Heute hörte ich eine Predigt, die
mich noch während einiger Zeit beschäftigte. Es ging um das Gleichnis von der bittenden Witwe und dem ungerechten Richter in Lukas 18,1-8. Das Gleichnis ist eine Ermunterung zum beharrlichen Beten. Ich freute mich sehr über die sorgfältige Auslegung des Textes und den klaren Hinweis, dass beharrliches Gebet nicht dazu dienen kann, den Willen Gottes zu manipulieren. Die Ausführungen mündeten in den Gedanken, dass das Gebet vor allem auch eine Rückwirkung auf den Betenden habe, wie dies im „Unser-Vater“ Gebet deutlich zum Ausdruck komme: „…vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben …“
Das Unser-Vater verlangt also von uns eine Handlungsweise, welche unserer Bitte entspricht. Unser Handeln entspringt jedoch dem Denken. Somit will Gott, wenn wir zu Ihm beten, unser Denken verändern und erneuern. Bei diesem Gedanken standen gleich zwei sprechende Beispiele aus der Bibel vor mir.
Das erste Beispiel
Das erste ist das Gebet der Hanna in 1Samuel 1. In den ersten drei Versen wird ganz kurz in den Hintergrund der Geschichte eingeführt: „Es war ein Mann von Ramatajim-Zofim, vom Gebirge Ephraim, der hiess Elkana … er hatte zwei Frauen; die eine hiess Hanna, die andere Peninna. Peninna aber hatte Kinder und Hanna hatte keine Kinder. Dieser Mann ging jährlich hinauf von seiner Stadt, um anzubeten und dem HERRN Zebaoth zu opfern in Silo.“
Aus dem Zusammenhang der drei Verse kann leicht der Grund gefunden werden, weshalb dieser sonst fromme und gesetzestreue Mann die Polygamie wählte. Seine Frau Hanna war unfruchtbar. Und weil es damals so enorm wichtig war, einen Stammhalter zu haben, heiratete er die Peninna. Und es funktionierte.
Eine solche Handlungsweise war in Israel zur Zeit des Alten Bundes nicht ausdrücklich verboten. Trotzdem ist die Ehe nicht für eine Dreierbeziehung vorgesehen. Elkana missachtete eine Schöpfungsordnung und erlebte in seiner Familie unausweichlich die Folgen seines Handelns. Es war dauernd Streit im Hause. Mit seinen menschlich überlegten Massnahmen hatte Elkana das Problem der Kinderlosigkeit gelöst, dafür ein schwereres Problem eingehandelt. Und wie in solchen Fällen üblich, hat das schwächste Glied in der Kette am meisten zu leiden.
Jahr um Jahr spielte sich die gleiche Tragödie ab. Wenn die Familie zum Opferfest nach Silo zog, nutzte Peninna die Gelegenheit, ihre Konkurrentin mit verletzenden Worten zu reizen und zu kränken. So hatte Hanna in dreifacher Weise ein schweres Los zu tragen.
- Weil Hanna keine Kinder zu Welt brachte, heiratete ihr Mann eine zweite Frau, mit welcher sie nun die Ehe teilen musste.
- Eine kinderlose Frau war stigmatisiert, weil die Kinderlosigkeit als Strafe Gottes für begangene Sünden betrachtet wurde.
- Hanna wurde von ihrer Nebenbuhlerin gedemütigt und konnte sich nicht wehren, weil die Tatsache der Kinderlosigkeit gegen sie sprach.
Im weiteren Text lernen wir Hanna als eine Frau mit einer tiefen Gottesbeziehung kennen. Daraus lässt sich schliessen, dass sie eine Beterin war. Zudem trieben die schwierigen Umstände sie zum Gebet an. Vermutlich betete sie schon in der Anfangszeit der Ehe, als sich keine Kinder einstellen wollten. Dann erlebte sie die tiefste Erniedrigung ihres Lebens, als ihr Mann eine zweite Frau heiratete. Auch das hatte sie im Gebet zu verarbeiten. Und schliesslich folgten die Jahre, in denen Peninna ihre Kinder gebar und aufzog. Alles zusammen ergibt eine lange, sehr lange Zeit des intensiven Gebets. Aus menschlicher Sicht wäre es doch jetzt dringend nötig gewesen, dass Gott ihre Bitte um Nachwuchs erhört hätte, um sie zu rehabilitieren. Aber Gott hörte nicht. Scheinbar.
Nur scheinbar, denn in dieser Zeit bewirke das anhaltende Gebet Hannas eine Änderung in ihrem Denken.
