Römer 8,28 – Ein Axiom und die Konsequenzen

Mit dem Besuch der Notfallstation beginnt eine ganze Abfolge von Terminen. Untersuchungen, Diagnosestellung, Operation. Darauf folgt eine äusserst spannende Zeit, bis das Resultat der Histologie (Gewebeuntersuchung) bekannt gegeben wird. In dieser Zeit ist kein Ausweichen möglich, kein Verdrängen, kein Schönreden. Die Grundstruktur des Denkens und des Gottvertrauens werden in einem hellen Scheinwerferlicht durchleuchtet und geprüft. Und man muss Antworten finden, die dem Sturm standhalten. Es ist das, was ich gerade durchlebe, während ich dies schreibe.

Dieses Erleben ist eine Gelegenheit, mich eingehend mit dem viel zitierten Vers aus Römer 8,28 zu beschäftigen: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten dient, ihnen, die nach seiner freien Entscheidung berufen sind.“

In den vergangenen Tagen habe ich viel Anteilnahme und echten Zuspruch empfangen, worüber ich mich freute und es zu schätzen weiss. Zugleich ist mir jedoch bewusst, dass manche Menschen in ähnlicher Situation wenig Verständnis erfahren. Leider wird in schwierigen Situationen allzu oft der oben zitierte Vers aus reiner Verlegenheit zitiert. Eine echte Anteilnahme am Leiden anderer Menschen wäre dabei hilfreicher. Was hilft es dem anderen, wenn ich ihn darauf vertröste, dass es (wahrscheinlich) am Ende schon gut kommen wird? In so vielen Fällen haben Menschen wirklich auf Gott vertraut – und es kam nicht gut. Im Gegenteil, sie haben schwere Schicksale ohne Happyend erlebt.

Dieser Hintergrund konfrontiert uns mit der Frage: Ist das, was Paulus hier sagt, wahr, oder nur eben ein frommer Wunsch? Kann man sich im Ernstfall darauf verlassen?

Für mich ist Römer 8,28 ein Axiom, eine Aussage, die in sich selbst wahr ist und deshalb nicht bewiesen werden muss. Darum leitet Paulus den Satz nicht so ein: „Wir hoffen, dass,…“ sondern „Wir wissen, dass,…“ Und wie aus einem Axiom Theoreme abgeleitet werden, so ergeben sich auch aus der Aussage von Römer 8,28 einige Konsequenzen.

  1. Ich muss anerkennen, dass das „Gute“, von dem hier die Rede ist, nicht nur den Bereich umfasst, der mir angenehm und wünschenswert erscheint, sondern wie Paulus es hier ausdrücklich formuliert: „Alles“! Kann es also sein, dass auch schwierige Wege, Scheitern, Verlust, Schmerzen und Leid dazu gehören? Nein, gewiss nicht! All dies ist nicht substantiell gut. Und Paulus meint es auch nicht in der Weise.
    Der Apostel qualifiziert hier nicht das Negative an sich, sondern das Resultat, welches daraus entstehen soll. Seine These lautet nicht „alles ist gut“, sondern „alles dient zum Guten.“ Es handelt sich also um die Plattform, auf welcher Gott für mich Gutes wirkt. Wenn wir die Bibel durchstöbern, fällt sofort auf, dass unser Gott darauf spezialisiert ist, auf negativem Hintergrund positive Resultate hervorzubringen.
  2. Nun ist es nicht so, dass wir automatisch das Gute erkennen würden, zu welchem alles hinführen muss. Wir sind herausgefordert, ein wenig Denkarbeit zu leisten, d.h. uns immer wieder die Frage zu stellen: „Was haben die Schwierigkeiten und Nöte in meinem Leben bewirkt?“ Dann wird uns bewusst, dass das gute Resultat sich nicht vorrangig auf irdische Wohlfahrt bezieht, sondern auf Charakterbildung, Veränderung des Denkens, neue Zielsetzungen, kurz: Wir sollen immer mehr Christus ähnlich werden. Vor allem werden wir auch erkennen, dass sich das Gute in der Beziehung zu unseren Mitmenschen zeigt. Durchgestandene Nöte und Leiden werden so oft zum reichen Segen für andere.
  3. Und wenn nichts von all dem sichtbar wird? Auch dann bleibt Gottes Wort wahr. Unsere Vor-Vorfahren haben sich in schwierigen Zeiten an Gottes Zusagen im Blick auf das zukünftige ewige Leben gehalten und daraus Hoffnung und Kraft geschöpft. Demgegenüber konzentriert sich unsere heutige Christenheit mehrheitlich auf den gegenwärtigen Komfortbereich – und steht dabei in der Gefahr, eine wesentliche Dimension des Glaubens aus den Augen zu verlieren.
    Es ist mir bewusst, dass ich mit diesen Gedanken bei manchen Christen anecke. In meinem Alter schliessen die Gespräche automatisch auch das Lebensende mit ein. So oft habe ich bei Plaudereien den Wunsch gehört: „Am liebsten möchte ich einfach einschlafen und drüben erwachen.“ Natürlich habe ich dafür Verständnis. Es ist menschlich. Aber wenn ich dann entgegne: „Das wünsche ich mir nicht“, sind die Gesprächspartner irritiert oder schockiert.

