Sagt den Gefangenen, dass sie los sein sollen!

(Lukas 4,18)

Gestern Abend (8.09.2024) klingelte das Telefon. Ein langes Gespräch folgte. Anderthalb Stunden lang. Und in dieser Zeit wurde mir neu bewusst, wie hoch aktuell das Thema „Sucht“ ist. Es reicht bis an unsere Haustür.

Natürlich denkt man bei diesem Thema zuerst an Drogen – und klammert die weiteren Gedanken einfach aus, weil die erforderliche Hilfe ja ohnehin von professioneller Seite her kommen muss. Süchte beschränken sich jedoch nicht auf Drogen, Alkohol, Medikamentenmissbrauch und Nikotin, bei denen es zu einer stofflichen Abhängigkeit kommt.

Zwanghaftes Verhalten gibt es in allen Lebensgebieten. Wenn ich hier einige erwähne: Esssucht (Bulimie), Spielsucht, Streitsucht, Handysucht, Internetsucht, Pornosucht, ja auch Arbeitssucht (Workaholic) gehört dazu und viele weitere Süchte. Erstaunlicherweise bleiben Menschen, die mit Jesus Christus unterwegs sind, keineswegs davor verschont. Im Gegenteil, gerade junge, überzeugte Christen haben oft extrem Mühe, von zwanghaftem Verhalten loszukommen.

Aber, warum beurteile ich hier das zwanghafte Verhalten von Christen so negativ? Gehört es nicht einfach zu unserem Leben? Nein, es gehört nicht zum Wesen eines wiedergeborenen Menschen, denn ein befreites Christenleben wird vom Heiligen Geist geleitet und steht nicht unter dem Diktat von Zwangshandlungen.

Warum haben trotzdem so viele junge Christen mit Zwangsverhalten zu kämpfen? Hat uns Christus nicht aus der Macht des Bösen befreit? Ist Er nicht der Sieger über Hölle, Tod und Teufel? Lässt Er uns nicht Anteil haben an Seinem Sieg? In Psalm 118,15-16 wird doch dieser Sieg proklamiert:

„Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten: Die Rechte Hand des HERRN behält den Sieg! Die Rechte Hand des HERRN ist erhöht; die Rechte Hand des HERRN behält den Sieg!“

Folgendes müssen wir wissen:

  • Der Sieg von Jesus Christus steht für alle Zeiten fest, und Er sagt (Joh 8,36):
    „Wenn der Sohn [Gottes] euch frei macht, dann seid ihr wirklich frei.“
  • Obwohl diese Zusage unbedingt gilt, funktioniert sie nicht wie ein Automatismus auf Knopfdruck. Begründung: Wir verfügen nicht über Gottes Heilsgüter. Gottes Zusagen sind nicht unserem Willen unterworfen, sondern sie wirken sich aus, wenn wir uns ganz unter Gottes Herrschaft unterordnen. Damit bleibt die Befreiung aus Gebundenheiten stets Sein Werk.
  • Ein typischer Unterschied zwischen lebendigen Christen und Nichtchristen: Nichtchristen haben in der Regel keine Probleme mit zwanghaftem Verhalten. Sie entschuldigen ihren Lebensstil mit der Aussage: „Das machen doch alle.“
    Auf der anderen Seite leiden Christen oft extrem unter ihren Gebundenheiten, weil das praktische Verhalten eine andere Sprache spricht, als ihre Liebe zu Jesus.
  • Der Satan hat ein ureigenes Interesse, vor allem die jungen, heranwachsenden Gläubigen durch alle möglichen Gebundenheiten in einen zermürbenden und aussichtslosen Kampf zu verwickeln. Auf diese Weise kann er sie entmutigen, in Zweifel stürzen, ihr Selbstwertgefühl zerstören, ihr Zeugnis unglaubwürdig machen. Er arbeitet auf das Ziel hin, dass sie des Kampfes müde werden und die bewusste Jesusnachfolge aufgeben sollen.
  • Erschwerend kommt hinzu, dass Gebundenheiten im Zusammenhang mit Sexualität (von zwanghaften Gedanken und Vorstellungen bis hin zum zwanghaften Konsum von Pornographie) in die Isolation führen. Man schämt sich vor sich selbst, dass man als Christ auf diesem Gebiet Mühe hat. Und vor allem schämt man sich, darüber zu reden. Man schämt sich, zu einem Seelsorger zu gehen, weil man „das Gesicht verlieren“ würde. Auch dies gehört in Satans Trickkiste, denn Gläubige, die ihre Probleme nicht lösen, sondern hinter einer aufgesetzten guten Mine verstecken müssen, sind kein attraktives Aushängeschild für Gottes Sache.
  • Besonders schwierig wird es, wenn suchthaftes Verhalten nicht einer Lösung zugeführt, sondern zur Gewohnheit wird. Damit akzeptiert man sein eigenes Doppelspiel zwischen dem wirklichen, aber versteckten Leben und jener Fassade, die zur Anerkennung im Umfeld nötig ist. Das Doppelspiel wird zur eigenen Identität.
  • Es schmerzt zutiefst, wenn ich daran denke, dass es geheime Pornosucht auch in den Reihen von Gemeindeältesten und sogar von Gemeindepastoren gibt. Es steht mir nicht zu, ein richtendes Urteil zu fällen. Aber die Fragen seien erlaubt: Wie sollen solche Leiter die Gemeindeglieder zu einem geheiligten Lebensstil anleiten, wenn sich Gottes befreiende Macht in ihrem eigenen Leben nicht offenbaren kann? Und wie sollen sich die Wirkungen des Heiligen Geistes in der Gemeinde entfalten, wenn Gottes Geist im Leben der Verantwortlichen behindert wird?

