Rosmaries Lieblingsverse – ein Vermächtnis

Bild: Hannelore Wüthrich, Aquarell 2019

Zwei Bibelverse, die zum Aha-Erlebnis werden.

Wenn ein Mensch nicht mehr da ist, leben die Erinnerungen auf. In diesem Sinn beschäftigen mich im Moment zwei Verse aus dem 1. Petrusbrief. Rosmarie hat sie in manchen Situationen nicht nur zitiert, sondern auch ganz praktisch danach gehandelt.
Sie war jedoch fest davon überzeugt, dass fast alle deutschen Übersetzungen das richtige Verständnis dieser beiden Verse verhindern. Und wenn das Verstehen auf der Strecke bleibt, fehlt dem Wort logischerweise die Durchschlagskraft. Worum handelt es sich?

Nach der Luther-Übersetzung lauten die beiden Verse 1Petrus 5,6-7: «So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit Er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werft auf Ihn; denn Er sorgt für euch.»

Hier gibt es zwei Sätze. Jeder der beiden Sätze enthält einen Befehl. Es ist nicht ersichtlich, dass die beiden Befehle etwas miteinander zu tun hätten.

Im Grundtext wird jedoch klar, dass es sich nicht um zwei voneinander unabhängige Sätze handelt, sondern um einen einzigen. Und es gibt nicht zwei Imperative (Befehle), sondern nur einen: «Demütigt euch also unter die gewaltige Hand Gottes …» Was in den meisten Übersetzungen als zweiter Befehl formuliert wurde, ist ganz einfach die Anweisung, wie der Befehl auszuführen ist: Wir sollen uns keine Sorgen machen, sondern alle Sorgen auf Ihn werfen. Diesen Sinn trifft die Elberfelder-Übersetzung sehr gut mit der Formulierung: «Demütigt euch unter die gewaltige Hand Gottes … indem ihr alle eure Sorge auf Ihn werft! Denn Er ist besorgt für euch.»

Dass wir uns vor Gott demütigen sollen, dürfte klar sein. Aber warum muss dies in der Weise geschehen, dass wir alle Sorgen auf Ihn werfen?

Erst muss uns klar werden, wie Gott selbst es empfindet, wenn wir Sorgen hegen. Die meisten von uns machen im Alltag ähnliche Erfahrungen. Wir sind mit einem Problem konfrontiert. Sofort wird ein Lösungsweg gesucht und die Sache ist erledigt. Finden wir jedoch keine Lösung, kommt irgend wann der Gedanke, mit der Angelegenheit zu unserem Gott zu gehen. In der Regel erfahren wir dann – oft auf berührende Weise – Gottes liebevolles Eingreifen. Er ist ein Gott, der so gerne hilft.

Manchmal scheint es jedoch, dass unser Gebet ins Leere geht. Man betet intensiver, und es tut sich nichts. Man betet gemeinsam, aber die Erhörung bleibt aus. Und während der ganzen Zeit hat sich das Problem mehr und mehr zugespitzt. Irgend wann halten wir es nicht mehr aus, denn vor uns sehen wir bereits die Katastrophe. Deshalb nehmen wir die Sache selbst in die Hand und suchen sie gewaltsam zu lösen. Und schon sind wir in der Prüfung durchgefallen! Was wir wissen müssen: Der Faktor ‚Zeit‘ ist ein wichtiges Kriterium in der Prüfung. Gott wartet manchmal bewusst so lange, bis keine menschliche Hilfe mehr möglich ist. Denn erst an diesem Punkt zeigt sich, ob wir Ihm wirklich vertrauen, ob wir Ihn als den über alles erhabenen Gott ernst nehmen.

Wo war Gott in der Zeit seines Schweigens? Er war die ganze Zeit über da. Er ist noch nie auch nur einen Augenblick zu spät gekommen. Aber wie gehen wir in solchen Situationen mit Ihm um? Wir neigen dazu, Ihn in unsere Alltagsprobleme einzubeziehen, solange wir Ihm zutrauen, dass Er helfen kann und helfen wird. Wenn es jedoch sehr schwierig wird, nehmen wir plötzlich die Sache selbst in die Hand. Was bringen wir damit zum Ausdruck? Unsere Handlungsweise sagt: Gott Du kannst helfen bis zu einem bestimmten Punkt. Wenn dieser überschritten wird, bist Du nicht mehr zuständig. Dann muss ich selbst zusehen, dass es nicht zur Katastrophe kommt.

Das heisst im Klartext: Wir machen unseren herrlichen, über alles erhabenen Gott klein, und wir massen uns begrenzten, schwachen Menschen das Übermenschliche an. Das ist nichts weniger als grobe Majestätsbeleidigung. Und dies gegenüber der allergrössten Majestät im ganzen Universum! Hinter dem Sorgen-machen verbirgt sich also unsere tief verwurzelte Überheblichkeit. Unser Gefühl sagt uns, dass unsere letzte Sicherheit doch in der eigenen Hand liegen würde. Dieser Hochmut entspringt unserer Ursünde, der Auflehnung gegen Gottes Oberherrschaft.

Verstehen wir jetzt, warum Petrus uns mit solcher Dringlichkeit aufruft: «Demütigt euch unter die gewaltige Hand Gottes …» – und warum das Merkmal dieses Heruntersteigens lautet: «…indem ihr alle eure Sorge auf Ihn werft! Denn Er ist besorgt für euch.»

