Verstand, Wille, Gefühl, welch kostbare Gaben Gottes! Eine Dreierseilschaft, die zu wunderbaren Kompositionen des Lebens begabt ist. Und wenn der richtige Führer vorangeht, erreicht die Seilschaft auch durch anstrengende Wegstrecken das Ziel. Wille und Gefühl anvertrauen sich der Führung des Verstandes. Zumindest in der Regel. Doch kennen wir auch die Augenblicke, in welchen diese gute Regel durchbrochen wird?
Den Psalmsängern, den Söhnen Korachs, waren solche Erfahrungen nicht unbekannt. In Ps 42,7 schrieben sie: „Mein Gott, aufgelöst ist meine Seele in mir.“
Bisher besuchte ich meine schwerkranke Ehefrau zweimal pro Woche im Pflegeheim. Natürlich belastet mich nicht nur die Reise, sondern auch der Besuch an und für sich. Es schneidet jedes Mal in die Seele, wenn ich meine Geliebte in ihrer weit fortgeschrittenen Hilflosigkeit sehen muss.
Ganz bewusst sagt dann mein Verstand: Schau auf das, was noch vorhanden ist, was noch funktioniert. Es gibt so viele kleine und kleinste Dinge, über die du dich freuen kannst. Nimm es mit offenen Augen auf und danke Gott für alles, was einmal war und was noch da ist!
So ist es immer wieder ein besonderer Augenblick, wenn ich eintrete und miterleben kann, wie sich das Gesicht meiner lieben Rosmarie aufhellt und ihre Augen zu leuchten beginnen, sobald sie mich wahrnimmt. Der Herzenskontakt ist noch vorhanden – und was will ich mehr?
Bei meinem letzten Besuch (8.06.2018) war es anders. Ich trat ins Zimmer, wo Rosmarie wach im Bett lag. Keinerlei Reaktion. Ich zeigte mich nahe vor ihrem Gesicht. Sie schaute mich an und doch nicht, irgendwie schaute sie durch mich hindurch. Ein Kuss blieb ohne Widerhall, löste einfach nichts aus. Nun versuchte sie, sich aufzusetzen. Deshalb öffnete ich den Reissverschluss, setzte sie auf und befreite ihre Arme aus dem Leintuch. Kaum war dies erledigt, schlief sie plötzlich mit geöffneten Augen ein. So legte ich sie hin und wartete, bis sie von selbst wieder erwachte.
Nun stellte ich den Rollstuhl bereit und setzte Rosmarie an den Bettrand. An ein Aufstehen war nicht zu denken. Keine Kraft in den Beinen. Erst mit Hilfe zweier Pflegepersonen war der Transfer auf den Rollstuhl möglich. Anschliessend ging ich mit meiner Gemahlin im Garten spazieren. Die frische Luft tat ihr gut, aber noch immer war keine Kontaktnahme möglich.
Mittlerweile war es Zeit für den wöchentlichen Hausgottesdienst. Wir sassen bereits am grossen runden Tisch. Da fing meine Gattin an zu weinen und liess sich auf keine Weise mehr trösten. So verabschiedete ich mich und ging mit meiner Liebsten aufs Zimmer. Erneut versuchte ich, in Kontakt zu treten. Vergeblich. Nur dieser charakteristische „Nirgendwohinblick“ in die Ferne. Da ich selbst sehr verunsichert war, stellte ich jetzt ganz konkret die Frage: „Rosmarie, weisst du, wer ich bin?“ Sie schaute mich an und sagte: „Nein“.
Ein Nein, wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich wusste ja schon lange, dass dies kommen wird. Und ich habe ganz konkret mit dieser Entwicklung gerechnet. Trotzdem ist die praktische Erfahrung nochmals ein anderes Kaliber.
Zu Hause angekommen brauchte ich zuerst einige Momente, um das Erlebte am richtigen Ort abzuladen und wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Wenn wir in früheren Zeiten schmerzliche Ereignisse verarbeiten mussten, konnten wir uns gegenseitig unterstützen. Rosmarie verstand es immer wunderbar, die Funktion als Trösterin auszuüben. Jetzt, wo ich sie so dringend gebraucht hätte, war ich allein.
Zum ersten Mal habe ich mich tief einsam gefühlt. Alle verstandesmässigen Überlegungen und alles mir selbst Zureden halfen nichts mehr. Das Gefühl rebellierte – jetzt brauchte ich ein Päckchen Taschentücher. Ja, das war echt Psalm 42,7: „…aufgelöst ist meine Seele in mir.“ Aufgelöst war, bildlich gesprochen, die Ordnung in der „Dreierseilschaft“.
Das zitierte Psalmwort hat jedoch eine befreiende Fortsetzung: „…darum denke ich an dich.“
Das Einzige, was mir deshalb in dieser Not sinnvoll schien: Ich ging zu meinem Herrn im himmlischen Heiligtum und sagte Ihm mit wenig Worten, aber eins zu eins, wie es um mich steht. In diesen Augenblicken fühlte ich mich wirklich in seine Arme genommen und begriff: Er weiss, was Einsamkeit bedeutet. In seiner schwersten Stunde, in seinem Gebetskampf im Garten Gethsemane, schliefen seine Jünger. Und als Er dort verhaftet wurde, verliessen sie Ihn alle. Allein ging Er den Weg zum Verhör, zur Folterung, zur Verurteilung, zum Kreuz. Und am Kreuz war Er auch von Gott verlassen.
Er, der in seiner schwersten Stunde allein gelassen wurde, versteht mich. Und Er lässt mich nicht allein! Er selbst hat es ja versprochen (Mt 28,20): „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Weltzeit.“ Erfahren lässt sich die Wirklichkeit und Zuverlässigkeit dieser Zusage allerdings nur auf dem Hintergrund der Einsamkeit, wenn diese hautnah an uns herankommt.
In den gegenwärtigen Herausforderungen wird mir mehr und mehr bewusst, welch grosser Segen darin liegt, wenn im erzwungenen Alleinsein die Gegenwart Gottes und der Trost des Heiligen Geistes den ihnen zustehenden Raum bekommen und das Fehlen der menschlichen Trösterin mehr als nur wettmachen.

Danke für Deine Offenheit ,
Dein persönliches Leid und zugleich Ermutigung für uns.
Danke für das Teilen dieses unfassbar tiefen Schmerzes, von Rosmaries Hinweggleiten ins trennende Unbewusste; und von der tiefen Christus- Erfahrung, dessen Tröstung Wahrheit, Kraft und Leben ist.
Eine Ermutigung für alle, die an diesem Zeugnis Teilhaben dürfen.