Die Hilfe

Die billigste und schlechteste Art, auf Menschen mit Suchtproblemen zu reagieren, ist das Stigmatisieren, d.h. sie in eine Schublade, in eine Kategorie einzusortieren. Aufforderungen im Konjunktiv „du solltest“, „als Christ müsstest du doch“ usw. sind kontraproduktiv und verhindern jede Veränderung.

Was Menschen mit Suchtproblemen brauchen, sind Menschen, die zu ihnen stehen, die an sie glauben. Menschen, die nicht das Problem, sondern den leidenden Menschen betrachten. Menschen, die mit einem väterlichen/mütterlichen Herzen Anteil nehmen an der Not. Menschen, welche die kampfesmüde Person an die Hand nehmen und mit ihr zusammen geduldig kleine Schritte vollziehen, bis ein Ziel erreicht wird. Das ist praktische Seelsorge.

Lasst uns in unserer Gesinnung so werden wie Jesus Christus. Von Ihm heisst es in Hebräer 4,15:

„Dieser Hohe Priester hat Mitgefühl mit unseren Schwächen, weil Ihm die gleichen Versuchungen begegnet sind wie uns – aber Er blieb ohne Sünde.“

Die schönste Erfahrung habe ich gemacht, als ich mit einer hilfesuchenden Person eine Abmachung getroffen hatte. Sie lautete: „Wir arbeiten drei Wochen lang zusammen. Ich unterstütze dich, indem ich während diesen drei Wochen keine Süssigkeiten esse und du legst mir jeden Tag Rechenschaft ab, wie du mit deiner Sucht umgegangen bist.“

Eine weitere effektive Hilfe ist das Gebet für den Hilfesuchenden. Darunter verstehe ich nicht nur die Fürbitte als solche, sondern einen Gebetsdienst im Sinn eines stellvertretenden Glaubens. Hier denke ich an jene Männer, welche einen Gelähmten zu Jesus bringen wollten. Weil der Platz versperrt war, stiegen sie auf das Dach und liessen den Patienten durchs aufgedeckte Dach hinunter.

In diesem Zusammenhang heisst es Markus 2,5:

„Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach Er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“

Da war also offensichtlich der Glaube jener Träger massgebend, dass Jesus dem Gelähmten Vergebung zusprechen und ihn anschliessend heilen konnte. In solchem stellvertretenden Glauben sehe ich ein grosses Potential, welches wir viel mehr nutzen sollten.

Schliesslich wären gerade in unserer Zeit Männer und Frauen nötig, welche so intensiv und so unmittelbar mit Gott leben, dass Gott ihnen verborgene Nöte im Leben ihrer Mitchristen offenbart, so dass sie dann in einer priesterlichen Gesinnung die erkannten Nöte vor Gottes Thron bringen und in einem weiteren Schritt die betreffende Person, von der Liebe Christi bewegt, ansprechen.

Als Grundsatz für die Umgangsweise mit Christen, die an Gebundenheiten leiden, kann Kolosser 3,12 als Richtschnur dienen:

„So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.“

Ein Vortrag zum Thema

Vor genau 50 Jahren habe ich einen Vortrag aufgenommen von Dr. med. Willi Sartorius. Er war ein bekannter und tüchtiger Hausarzt in Maienfeld, Graubünden. Leider geriet er bald in eine Alkoholabhängigkeit und hat auf dem Tiefpunkt seines Lebens eine sehr bewegende Befreiung erlebt. Daraufhin hat er sich beim Blauen Kreuz engagiert und weitherum, auch international, Vorträge zum Thema Suchtgefahren gehalten. In diesem Rahmen kam er alle zwei Jahre für eine Vortragsreihe zur Bibelschule Beatenberg und orientierte die Studierenden über Suchtgefahren.

Den folgenden Vortrag habe ich im Jahr 1974 aufgenommen. Im ersten Teil spricht Dr. med. Sartorius über medizinische Aspekte zum Suchtverhalten. Im zweiten Teil berichtet er sehr offen und ehrlich über die Anfänge und die nicht aufzuhaltende Entwicklung seiner eigenen Alkoholsucht und wie er dann auf wunderbare Weise davon befreit wurde.

Vortrag von Dr. med. Willi Sartorius: „Jesus ist stärker als die Sucht“



Bildnachweis Titelbild:

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