Ein übergeordnetes Ziel

Gestern lud die goldne Abendsonne zu einem erfrischenden Spaziergang ein. Also zog ich mich entsprechend an und war in Gedanken schon halb weg. Doch bevor ich die Wohnung verlasse, muss ich den Schlüsselbund mitnehmen, will ich mich nicht selbst aussperren. Ich öffne die Schublade. Kein Schlüssel. „HERR, ich kann nicht ohne Schlüssel weggehen, wo ist er?“ Keine Antwort.

Ich suche in den Hosentaschen, Windjacketaschen, im Rucksack, auf dem Bürotisch, Esstisch, im Schlafbereich, im Musikbereich, im Duschraum, in Schränken, in Schubladen – stets mit der Bitte: „HERR, Du siehst doch den Schlüssel, bitte zeig ihn mir!“

Es ist total ungewohnt. In ähnlichen Situationen erlebte ich, dass Gott unmittelbar eingriff, wenn ich Ihm mein Problem sagte. Meine altersbedingten Defizite wurden von meinem fürsorglichen himmlischen Vater stets vollkommen abgedeckt. Jetzt ist Funkstille. Und mit dem langen Suchen habe ich viel Zeit verloren.

Für einen Spaziergang reicht es jetzt nicht mehr. O.K. sage ich mir, zur rechten Zeit wird mir Gott den Schlüssel wieder geben. Ich öffne die Schublade, um die Sonnenbrille zurück zu legen – und sehe den Schlüsselbund! Er war hinter das Körbchen gerutscht, in welchem er seinen Platz hätte. So war er nicht ohne weiteres zu sehen. „Danke HERR!“

Weil der Spaziergang ausfällt, setze ich mich ans E-Piano für die tägliche Zeit mit Singen. Da klingelt die Hausglocke. Mein Sohn steht da – mit wichtigen Mitteilungen. Wir hatten eine gute Zeit des Gesprächs. Und langsam dämmert es mir.
Ich beginne zu begreifen: Gott verfolgte ein übergeordnetes Ziel, als Er mir trotz anhaltendem Gebet den Schlüssel nicht zeigte. Hätte ich nämlich den Schlüssel sofort gefunden, wäre mein Sohn vergeblich bei mir vorbei gekommen. Jenes wichtige Gespräch hätte nicht stattgefunden.

Vertrauen darf also nicht bei den eigenen Vorstellungen und Wünschen stehen bleiben, sondern lässt Raum frei für Gottes übergeordnetes Ziel.

Und nicht zuletzt galt Gottes übergeordnetes Ziel auch meinem Gesundheitszustand. Ich wurde ja anfangs Woche (schon wieder) operiert und bin erst seit zwei Tagen zu Hause. Ich sollte mich nicht aus lauter Ungeduld mit einem längeren Spaziergang überfordern, sondern sachte wieder aufbauen, denn der Körper ist ein wertvolles, von Gott anvertrautes Gut. – Es ist und bleibt so: Gott weiss es besser, und Er macht stets Massarbeit.

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