Darf es mir gut gehen?

Darf es mir gut gehen?

Seit dem Hinschied meiner lieben Gattin erlebe ich berührend viel Teilnahme. Fast regelmässig wird mir dabei auch die Frage gestellt: «Wie geht es dir?» Meist stelle ich im Tonfall dieser Frage eine ehrliche, warmherzige Anteilnahme fest.

Auf meine Antwort «Gut» reagieren die Fragesteller jedoch auf drei verschiedene Weisen: Die einen freuen sich von Herzen, dass es mir trotz des Verlusts gut geht. Andere nehmen die Antwort zur Kenntnis und sind zufrieden. Schliesslich gibt es die dritte Gruppe. Und hier verraten die fragenden Gesichtszüge, dass meinen Worten wohl nicht ganz zu trauen ist – so etwa als würde ich aus lauter Höflichkeit ‹gut› sagen. Vielleicht schwingt im Hinterkopf auch der Gedanke mit: «Wenn er ehrlich antworten würde, könnte er nicht ‹gut› sagen. Vielleicht verdrängt er die Trauer und wird später von ihr eingeholt.»

Bei solchen Reaktionen frage ich mich selbst, ob vielleicht bei mir etwas nicht stimme. Ob ich womöglich eine Regel breche, oder ob ich ein schlechtes Gewissen haben müsste, weil es mir gut geht. Deshalb fing ich an zu sagen: «Es geht mir besser, als ich erwarten dürfte.» Mit dieser Formulierung kann dann mein Gegenüber selbst entscheiden, wo sie oder er mich auf der Skala des Wohlbefindens einordnen möchte.

Im Blick auf solche Begegnungen muss ich mich der Frage stellen: Darf es mir angesichts meiner Situation gut gehen? Ist es in Ordnung? In ganz ähnlichem Sinn stehen wir alle vor der Frage: Ist es richtig, dass es uns im Westen so gut geht –

  • während in Syrien und Libyen totales Chaos und Elend herrscht, –
  • während in der Sahelzone christliche Dörfer überfallen und die Bewohner grausam massakriert werden, –
  • während ein ansehnlicher Teil der Weltbevölkerung nicht über das Allernotwendigste zum Leben verfügt.

Müssen wir ein schlechtes Gewissen haben, weil es uns gut geht? Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Natürlich hängt unser Wohlstand auch ein Stück weit damit zusammen, dass die Mächtigen der Industrieländer arme Entwicklungsländer ausbeuten. Natürlich stehen wir auch in der Verantwortung, dass wir da wo es möglich ist, unsere Stimme erheben und Unrecht beim Namen nennen.

Trotzdem dürfen wir uns wegen unseres Wohlstands kein schlechtes Gewissen unterschieben lassen. Dass es uns gut geht, ist Gottes Gabe. Eine Gabe ist nicht verdient. Sie hat nichts damit zu tun, dass wir besser wären. Sie ist geschenkt. Darum sollen wir Gott täglich danke sagen, dass wir seine Güte in einem so grossen Mass erleben. Und wir sollen mit denen teilen, welche sich keines solchen Vorrechts erfreuen können. So dürfen wir mit Freude und mit gutem Gewissen Gottes Gabe geniessen und Ihm dafür danken. Dadurch wird Gott geehrt.

In diesem Sinne habe auch ich keinen Grund, irgendwelche Skrupel zu haben, weil es mir trotz des Verlusts gut geht. Ich nehme es dankbar aus Gottes Hand an. Natürlich schmerzt es, dass der liebste Mensch endgültig von mir getrennt ist, dass ich ihre Stimme nicht mehr höre, ihre strahlenden Augen nicht mehr sehe, ihre Wärme nicht mehr fühle. Für immer. Natürlich hat der Verbrauch von Taschentüchern zugenommen. Aber nicht nur wegen des Schmerzes, sondern ebenso wegen den Freudentränen. Vielleicht klingt dies komisch oder übertrieben. Aber nein, es ist nicht übertrieben. Ich will es erklären.

Im zweiten Korintherbrief erwähnt Paulus die in der Provinz Asia erlebten enorm belastenden Erfahrungen. In diesem Zusammenhang schreibt er (2Kor 1,3 nach NGÜ): «Gepriesen sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus! Denn Er ist ein Vater, der sich erbarmt, und ein Gott, der auf jede erdenkliche Weise tröstet und ermutigt.»

Etwas weiter im Text (Vers 8-9) beschreibt er jene überaus schwere Bedrängnis, welche sie in Asia durchzustehen hatten. Die Situation war so hart, dass er es so ausdrückt: «…wir verzweifelten sogar am Leben …» Mit anderen Worten: Paulus und seine Mitarbeiter hatten nur noch den Tod vor Augen. Und genau dies war der Hintergrund, vor welchem sie Gottes Trost erlebten.

Was Trost ist, lässt sich ausschliesslich in der Bedrängnis erleben.
Dabei gilt:
Je härter die Bedrängnis, desto wichtiger wird der Trost
und desto kraftvoller wird er erlebt.

