Ist uns bewusst, dass jedes Mal, wenn wir durch dieses Fenster in das Wesen Gottes hineinschauen, zugleich eine Veränderung an uns selbst geschieht? Dass wir nämlich von diesem Wesen Gottes mehr und mehr geprägt werden?

Nun haben wir das grosse Vorrecht, dass wir in der Zeit des Neuen Bundes leben dürfen. Weil Gott so unbegreiflich gross ist, wir aber so klein und begrenzt, trieb Ihn seine unergründbare Liebe dazu, dass Er sich selbst ganz klein und für uns Menschen gewöhnlich machte. Er kam als Neugeborenes, als Wickelkind in diese Welt hinein. Der Schöpfer des Universums machte sich abhängig von der Pflege einer stillenden Mutter und dem Schutz eines Pflegevaters. Er hat alle Phasen des praktischen Lebens genau wie wir durchlaufen. In Jesus war Gott zum Anfassen mitten unter uns. Was für ein weit geöffnetes Fenster, um die Wirklichkeit der Liebe Gottes kennen zu lernen!

Dann kam die Zeit seines öffentlichen Wirkens. Das war nicht einfach eine Anhäufung guter Taten, sondern ein weit geöffnetes Fenster in den Himmel. In diesen Taten wurden der Wille und die Gedanken des himmlischen Vaters praktisch sichtbar. Jesus sagte (Johannes 5,19): „Der Sohn kann nichts von sich selbst aus tun; Er tut nur, was Er den Vater tun sieht. Was immer der Vater tut, das tut auch der Sohn.“ Seinem Nachfolger Philippus sagte Jesus (Johannes 14,9): „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du da sagen: Zeig uns den Vater?“ So hat sich der unsichtbare Gott für uns Menschen ganz praktisch erkennbar und erfahrbar gemacht.

Der Weg des Gottessohnes führte schliesslich ans Kreuz. Jesus ist Gottes Lamm, das durch seinen Kreuzestod die Sünde der Welt wegnehmen sollte. Aber wie kam es dazu, dass Er sein Leben am Kreuz beendete? Er hat in seinen Worten, mit seinen Taten und mit seinem ganzen Leben den Vater offenbart. Er war ein weit geöffnetes Fenster, durch welches die Menschen das Herz des Vaters kennen lernen sollten. Wer sich so öffnet, macht sich verletzbar. Genau das ist eingetroffen. Seine wunderbaren Reden über die Liebe des Vaters, über die Stellung und die Sendung des Sohnes sind böswillig umgedeutet worden. Von Neid angetrieben wurden sie als Indizien für seine Verurteilung missbraucht.  Aber der tödliche Hass der religiösen Elite musste letztlich dazu dienen, dass sich Gottes Wille erfüllte.

Was sich an jenem Karfreitag ereignete, war grausam. Können wir die Berichte in den Evangelien lesen, ohne dass uns die Tränen kommen? Es ist Offenbarung der Liebe Gottes, die nicht will, dass jemand verloren gehe. Um uns zu retten, vollzog der Vater das Gericht, das wir mit unserer Schuld verdient haben, stellvertretend an seinem Sohn. So offenbart das Kreuz von Golgatha den Abgrund unserer Sünde und gleichzeitig die unermessliche Retterliebe Gottes.

Wie viel Wertschätzung bringt uns Gott entgegen: Wir dürfen bei allem, was am Kreuz geschah, durch dieses offene Fenster hinein schauen in Gottes liebendes Herz! Wie oft benützen wir dieses Fenster? Und wie reagieren wir darauf? Die einzig angemessene Antwort lautet: Anbetung! (Z.B. Offenbarung 1,5-6): „Ihm, der uns liebt und uns durch sein Blut von unseren Sünden erlöst hat, Ihm, der uns zu Mitherrschern in seinem Reich und zu Priestern für seinen Gott und Vater gemacht hat, Ihm gebührt die Ehre und die Macht für immer und ewig. Amen.“

Beim Anbeten dürfen wir unserem Herrn ganz einfach sagen, was seine Liebe für uns bedeutet und was wir empfinden, wenn wir durch das Fenster seiner Selbstoffenbarung in sein Herz hineinschauen. Das macht Ihm Freude.

Eine Liebesbeziehung hat stets zwei Seiten. So möchte unser Herr auch einen Blick in unser Herz werfen. Natürlich ist Ihm alles im Voraus bewusst, und Er kennt unsere Gedanken noch viel besser als wir selbst. Aber in diesem Fall will Er nicht auf sein Vorwissen zurück greifen. Es geht Ihm um Gemeinschaftspflege. Darum erwartet Er, dass auch ich mein Herz Ihm gegenüber öffne und Ihm sage, wie es hier drinnen aussieht. Dass ich das Schöne, Erhabene, Liebenswürdige anspreche, aber auch das weniger Schöne, ja das Notvolle und Unerledigte erwähne. Einfach alles – und alles ganz ehrlich.

Gehört diese Sprache der Liebe zu unserem Alltag? Eines ist sicher: Je mehr wir das offene Fenster benützen und uns Zeit nehmen, um in Gottes liebendes Herz zu schauen, und je mehr wir unser Fenster öffnen und unseren Herrn in unser eigenes Herz hinein schauen lassen, desto mehr wird sich unser Leben verändern. Denn die Herrlichkeit, die wir in Gottes Herzen erkennen, wird als Herrlichkeit aus unserem Leben strahlen.

Eine Antwort auf „5+1 Sprachen der Liebe“

  1. Lieber Heini, vielen, vielen herzlichen Dank für diese kostbaren Zeilen! Beim Lesen flossen mir die Tränen über meine Wangen. So etwas habe ich noch nie gehört oder gelesen! Was für ein tiefes und wunderbares Verhältnis hattet und habt ihr, Rosmarie und du! Es hat mich zutiefst berührt und meine Liebe zu Traudel hinterfragt. Ich hab noch viel zu lernen und es hat mir gezeigt, wo ich stehe.
    Danke für deine Offenheit!
    Möge das, was du schriftlich anderen zum Lesen mitteilst noch für viele zum großen Segen werden!
    In herzlicher Verbundenheit
    Andreas Klinner

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