Diesmal geht sie in die Nähe des Tempels (das war damals nicht der spätere massive Tempelbau, sondern das heilige Zelt resp. die „Stiftshütte“). In den Versen 10-11 hören wir von Hannas Gebet: „Sie war von Herzen betrübt und betete zum HERRN und weinte sehr und gelobte ein Gelübde und sprach: HERR Zebaoth, wirst Du das Elend deiner Magd ansehen und an mich gedenken und deiner Magd nicht vergessen und wirst Du deiner Magd einen Sohn geben, so will ich ihn dem HERRN geben sein Leben lang.“
Was hat sich verändert? Sie bittet nicht mehr um einen Sohn, um sich zu rechtfertigen gegenüber ihrer Widersacherin und allen, die schlecht über sie denken und reden. Jetzt möchte sie einen Sohn haben, um ihn dem HERRN geben zu können. Gott ist ihr in der langen Leidenszeit so gross und wichtig geworden, dass sie Ihn auszeichnen möchte, indem sie bereit ist, Ihm das Beste zu geben, den Sohn, auf welchen sie so viele Jahre gewartet hatte. Diese kostbare Frucht des Glaubens, wiegt die Jahre des scheinbar vergeblichen Wartens bei weitem auf.
Das zweite Beispiel
Unser zweites Beispiel steht im Neuen Testament. Interessanterweise geht es auch hier um das Problem der Kinderlosigkeit. In Lukas 1,5-7 hören wir vom Priester Zacharias und seiner Frau Elisabeth, die beide sehr alt und kinderlos waren. Die beiden hatten vermutlich auch während vielen Jahren beharrlich um ein Kind gebetet. Während nun Zacharias im Tempel das Räucheropfer darbringt, hat er eine Engelerscheinung (Vers 13): „Aber der Engel sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört, und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Johannes geben …“
Was für ein grossartiger Augenblick, wenn Gott extra einen Boten vom Himmel sendet, um die Gebetserhörung anzukündigen! Aber war dies zu unvermittelt? Oder hatten die beiden frommen alten Leute gar aufgehört, um ein Kind zu beten, weil sie ja ohnehin zu alt waren? Jedenfalls stehen in diesem Augenblick für Zacharias die Probleme übergross vor ihm, so dass er die gute Nachricht gar nicht fassen kann (Vers 18): „Zacharias sprach zu dem Engel: Woran soll ich das erkennen? Denn ich bin alt und meine Frau ist hochbetagt.“
Kennen wir solche Situationen? Man betet über eine lange Zeit hinweg und erlebt scheinbar keine Erhörung. Wenn uns dann Gott überrascht und die Erhörung doch eintritt, wird man sich bewusst, dass man im Grunde die Erhörung gar nicht mehr wirklich erwartet hatte.
Für Zacharias gab es Konsequenzen, weil er die vom Engel überbrachte Nachricht nicht wagte anzunehmen. Bis zur Geburt seines Sohnes blieb er sprachlos. Das waren mindestens 9 Monate, ohne ein Wort sagen zu können. In dieser Zeit vollzog sich bei Zacharias eine Veränderung. Bei der Namensgebung seines Sohnes wird sein Mund wieder geöffnet und er lobt Gott und redet prophetisch vom Auftrag seines Sohnes Johannes und dem Erscheinen des erwarteten Messias (Verse 67-79). Jetzt steht nicht mehr sein Wunsch im Zentrum, einen Sohn als Stammhalter zu haben. Gott hat ihm und seiner Frau etwas unvergleichlich Grösseres gegeben. Sie durften Eltern des Johannes des Täufers werden, der vor Jesus hergeht und dessen Weg vorbereitet.
Zusammenfassung
Gebet verändert unsere Denkrichtung. Der Blick wird von den eigenen Problemen weg gelenkt und auf Gottes grosse Gedanken und Ziele ausgerichtet. Bei Hanna geschah dies im Schmelztiegel des jahrelangen Leidens. Ihr Glaube ist im Ausharren gereift. Bei Zacharias scheint der erwartende Glaube nach der langen erfolglosen Wartezeit abgenommen zu haben. Aber die Veränderung und die Neuausrichtung auf Gottes Absichten und Gedanken wurden bei ihm „nachgeliefert“. So oder so – dranbleiben im Gebet lohnt sich auf jeden Fall, erfordert von uns jedoch die Bereitschaft, von eigenen Wünschen weg geführt zu werden, damit Gott unser Leben zusammen mit seiner Erhörung in sein grosses Konzept einbauen kann. Denn was Gott an uns tut, ist wichtiger als das, was Er für uns tut. In diesem Sinn ist Gebet wie ein Bumerang.
