Geben und empfangen als Beziehungsgrundlage

Ist doch logisch – ein längst bekannter Grundsatz! Bis die praktische Situation zum Aha-Erlebnis führt. Und plötzlich wird es spannend.
27.11.2017. Zweimal pro Woche besuche ich meine Ehefrau im Pflegeheim. 2 Stunden Hin- und 2 Stunden Rückfahrt. Mit ÖV. Meine Frau ist es wert, dass ich einiges auf mich nehme, um ihr meine Anteilnahme an ihrem schweren Leidensweg zu zeigen.
Es ist ein besonderes Privileg, dass meine liebe Gattin einen Platz im „Haus Fuhrenmatte“ erhalten hat. Ein kleines und überaus schön eingerichtetes Wohnheim speziell für Menschen mit „Hirnleistungsstörungen“. Christliches Umfeld, hohe Fachkompetenz, ein sehr freundlicher Umgangston, welcher von Wertschätzung bestimmt ist gegenüber den Patienten und deren Angehörigen. Alles optimal. Trotz allem bleibt für die meisten Patienten die abgrundtiefe Leere, die sie oft wie Meereswellen überrollt.
Meine Frau braucht Gemeinschaft. Es ist das Einzige, das ich ihr noch geben kann, und das will ich ihr während der zwei Stunden meines Besuchs schenken. Die Beziehung ist schon längst einseitig geworden. Ich bin ja noch fit, bin noch mobil, kann noch denken und organisieren, und, und … Also ist es an mir, zu geben. Ich muss Stärke zeigen, denn erwarten kann ich von meiner Liebsten ohnehin nichts mehr.
Dann, nach der Begrüssung die erste verständliche Frage: „Vermissisch du mich nöd?“ (Vermisst du mich nicht?) Wouw! Volltreffer! Sie sieht mich in der Rolle des Bedürftigen. Und ob ich es wahr haben will, oder nicht – sie hat recht.
Es ist ein wunderschöner Nachmittag. Die Sonne scheint. So ist es draussen trotz Kälte angenehm. Ich ziehe meiner Gattin die Jacke über und schiebe den Rollstuhl durch die Parkanlage. Tief durchatmen. Zwischendurch mal anhalten „für es Müntschi“ (Küsschen). Da schaut meine Liebste ganz verklärt zu mir auf und sagt betont: „So glücklich bini scho lang nümm gsi. Das isch wie Hochsig.“ (So glücklich war ich schon lange nicht mehr. Das ist wie Hochzeit.) Und ich merke: Gerade habe ich etwas sehr, sehr Kostbares empfangen. Von einem Menschen mit Hirnleistungsstörung.
Ich trete den Heimweg an und fühle mich wieder im Gleichgewicht: Gemeinschaft beruht auf Geben und Empfangen.

 

Eine Antwort auf „Geben und empfangen als Beziehungsgrundlage“

  1. Lieber Heini
    Deine Zeilen haben mich tief bewegt. Erst noch haben wir dich und deine Frau beim Spazieren und auch bei der Kirche in Beatenberg begegnet. Und jetzt ist plötzlich alles ganz anders.
    Das Gespräch kürzlich im Altersheim war sehr interessant. Darum habe ich nun deinem Blog besucht. Ich wünsche dir eine schöne Zeit!

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