    Ich muss meine Haltung erklären: Dabei gehe ich von einer ganz simplen Rechnung aus, die man in der Unterstufe lernt. Eine grosse Zahl mal eine grosse Zahl ergibt ein sehr viel grösseres Produkt, als wenn ich eine kleine Zahl mit einer kleinen multipliziere. Logisch. Auf das Leben angewandt heisst dies: Das Erdenleben ist sehr, sehr kurz und was es hier zu leiden gilt, ist zeitlich beschränkt. Andererseits ist die Ewigkeit sehr, sehr lang, unendlich lang. Und dort werden wir ernten, was wir hier gesät haben. Welch gewaltige Bedeutung bekommt damit jeder einzelne Augenblick unseres irdischen Lebens! Daraus lässt sich meine Haltung nachvollziehen.

    Um richtig verstanden zu werden: Ich wünsche mir sicher nicht unnötige Leiden herbei. Ich bin auch ein Mensch aus Fleisch und Blut und neige dazu, dem Schweren und Leidvollen auszuweichen. Aber im Blick auf die lange Ewigkeit will ich nicht ausweichen. Ich wünsche mir ein solches Ende, das genau zugemessen ist auf das, was noch notwendig ist als Vorbereitung im Blick auf das Zukünftige. Ja, auch dann, wenn es hier noch ein Stück Leidensweg sein sollte. Bitte, nicht falsch verstehen! Ich meine nicht, dass man sich durch Leiden bessere Karten für die Ewigkeit verdienen könnte. Eine solche Auffassung wäre völlig falsch.
    Aber wenn Gott findet, dass ich als Zubereitung auf die kommende Herrlichkeit noch eine mit Leiden verbundene Wegstrecke nötig hätte, will ich es dankbar akzeptieren.
    Wie dankbar bin ich, dass mein HERR, Jesus Christus, vor dem schweren Weg ans Kreuz nicht ausgewichen ist, sondern durchgehalten und uns gerettet hat.

P.S. Den Ausgang meiner Situation werde ich hier ergänzend zufügen, sobald ich am 3.3.2022 Bescheid über die Resultate erhalten haben werde. Siehe Fortsetzung unten!

Nachtrag vom 3.03.2022:

Soeben komme ich vom Arztbesuch zurück – mit einer guten Nachricht, dass der histologische Befund Entwarnung bedeute! Beim entfernten Tumor handle es sich um ein gutartiges Geschwür. Nun muss ich nur vierteljährlich und später halbjährlich zur Kontrolle gehen. Viel Grund, unserem grossen Herrn zu danken!

Nachtrag vom 21.09.2022:

Nach einem erneuten Aufenthalt in der Notfallklinik wurde am 12. September eine zweite, etwas aufwendigere Operation durchgeführt. Heute am 21. September wurde mir der Histologiebericht mitgeteilt. Der Arzt, welcher die Operation durchgeführt hatte, erklärte mir sehr behutsam, dass der Tumor in der Harnblase im Gegensatz zum Frühjahr nun aggressiver geworden sei. Daraufhin fragte ich konkret nach, ob aggressiver bedeute, dass der Tumor jetzt kanzerös (= bösartig, Krebs) sei. Der Arzt sagte „Ja“.

Ich war innerlich so darauf vorbereitet und getragen, dass ich dieses „Ja“ entgegennehmen konnte, wie wenn ich den Arzt gefragt hätte, ob es morgen regnen wird und er mit „Ja“ geantwortet hätte. Es war einfach normal. Die Diagnose gehört nun zu mir und sie schmälert die Liebe Gottes in keinster Weise. Im Gegenteil, im Leiden ist Gott näher, und seine Liebe wird viel konkreter erlebt. Und ein weiterer Pluspunkt: Viele beten für mich – und das gibt Kraft und Zuversicht, denn Gott lässt Gebete nicht unbeantwortet.

Nachtrag vom 29.12.2022

Mit guter Nachricht ins neue Jahr!

Nach einer etwas herausfordernden Immuntherapie (Instillation eines Medikaments mit abgetöteten Tuberkelbakterien) wurde vor einer Woche wieder eine Kontrolle durchgeführt.

Heute lag nun der Histologiebericht jener Untersuchung vor. Der Arzt erklärte, dass keine Krebszellen mehr gefunden worden seien. Somit habe ich viel Grund zum Danken und darf mit grosser Zuversicht ein neues Jahr betreten

Eine Antwort auf „Römer 8,28 – Ein Axiom und die Konsequenzen“

  1. Hoi Heini
    Ich stosse auf Deine Adresskarte. Seit längerem gehe ich wieder mal auf Deine Homepage und lese Deine Gedanken zu Rö 8:28. Und wieder einmal bin ich von Deinen Ausführungen sehr berührt. Ich lag grippemässig 2 Wochen im Bett, ebenso meine Frau Bettina. Auch unser Wohnheim Hochwart hats erwischt, Mitarbeiter wie Bewohner. Die vorschriftsmässige Testerei ergab, dass wir alle POSIVITIV wären. Trotz anspruchsvoller Zeit dürfen wir gestärkt aus diesen Erfahrungen hervorgehen, gesund und positiv, denn wir haben Christus in unserem Herzen. Was kann uns Besseres passieren?
    Ich bin evtl. im Herbst auf Beatenberg. Gerne werde ich dich dann besuchen. Gott segne Dich.
    LG René Keller

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