Was Petrus uns in Vers 7 sagt, ist weit mehr als eine freundliche Einladung, alle unsere Sorgen auf Ihn zu werfen. Es ist die existentiell erforderliche Grundhaltung im Zusammengehen mit Gott. Mit weniger würden wir Ihn beleidigen.

Ein Beispiel

Diese Sichtweise hilft uns auch, gewisse schwierige Begebenheiten aus dem Alten Testament besser zu verstehen. Wer die Geschichte von Sauls Verwerfung liest (1Samuel 13), kommt leicht in die Versuchung, Gottes Gerechtigkeit zu hinterfragen.

Hier soll König Saul vor dem Kampf gegen die Philister während sieben Tagen warten, bis Samuel kommt und das Brandopfer darbringt. Wohlverstanden, warten angesichts des feindlichen Heers! Der siebte Tag neigte sich bereits dem Ende zu, und Samuel war noch nicht gekommen. Diese Situation brachte König Saul so arg in Bedrängnis, dass er das Brandopfer schliesslich selbst opferte, obwohl er weder Priester noch Levit war.

Aus diesem Anlass sagte Samuel zu Saul Verse 13-14: «Das war unbesonnen von dir! Warum hast du dich nicht an den Befehl gehalten, den der Herr, dein Gott, dir gegeben hat? Dann hätte Er dir und deiner Familie das Königtum über Israel für alle Zeiten zugesprochen. Nun wird dein Königtum keinen Bestand haben, weil du dem Herrn nicht gehorcht hast. Er hat sich schon einen anderen ausgesucht, einen Mann, an dem Er Gefallen hat. Den hat Er zum Anführer seines Volkes bestimmt.»

Aus unserer Sichtweise hat Saul lediglich in einer Notsituation unbesonnen und voreilig gehandelt. Und wegen dieser Bagatelle wird ihm das Königtum Israels aberkannt. König David hingegen hat Ehebruch begangen und den Ehemann jener Frau (einen seiner Helden) ermorden lassen (2Samuel 11). Doch er findet Gnade und Vergebung. Und sein Königtum wird bestätigt. Ist das nicht ein Messen mit verschiedenen Ellen?

Zunächst sollte klar sein: Gott, der die Gerechtigkeit ‹erfunden› hat, wird niemals selbst ungerecht handeln. Wenn Er unser Leben beurteilt, wird Er zwar niemals über unsere Sünde hinwegsehen. Aber was letztlich zählt, ist nicht die ‹Schwere› unserer Sünde, sondern unsere ehrliche Umkehr, unser Vertrauen und unsere Liebe zu Ihm.

In diesem Sinn war die schwierige Situation bei Saul ein Prüfstein. Hier sollte sichtbar werden, dass Saul in der extremen Herausforderung nicht mehr auf Gott vertraute, sondern auf sich selbst. Sein Handeln hatte die Wurzeln nicht in der Liebe zu Gott, sondern in seinem Selbst. Diese Haltung war für Gott eine Beleidigung. Zwar hatte Saul rein formell Einsehen, aber er demütigte sich nicht vor Gott.

Bei David war es anders. Er war zwar tief gefallen, aber sein Vertrauen und seine Liebe zu Gott hörten nicht auf. Er demütigte sich vor Gott. In seiner tiefen Seelennot war es sein Anliegen, dass Gottes Ehre wiederhergestellt wird. Seine eigene Wiederherstellung vertraute er Gott an, d.h. er warf diese Sorge auf Gott.

Zusammenfassung:

Unser Vertrauen und unsere Liebe zu Jesus Christus werden unter anderem anhand unserer Umgangsweise mit den Sorgen gemessen.
Wenn wir in allen Lebenssituationen alle Sorgen auf Jesus Christus werfen, drückt dies wahre Demut aus. Der Mensch nimmt die Stellung ein, die ihm zusteht und anerkennt Gott in der Stellung, die Ihm zusteht.

Meine liebe Ehefrau hat jede Art von Sorgen gehasst wie die Pest. In der Rückschau frage ich mich, ob darin das Geheimnis ihrer inneren Freiheit und ihres auffallend sonnigen Gemüts lag, nämlich das Wissen: Ich bin Sein Kind – nicht mehr und nicht weniger. Und weil Gott mein Vater ist, sorgt Er vollkommen für sein Kind, ja, Er kann gar nicht anders, denn Er ist Gott.

Eine Antwort auf „Rosmaries Lieblingsverse – ein Vermächtnis“

  1. Demut? Demut soll es sein? Ich verstehe es eher als eine Frechheit wenn ich meine Sorgen einfach Gott „anwerfe“.
    Je länger ich mich aber mit diesem Text auseinandersetze, desto heller leuchtet Gottes Liebe und Fürsorge daraus.
    Er, der doch für jedes Problem, Leiden und Sorgen bereits eine Lösung hat, wie sollte Er es empfinden, wenn wir kaltschnäuzig seine Hilfe zurückweisen und auf die eigenen Auswege vertrauen.
    „Herr, schenke uns den Mut, in Deiner Demut zu leben und das beharrliche Vertrauen, dass Du für uns sorgen wirst, Amen“

    Lieber Heinrich
    Vielen Dank für das Veröffentlichen dieses Textes, er möge viele Glaubensgeschwister zum Nachdenken und zu einem besseren Umgang mit ihren Sorgen anregen.

    Liebe Grüsse
    Ernst

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