Was will ich damit sagen? Bedrängnis erlebe ich auch, allerdings nicht so, dass ich am Leben verzweifeln müsste, wie Paulus es schreibt. Trotzdem ist meine Situation eine perfekte Voraussetzung, um Gottes Trost ganz praktisch und in all seinen Details zu erleben. Um dies besser verständlich zu machen, kehre ich nochmals zu Vers 3 zurück, diesmal jedoch entsprechend dem griechischen Text nach der Interlinear-Übersetzung:

«Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Erbarmungen und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis …»

Und nun schauen wir uns die einzelnen Teile an:

  • Gepriesen sei …
    Paulus beginnt mit einem Lobpreis. Damit lenkt er die Blickrichtung nach oben. Und in dieser Perspektive sieht alles anders aus. Gott tritt an die erste Stelle. Er ist die alles entscheidende Grösse in meinem Leben. Das Belastende, das weiterhin real da ist, tritt in den Hintergrund. Es verliert an Bedeutung. Es kann nicht mehr erdrücken.
  • Der Gott
    Er ist ‚DER EINE‘ und ausser Ihm gibt es keinen anderen. Von diesem Gott kommt alles Leben. Er ist die Quelle. Das haben Paulus und seine Mitarbeiter in jener harten Bedrängnis in Asia hautnah erlebt (Vers 9b): «…es geschah dazu, dass wir nicht auf uns selbst vertrauten, sondern auf den Gott, der die Toten auferweckt.» Hier geht es um den Kernpunkt des Trostes: Gott ist grösser als die schlimmste Not, Er ist grösser als der letzte Feind, der Tod. Somit kann uns selbst der Tod nichts mehr anhaben, weil Gott uns zum ewigen Leben auferwecken wird. Dieser Trost gilt nicht nur im Blick auf die Zukunft. Auch im ganz praktischen Alltagsleben dürfen wir am Auferstehungsleben unseres Herrn Jesus Christus teilhaben. Und dieser Gott ist mein Gott. Er lässt auch mich immer wieder aufleben.
  • und Vater unseres Herrn Jesus Christus
    Die Evangelien (vor allem das Johannes-Evangelium) schildern eindrücklich die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Gott-Vater und Jesus Christus. Vermutlich gibt es keinen Menschen in dieser Welt, der so viel Ablehnung, Verachtung und Hass erlebte wie Jesus Christus. Trotzdem ging Jesus seinen Weg sicher, ruhig und gelassen, denn Er kannte den Vater – und dieser Vater bewahrte und umsorgte Ihn.
    Der gleiche Vater ist auch mein Vater. Er bewahrt und umsorgt auch mich täglich.
  • der Vater der Erbarmungen
    Diese Formulierung drückt mehr aus als nur ‹mit jemandem Erbarmen haben›. Gott selbst ist die Quelle. Jedes Erbarmen kommt letztlich von Ihm, denn Er ist der eigentliche Erfinder des Erbarmens. Mit meinen Nöten bin ich deshalb bei Ihm an der unübertroffen besten Adresse.
  • Gott allen Trostes
    Weiter oben habe ich bereits dargelegt, was göttlicher Trost bedeutet. Sein Trost besteht nicht einfach aus tröstlichen Worten, sondern gründet in seinem Sein. Es gibt kein Problem, das für Gott zu gross wäre. Nie wird Ihm irgend eine Situation aus dem Ruder laufen.
  • der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis
    Jetzt kommt es zur Aktivität. Es ist nicht so, dass Gott aus der Ferne zuschauen und mir von seiner gesicherten Plattform her tröstliche Worte zurufen würde. Er kommt zu mir in meine Bedrängnis und nimmt sich meiner an. Und nie werden meine Problemchen für Ihn zu unbedeutend sein, weil Er wichtigeres zu tun hätte.

Zusammenfassung:

Trost ist für mich Gottes reale Gegenwart in meinem praktischen Alltag. Mit all dem, was Er ist, was Er hat und was Er kann, ist Er da bei mir. In kleinen wie auch in grossen Dingen darf ich erleben, wer Er ist, wie Er ist und wie freundlich Er mit mir umgeht.

Aus der Erfahrung seiner unmittelbaren Nähe wird der ganze Mensch, Leib, Seele und Geist belebt und erbaut.

Weil dieser Gott mich täglich mit seiner Liebe umgibt, habe ich allen Grund, mich über meinen wunderbaren Herrn zu freuen. Und Freude ist ein wahres Lebenselixier.

Die Freude drückt sich in Dankbarkeit aus. Zum Beispiel dass ich trotz Jahrzehnte langer Fingerarthrose noch auf dem E-Piano begleiten und dazu Loblieder singen kann. Das Gotteslob hebt die Seele empor vor Gottes Thron.

Aus dem Gotteslob empfange ich neue Kraft und kann den Haushalt immer noch ohne fremde Hilfe bewältigen. Dies bringt mir wiederum ein grosses Mass an Lebensqualität.

Gewiss, das Alter hat auch mich eingeholt. Aber das ist kein Grund zum Jammern. Der Gott allen Trostes, hat auch den im Alter unvermeidlichen ‹Rückbau› im Griff. Und entsprechend erlebe ich immer wieder neu, wie Er liebevoll sorgt, wo immer sich meine Defizite zeigen. Das bringt Gelassenheit in den Alltag. Und es hebt mich weg von der Beschäftigung mit dem Gefühl der Leere wegen des Verlusts.

Bei so viel Gutem darf man wohl einige Freudentränen vergiessen.

Wenn es mir nicht gut gehen dürfte, müsste logischerweise etwas nicht stimmen, denn manche Personen haben während der ganzen Zeit von Rosmaries Krankheit nicht nur für sie, sondern auch für mich gebetet. Und seit Rosmaries Abschied trifft dies in noch viel stärkerem Mass zu. Unser Gott lebt, Er nimmt das Gebet seiner Kinder ernst, oft viel ernster als wir selbst.

Wenn es mir heute gut geht, ist dies schlicht Gottes Antwort auf viele Gebete. An dieser Stelle: Ein herzliches Dankeschön allen, die für mich vor Gottes Thron eingestanden sind und es weiterhin tun!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.